Computational Couture
3D-Drucker lehren dem Modesystem das Fürchten
In der Mode könnten 3D-Printer das werden, was PCs für die Textverarbeitung waren bzw. sind: Game Changer, die Produktionsprozesse gründlich umkrempeln. Johannes Thumfart hat sich durch eine neue Szene voller flüssiger Formen gewühlt, die dem Modesystem das Fürchten lehren wird.
Die Ankündigung des Bikinis N12 vom US-amerikanischen Designerduo Continuum verursachte einen ziemlichen Wirbel. Es handelt sich nämlich um das erste serienmäßig hergestellte Kleidungsstück, das ganz aus dem 3D-Drucker kommt. Im konkreten Fall werden weiße Nylonplättchen wie Pailletten miteinander verschweißt, wodurch das Gefühl eines fließenden Textilstoffs entstehe, wie die Designerinnen Mary Huang und Jenna Fizel erklären. Die Optik ist futuristisch – teils wegen der ungewöhnlichen Produktionsweise, teils aus Gründen des Geschmacks. Die neue Stilrichtung, die sich abzeichnet, hat für die beiden auch schon einen Namen: Computational Couture. Im Interview äußern sie sich euphorisch über diese Melange aus Mode und Technik: “Wir haben unsere Firma Continuum mit der Ambition gegründet, die Zukunft der Mode zu definieren. Und wir denken, diese Zukunft wird davon abhängen, wie wir die neuen Technologien zu nutzen wissen.”
Mode zum Selbermachen, Kleiderproduktion am heimischen Computer: Man lädt sich einen Entwurf aus dem Internet und druckt ihn zuhause aus – fertig ist das Kleid, der Anzug, der Schuh, das Accessoire. So zumindest wollen es Mode-Visionäre wie Continuum. Ihre Ideen basieren auf der Technik des 3D-Druckens, die schon lange in der industriellen Produktion verwendet wird, aber gerade dank bezahlbarer Geräte wie MakerBot oder RepRap auch im Privatbereich ankommt. Vereinfacht gesagt werden dabei nach den Vorgaben aus dem Rechner Plastikfasern zu Objekten geschmolzen. Auf Seiten wie thingiverse.com und shapeways.com gibt es schon jetzt Armreifen, Fliegen und Ringe zum Selbstausdrucken. Die digitale Revolution der Modewelt, sie steht einmal mehr unmittelbar bevor.
Flüssige Form
Seinen großen Auftritt in der Modewelt hatte das 3D-Printing auf der Amsterdam International Fashion Week im Juli letzten Jahres. Die erst 26-jährige Arnheimer Designerin Iris van Herpen präsentierte dort ihre Kollektion “Crystallization”, die sie in Zusammenarbeit mit dem Architekten Daniel Widrig entworfen hat. Schon der Name verrät, was der charakteristische Zug der Mode aus dem Drucker ist: Ähnlich wie in der computergenerierten Blob-Architektur in der Art Greg Lynns werden die Formen flüssiger. Das ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Bearbeitung am Rechner eine wesentlich größere Genauigkeit und Flexibilität ermöglicht als herkömmliche Designmethoden. Es handelt sich aber auch um ein Statement. Trotz einiger historistischer Anleihen aus der Modegeschichte sind van Herpens Entwürfe ungewohnt eigenständig und scheinen geradezu zu schreien: Schluss mit dem postmodernen Recycling, die Zukunft ist da! Und so wird van Herpen, die bereits als Assistentin für Alexander McQueen gearbeitet hat, in den Niederlanden bereits als Antwort auf den High-Tech-Designer Hussein Chalayan gefeiert. Ab dem 30. Juni 2011 werden ihre spektakulären Stücke im Rahmen der Berliner Ausstellung “Basic Instincts” zu sehen sein.
Aber Continuum und van Herpen sind nur die momentan am deutlichsten sichtbaren Vertreter einer Szene, die bereits längere Zeit existiert. So druckt die Londoner Designerin Marloes ten Bhömer schon seit Jahren ganze Schuhe aus Kunststofffasern, wobei ebenfalls immer wieder neue, überraschende Formen entstehen. Und während es normalerweise die Aufgabe von Schuhmode ist, die Eleganz von Beinen und Füßen zu betonen, geht ten Böhmer den umgekehrten Weg und verändert gleich die ganze Silhouette. Ungewohnt klobig, aber paradoxer Weise zugleich aerodynamisch wirken ihre Entwürfe ganz so, als könne man kaum in ihnen gehen. Ähnlich wie in der futuristischen Mode Gareth Pughs drückt sich hier ein ästhetischer Posthumanismus aus, der sich eher am Insekt als am Menschen orientiert.
Morphogenesis
Mit der Formensprache der 3D-Drucker-Szene spielt auch die Londonerin Chloë McCormick, insbesondere mit der Grobfaserigkeit von 3D-Drucken geringer Qualität. In ihren Accessoires verbindet sie raue Kunststoff-Fasern mit handgewebten Mustern, die an südamerikanische Traditionen erinnern. Und das ist auch eine Art, die Rolle der neuen Technik in der Mode zu sehen: Im Grunde bringt sie nichts Neues. Mit ihrem notgedrungen rasterhaften Aussehen nahmen gewebte Muster die Pixelgrafik gewissermaßen vorweg – Jahrtausende, bevor es Siliziumchips gab.
Wenn es um eine Kombination der neuen Möglichkeiten mit der Design-Geschichte geht, besticht besonders die Arbeit Pauline van Dongens. Ihre 3D-gedruckte Schuhkollektion “Morphogenesis” zeigt nämlich, woher man diese Art fließender Ästhetik eigentlich kennt, die heute fast alle bevorzugen, die an Computern designen. Die Londonerin hat sich schlicht an der Mutter aller Zukunfts-Entwürfe, dem Jugendstil, orientiert. Und van Dongens fließende Formen zwischen Kunst und Natur sehen so aus, als habe der Jugendstil auf die Möglichkeit des 3D-Printings geradezu gewartet.
Game Changer
In der Modeproduktion könnten 3D-Printer das werden, was Computer in den Bereichen Kommunikation und Textverarbeitung wurden und sind: Game Changer, die den Herstellungsprozess vollkommen umkrempeln. Und während wir uns längst daran gewöhnt haben, unabhängig von räumlicher Entfernung autonom zu arbeiten, scheint es ein Anachronismus, dass dies gerade für den Produktionssektor noch nicht gilt. Wenn man beispielsweise daran denkt, wie viel Treibstoff gespart werden könnte, wenn der Herstellungsprozess dezentralisiert würde, kann man die Notwendigkeit und die Bedeutung dieser Idee gut erfassen. Gerade im Modebereich, der hauptsächlich von Importen lebt, würde der Ausdruck am heimischen Schreibtisch eine gewaltige Veränderung mit sich bringen.
Die Verbreitung von Mode-Designs über das Netz könnte zudem die Mode auf dieselbe Weise beschleunigen wie die Musik in den letzten Jahren. Designer könnten ihre Entwürfe völlig abseits der Modeindustrie unter die Leute bringen, die sie Zuhause ausdrucken. Die Vertriebsfrage wäre nebensächlich. Das größte Problem ist, dass das im Moment nur für Kleidungsstücke und Accessoires aus Plastik gilt – jenem Material, dem jeder abschwört, sobald er Aufnahmen von der Plastikinsel im Pazifik gesehen oder Nylonfasern an einem heißen Tag getragen hat. Ein mit Baumwoll-Patronen gefütterter Drucker könnte Abhilfe schaffen.
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