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20.07.2007 | 11:18
 
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Special: Der Faden der Geschichte

Mode vs. Geschichtsschreibung


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Von Jan Joswig aus De:Bug 114

Je mehr ein Bereich von Geschmacks- statt von Funktionsentscheidungen bestimmt wird, desto schwieriger ist es, Entwicklungslinien plausibel zu machen, geschweige denn, Prognosen zu riskieren. Warum sich im Basketball die galvanisierte Sohle durchgesetzt hat, ist einfach aus der Funktion zu erklären. Aber warum sind 2007 Metallic-Herrenslipper en vogue? Geschmack ist ein äußerst weicher Faktor, der sich aus vielfältigsten Quellen speist. Alleine das Aufspüren der Quellen ist reinste Sysiphosarbeit. Das Argumentieren, warum sich welcher Geschmack wann durchsetzt, Rumgestochere im Nebel.

Modemagazine werfen sich deshalb punktuell auf den jeweiligen aktuellen Trend, die vermeintlichen “Must haves“. Saisonübergreifende Betrachtungen blenden sie aus. Es ist eine Binsenweisheit, dass sich nichts so schnell wandelt wie die Mode. Aber wie und warum sie sich wandelt oder ob sie sich nicht nur immerwährend im Hamsterrad dreht, diese Fragen überlässt die saisonale Modepresse der Wissenschaft – die sich wenig interessiert zeigt, lässt man Roland Barthes (“Die Sprache der Mode”, 1967) oder Elena Esposito “Von der Verbindlichkeit des Vorübergehenden: Paradoxien der Mode”, 2004) beiseite. De:Bug wirft in diesem Mode-Special einen Blick auf die nebligen Strecken mit ihren weichen Faktoren zwischen den Trends, auf das Unfixierte zwischen den fixierten Hypes der Saison, auf den Faden der Geschichte.


Designer- vs. Jugendmode


Auf das Feld der Mode richten sich zwei Hauptperspektiven, je nachdem, welche Quelle sie für maßgeblich halten: den Designer oder den Träger. Die Geschichte der Jugendmoden wird von ihren Trägern geschrieben, die der Hochglanz-Mode von den Designern. Designermode und Jugendmode laufen parallel. Der erste namhafte Haute-Couture-Designer war Frederick Worth im Paris der 1860er-Jahre, der erste Prominente der Jugendmode Marlon Brando in “The Wild One” 1953.


Jugendmode funktioniert seit Rock’n'Roll und Beatniks über Punk und HipHop bis Street- und Clubwear nach dem gleichen Schema: Nimm etwas aus der Nichtmodewelt – Lederjacke und Rippenunterhemd bei Brando, Trainingsanzug beim HipHop oder Armeehosen in der Clubwear – entreiße es seiner alten Funktion und erhebe es zu Stil. Jugendmode wird von ihren Trägern selbst entworfen, nicht von Designern vorgeschlagen – oder diktiert, wie man es sehen will. Deshalb ist sie auch ein dankbares Thema für Soziologen wie Dick Hebdige auf der Suche nach dem mündigen, selbst bestimmten Teenager.


Designermode ist ein Luxusprodukt, das Modeschöpfer ihren ergebenen Trägerinnen (Träger spielen eine lächerlich untergeordnete Rolle) auf den Körper diktieren. Die Trägerinnen fühlen sich durch das Diktat umso freier und überlegener. Dieses Gefühl geben sie nach unten ans Volk weiter, das dann die C&A- und H&M-Imitate kauft (oder sich davon emanzipiert und seine eigene Mode entwirft, siehe Jugendmode). Die Designer brauchten bis in die 1960er-Jahre, um eine Frau nicht mehr automatisch als Dame zu denken. Erst Ossie Clarke und Mary Quant in London oder André Courrèges und Yves Saint Laurent in Paris haben sich von der swingenden Jugend und ihrem Selfmade-Stil anstecken lassen.

In den 80ern begannen die Grenzen zwischen Jugend- und Designer-Moden zu verschwimmen. Die Luxus-Designerwelt drang durch erschwingliche Marken wie Fiorucci, Diesel oder Closed, die die Aura von Designernamen transportierten, in die Jugendmodewelt ein. Andererseits brachte Streetwear, gerade erst als solche in der Nach-Punk-Phase definiert, mit Shawn Stüssy und Paul Mittleman ihre ersten eigenen Designer (Stüssy, gegründet 1980) hervor. Das Patchwork von Designermode, Streetwear und Second Hand, das in den 70ern noch Avantgarde war, setzte sich als Normalfall durch, ideologische Hemmschwellen fielen von allen Seiten.


Ein gemeinsamer Hang zu Plakativitäten einte obendrein Designer- und Streetwear-Mode: die Logo-Manie. Was mit Stüssy- oder X-Large-Aufdrucken auf T-Shirts, dem Diesel-Irokesen auf Blousonrücken und dem Calvin-Klein-Schriftzug auf Rippenunterhosen begann, führte schnell zum Konsumenten als Litfaßsäule, einer bunt zusammengewürfelten Litfaßsäule. Sneakerheads in den 70ern wäre es ein Gräuel gewesen, Reebok-Schuhe mit einem Nike-Sweatshirt in einem Outfit zu mixen. Aber spätestens seit den 90ern wandelte sich Markenloyalität zum reinen Vorzeigen von Luxus – wobei der Luxus nicht in der Qualität des Produktes liegt, sondern nur in dem aufgedruckten Logo. Eine ordinäre Pervertierung des Designgedankens. Das Schöne wird durch das Plakative ersetzt. Das gesamte Problem der Fake-Produkte konnte nur entstehen, weil das Logo auf der Klamotte viel wichtiger wurde als die Klamotte selbst. Dieser Overkill endet damit, dass die Problemviertel-Kids Cordon-Jacken mit Fake-Gucci-Golfkappen kombinieren – und dass slicke Jeansmarken wie Acne und APC komplett auf Branding verzichten.


Mit einem Intermezzo in den 90ern, als Techno Clubwear-Marken wie Sabotage oder John Doe populär machte, von denen heute niemand mehr spricht, hat sich das oben angesprochene Patchwork bis in die 2000er verfestigt. Junge, mit Ironie spielende Designermode im Zuge der Antwerpener Sechs (erste gemeinsame Schau in London 1981) hat sich in London (und Berlin) immer nachhaltiger ausgebreitet. Electroclash und New Rave geben Zeugnis davon. Elegante Designerentwürfe bringt der Billiganbieter H&M (übrigens schon 1972 gegründet) über seine Kollaborationen mit Lagerfeld, Viktor & Rolf und Stella McCartney an die Jugend. Die Verpflichtungen von Yamamoto für Adidas, Kim Jones für Umbro, Jessica Ogden für Fred Perry oder Alexander McQueen für Puma schließen ebenfalls den Graben zwischen Designer-Mode und Streetwear, genauso wie die “Luxus“-Streetwear von Visvim, A Bathing Ape oder Alife.


Das Interesse aneinander ist von beiden Seiten so groß wie nie zuvor. Wahrscheinlich ist die ungebrochene Popularität einer edlen Rotzgöre wie Kate Moss bester Beweis dafür, wie sehr sich die Welten umarmen. Oder ist es doch eher ein Ringen?


In unserem Mode-Special aus der aktuellen De:Bug (In den nächsten Wochen sukzessive auch online) fragen wir die Spezialisten Steven Vogel, Autor des Überblicksbuches “Streetwear“, Alicia Drake, Autorin der Laurent/Lagerfeld-Biographie “The Beautiful Fall“, und Gert Jonkers, Herausgeber von “Fantastic Man“, danach, wie sich die Felder entwickelt haben und wo sie historisch nachhaltig kollidiert sind. In der Fotostrecke springt der japanische Künstler Yoshiaki Kaihatsu mit Streetwear-Jacken um, wie es sich kaum ein Designer trauen würde. Außerdem graben wir aber ein paar Klassiker aus, die zu Unrecht verschollen sind. Denn so viel Kollision mit dem Zeitgeschmack muss drin sein.

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