Yoshiaki Kaihatsu: Ein Herz für Trainingsjacken
Stoffgestalten aus und am Trainer

Der Japaner Yoshiaki Kaihatsu ist Künstler, nicht Modedesigner. Kleidung ist für ihn nur ein weiteres vorgefundenes Material, mit dem er seine Recyclingkunst umsetzt. Bekannt ist er vor allem für seine Iglus aus Styropor, die dramatisch von innen ausgeleuchtet sind. In Deutschland hat er bereits in der Neuen Nationalgalerie Berlin und im ZKM Karlsruhe ausgestellt. Gerne greift er in den Alltag ein, dort, wo man keine Kunst erwartet. Aus Pornoheften hat er kleine Origamitierchen gefaltet und sie auf amerikanischen Plätzen aufgestellt.
In der Reihe “Gift“ nimmt er Adidas-Trainingsjacken als Materialfutter für Stofftiere. Die Tiere nutzen die Jacken wie Raupen die Baumblätter, sie fressen Löcher hinein. Während die Raupen sich verpuppen, schneidert Kaihatsu die Stofffetzen zu possierlichen Tierchen zusammen, die dann aus der Jacke auferstehen. Im Falle von “Gift“ bleibt der Wirt, die Klamotte, untrennbar mit dem Tier verbunden. Man kann das Tier als Spielzeug mit Jackenanhang benutzen oder die Jacke als Kleidungsstück mit Tieranhang. Beide Teile sind gleichgewichtig. Nur die Tiere kommen nicht so schnell aus der Mode.

De:Bug: Herr Kaihatsu, Sie sind Japaner, haben sich aber für deutsche Trainingsjacken entschieden?
Yoshiaki Kaihatsu: Als Grundschüler wurde mir immer die Rolle des Torwarts überlassen, weil ich ziemlich groß bin. Ab 2005 lebte ich in Deutschland. Seitdem fühle ich mich mit Beckenbauer und Adidas verbunden.
De:Bug: Sie schneiden Löcher in die Kleidung. Haben die Löcher eine Bedeutung für Sie?
Yoshiaki Kaihatsu: Die Löcher spielen keine große Rolle bei der Erstellung der Objekte. Ich mache sie eigentlich nur, weil es notwendig ist. Keiner möchte Kleidung tragen, die Löcher hat.
De:Bug: Sehen Sie sich in einer bestimmten japanischen Tradition?
Yoshiaki Kaihatsu: Eltern geben Geschichten an ihre Kinder weiter. “Gift“ soll den Mode-Geschmack der Eltern an die nachfolgende Generation weitergeben. Ein Kleidungsstück ist etwas sehr Persönliches, das irgendwann abgelegt, weggeworfen wird. Aber die aus Kleidung gefertigten Puppen überdauern die Generationen.
De:Bug: Früher haben Sie darauf bestanden, dass Grau Ihre Lieblingsfarbe ist. Bei “Gift“ arbeiten sie mit einer bunten Farb-Palette.
Yoshiaki Kaihatsu: Ich hatte Grau als Konzeptfarbe ausgewählt und von 1995 bis 2006 auch nur Grau getragen. Ich hatte versucht, Farbe aus meinem Privatleben zu entfernen, um dadurch das Recht auf eine andere Kraft zu erwerben. So ähnlich wie Mönche versuchen, Gott nah zu kommen, wenn sie ins Kloster eintreten.
De:Bug: Auch wählt man in Japan diesen Weg, wenn man einen besonderen Wunsch erfüllt haben möchte, wie nicht mehr zu rauchen oder Ähnliches.
Yoshiaki Kaihatsu: Ein weiterer Grund für das Grau lag darin, dass ich Grau als Zwischenfarbe begreife, weder Weiß noch Schwarz, ganz ähnlich wie die Japaner selbst. Denn Japan ist ein zweideutiges Land, weil seine Menschen weder Ja noch Nein sagen können. Mit der Farbe der Zweideutigkeit habe ich zugleich Japans Abbild gezeigt. Die Farbe steht für den Japaner.
Diesmal interessierte ich mich allerdings insbesondere für die bunten Stoffe der Adidas-Kollektion “Materials of the World“, weil sie aus verschiedenen Ländern der Welt gekommen sind. Entsprechend dem Image der Kleider habe ich bekannte Tiere des jeweiligen Landes entworfen. Aus “afrikanischem“ Stoff habe ich eine Giraffe und aus dem “englischen“ Stoff einen Bären gefertigt. Dieses Mal haben meine Kunstwerke zudem meist drei Augen oder zwei Köpfe. Ich möchte merkwürdige Stücke machen, gerade da wir meist keine verzerrten Dinge mögen. Im Fernsehen sind Stars schöne Männer oder schöne Frauen. Meine Werke hingegen sind nicht nur niedlich oder süß, sondern zeigen in ihrer Ruhe auch die Verzerrung der Welt. Denn viel öfter sollten wir die Welt nicht nur auf der Oberfläche, sondern auch von der Rückseite betrachten.
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