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14.08.2007 | 17:04
 
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Beauté, Beauté, Beauté

Interview: Alicia Drake über Designer in Paris


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Patrick Bauer in De:Bug 114

Alicia Drake, Britin in Paris, einst Modejournalistin, hat im letzten Herbst mit ihrem Buch “The Beautiful Fall” für Aufregung gesorgt. Sie schildert darin voller Effekte und voller Fakten die beeindruckende Zeit der Modebohème im Paris der 1970er Jahre, als erstmals die Jugendmode in die Haute-Couture-Welt einbrach. Karl Lagerfeld fand das Buch gar nicht lustig. Im De:Bug-Interview erklärt Drake, warum die damalige Epoche sie nicht loslässt – und warum darüber reden muss, wer die Mode von heute verstehen will.

Beauté, Beauté, Beauté

De:Bug: Alicia Drake, reden wir über Kate Moss …

Oh, nun, wunderbar …

De:Bug: Moss steht wie keine Zweite für die Verschmelzung von High-Fashion und Jugendmode, die wir gerade beobachten können. Da passt der Second-Hand-Mantel ganz wunderbar zum Chanel-Armband.

Alicia Drake: Wobei Frauen mit Stil das Prinzip des Vermischens von Neu und Alt, von Teuer und Geschenkt, Haute Couture und Massenware schon immer gekannt haben. Was Kate Moss macht, sehr geschickt übrigens, ist eine logische Fortsetzung der Modegeschichte. Ich denke da an Loulou de la Falaise, die große Muse von Yves Saint Laurent. De la Falaise hat ein solches Crossover im Paris der 1970er Jahre perfektioniert.

De:Bug: Womit wir schon in der entscheidenden Epoche sind. Geburt und Tod der Pariser Modebohème haben Sie in Ihrem Buch “The Beautiful Fall“ nachgezeichnet. Sehr genau, sehr kontrovers.

Alicia Drake: Ich bin gerade dabei, mich von all dem Trubel zu erholen. Ich meine, das war schon sehr schlimm. Ich wurde regelrecht bedroht. Ich habe dank vieler Gespräche und Interviews ein sehr persönliches, vor allem jedoch sehr gründlich recherchiertes Buch geschrieben. Und dann sprach die ganze Welt nur noch davon, dass Karl Lagerfeld vor Gericht geht, weil ich geschrieben habe, er sei nicht in einem aristokratischen Elternhaus aufgewachsen. Viele machen den Fehler, zu behaupten, “The Beautiful Fall“ sei eine Laurent-und-Lagerfeld-Biographie. Hätte ich dann nur vier Seiten zu Karl Lagerfelds Kindheit gebraucht? Nein, es handelt sich um die Biographie einer Mode-Epoche. Aber gut, so habe ich einen dreiseitigen Brief voller Wut von Karl Lagerfeld persönlich bekommen, den ich meinen Gästen vorzeigen kann. Und vor Gericht ist er gescheitert …

De:Bug: Was hat Sie gereizt, sich jahrelang an dieser Zeit abzuarbeiten, die jetzt so viele Missverständnisse und Erinnerungen weckt?

Alicia Drake: Ich war lange freiberufliche Modejournalistin, habe vor allem für die Vogue gearbeitet. Seit zwölf Jahren lebe ich in Paris. Ich wurde 1968 geboren, bin also folglich nur mit der Nostalgie, dem Mythos des damaligen Paris aufgewachsen. Diese große Kreativität, diese Glorifizierung wollte ich auf Wahrhaftigkeit untersuchen. Außerdem war ich zwar Modejournalistin, trotzdem eine Außenseiterin. Nur ohne zu sehr in die glitzernde Welt verstrickt zu sein, konnte ich mich unbefangen an die Sache wagen.

De:Bug: Unbefangen, meinetwegen, doch mich als Leser hat nicht nur die detaillierte Schilderung des Zeitgeists euphorisiert, vor allem das Visionäre eines Karl Lagerfeld.

Alicia Drake: Absolut. Der Effekt von Yves Saint Laurent und Karl Lagerfeld auf alles, was wir heute unter Mode verstehen, war enorm. Diese beeindruckende Weitsicht. Im Jahre 1979 prognostizierte Lagerfeld, dass die Mode in Zukunft immer mehr vom Spirit und der Atmosphäre abhängen würde. Lagerfeld entdeckte mal nebenbei, wie wichtig Accessoires für ein Outfit sind. Er machte Taschen und Perlenketten zum Must-Have. Womit wir wieder beim Zusammenspiel zwischen den Modepolen sind, das man heute zwischen Streetwear und High-Fashion sieht. Das Wichtigste natürlich: Karl Lagerfeld hat Chanel zu einer Marke gemacht. Aus einem großen Modehaus hat er ein Image kreiert. Und sich darüber hinaus selbst zur Marke gemacht.

De:Bug: Und er wusste, dass die Marken noch größer werden würden.

Alicia Drake: Womit er Recht hatte. Heute läuft alles noch mehr über Brands auf der großen kommerziellen Ebene. Im Vergleich zu dieser vitalen Zeit, über die ich schreibe, haben die modernen Designer allerdings trotz dieser Tom-Fordisierung an Autorität verloren. Sie haben Macht eingebüßt. Laurent regiert Paris schon lange nicht mehr, Lagerfeld zwar schon noch irgendwie, aber das ist doch mehr Konservatismus als Status Quo. Heute gibt es keine Exklusivität, kein Monopol auf Trends oder Ideen. Die Modewelt ist globalisiert. Durch das Internet, durch Blogs ist alles transparenter geworden. Was toll ist, auch wenn ich selber kaum Modeblogs lese, ebenso wenig selber blogge. Lustig fand ich nur, dass die New-York-Times-Kolumnistin Cathy Horyn sich durch die Ungefiltertheit ihres Blogs traute, zu schreiben, dass sie mein Buch hasse. Dass hätte sie in der gedruckten Zeitung nie gewagt.

De:Bug: Bleiben wir bei der modischen Globalisierung. Die zeigt sich ja auch daran, dass Ihr Protagonist Karl Lagerfeld mittlerweile für H&M entwirft, nicht?

Alicia Drake: Das ist ein Beispiel, wie sehr sich Luxus-Segment und Massenmarkt aufeinander zu bewegen. Die Marken brauchen die Seele der Designer. Und die Designer müssen dorthin, wo etwas gesellschaftlich Relevantes passiert. Und große Ketten wie H&M können eben sehr schnell auf Straßen-Entwicklungen eingehen.

De:Bug: Lagerfeld und Laurent machten Mode in den 1970er Jahren zur Kunst …

Alicia Drake: … nicht zuletzt, weil diese zwei jungen Verrückten sich alsbald in einer totalen Opposition darin überboten, ihr Leben, ihr Umfeld zu inszenieren. Vielleicht deswegen reagiert Lagerfeld bis heute so allergisch auf Leute wie mich, die diese Selbstinszenierung schildern und dadurch teilweise entmystifizieren …

De:Bug: … wobei Sie, Frau Drake, doch nach wie vor fasziniert sind von deren Glamour, oder?

Alicia Drake: Sagen wir es so: Ich bin fasziniert, wenn ich mir wie kürzlich Laufsteg-Videos aus den 1980er Jahren anschaue. Selbst damals gab es noch Designer, die Frauen mit allem ausstatteten: Hut, Blouson, Rock, Strumpfhose, hier noch eine Jacke und so weiter, die Frau hatte kaum Entscheidungsfreiheiten. Das verdeutlicht doch, wie groß und revolutionär die Zäsur Jahre zuvor in Paris gerade für die Frauen war. Die sexuelle Befreiung der Zeit war auch eine weibliche Befreiung von Kleidungsfesseln. Wenn ich also heute hier sitze und nicht mehr trage als Unterwäsche, ein Shirt, eine Jeans und flache goldene Schuhe, dann weiß ich, wem ich das zu verdanken habe. Das ist ein wichtiger Punkt: Wenn Paris seinerzeit modisch ausdrückte, wie groß die gesellschaftlichen Umbrüche waren, so frage ich mich: Kann Mode jemals wieder die Chance haben, sich derart auszudrücken?

De:Bug: Und was ist die Antwort?

Alicia Drake: Naja, für mich ist klar, dass sich geschlechterspezifisch nicht mehr derartig Weltbewegendes tun kann. Ein emanzipatorischer Umbruch im Denken, wie es ihn nach 1968 gab, wird kaum mehr vonstatten gehen, also auch nicht in der Mode. Dafür reagiert die Mode noch immer sehr empfindlich auf die Themen der Zeit. Immigration, Identitätssuche, Flexibilität, Globalisierung. Das findet doch alles statt, in den Boutiquen und Ateliers junger Designer.

De:Bug: Die allesamt mit einer weitaus größeren Portion Ironie ihr Handwerk betreiben als ein Karl Lagerfeld.

Alicia Drake: Unterschätzen Sie mal nicht die gesunde Distanz, die Lagerfeld seit jeher zu seinem Schaffen hatte. Besonders damals: All dieser wahnwitzige Zirkus, im Nachtleben, im Exzess, in den modischen Experimenten, das konnte ja nicht allein ernst gemeint sein. Ambitioniert: ja. Aber nicht so ironielos, wie Karl Lagerfeld heute erscheint, wenn er meint, ich hätte ein skandalöses Buch geschrieben, das eigentlich ein geschichtsträchtiges ist. Es ist doch so: Der Karl Lagerfeld von damals steht aus heutiger Sicht für zwei Seiten, die zunächst nicht zueinander passen wollen. Den Designer-Starkult auf der einen Seite. Auf der anderen Seite das Wagemutige der subkulturellen Mode.

De:Bug: Und wo steht Paris heute?

Alicia Drake: Anfang der neunziger Jahre war Paris tot. Der Rausch war vorbei. Die Darsteller verbraucht. Mir wird manchmal vorgeworfen, ich missachte mit meiner Darstellung des Falls dieser Generation den Fakt, dass ja der Mode-Wahn à la Lagerfeld und Yves Saint Laurent dennoch weiterlebte. Aber es gab einen großen Bruch. Die großen Namen der geschilderten Phase verstarben, versanken in Drogen oder gingen fort. Es musste etwas Neues kommen. Und Mode lebt ja immer irgendwie weiter.

De:Bug: Wie geht es denn für sie weiter. Haben Sie in der Pariser Society nicht auch verbrannte Erde hinterlassen?

Alicia Drake: Es ist so: Während der Arbeit an meinem Buch merkte ich, dass ich nicht wieder in den Modejournalismus zurück will. Es war eine Art Abschlussarbeit. Ich interessiere mich gerade sehr für Fiction. Zuerst erscheint im August eine Hardcover-Ausgabe von “The Beautiful Fall“ mit einem Vorwort von mir, in dem ich schildere, wie ich missverstanden wurde – und wie hart das manchmal war. Sehen Sie, als ich zu Beginn des Projekts für die Vogue Herrn Lagerfeld interviewte, da berichtete ich ihm von meinem Vorhaben. Ich schrieb ihn mehrmals an. Nie kam eine Reaktion. Und dann dieser Sturm der Entrüstung. In Paris bleibe ich aber definitiv.

De:Bug: Man kommt nicht so leicht los von dieser Stadt …

Alicia Drake: Paris ist ja bis heute fixiert auf Schönheit. So globalisiert also die Modewelt ist, sie hat doch ihre regionalen Unterschiede. In Berlin, in L.A., in London, da gehe ich auf eine entspannte Kunst-Mode-Party und sehe die unterschiedlichsten Dinge, über die man sich definieren kann und soll. Und in Paris? Hier definiert man sich in der Mode nach wie vor nur über eines. Beauté, beauté, beauté.

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DIE WOLKE HAT Einen Kommentar zu "Beauté, Beauté, Beauté"

  1. Paris sicher zur Zeit noch eine der wichtigsten Modestädte. Aber der Trend zum Internet Shopping setzt der Zentralisierung von Mode in Zukunft sicher Grenzen. Trends und Ideen entstehen überall und sind weniger personenbezogen. Schon heute kann jeder seine eigene Mode und eigenen Schmuck kreieren und dies ohne Probleme und sehr schnell einem großen Publikum zugänglich machen. Es entstehen viele Ideen und sogar kleine Labels, die den Großen Marken schon jetzt Probleme bereiten. Sicher wird es personelle Führungsrollen und die zugehörigen Modemetropolen auch weiterhin geben aber deren Bedeutung wird sicher in Zukunft schwinden.

    lG, Fiona

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