Fantastic Man – Mode macht Männer
Am fünften Tag wird gebrüllt: Gebt mir beschissene Schuhe!

Jan Joswig in De:Bug 114
Designer-Mode war jahrelang die Domäne der Frauen. Männer trugen Streetwear oder Boss. Seit Hedi Slimane seine Herrenlinie für Dior lancierte, ist Designer-Mode für Männer schwer auf dem Vormarsch. Hochglanz-Magazine wie Purple oder Vogue Italia räumen den Männern mehr Platz ein.
Aber das Magazin, das die ganze Palette der neuen Identitäts-Möglichkeiten für den Mode-bewussten Mann abdeckt, fehlte noch. Mit Fantastic Man schufen die Holländer Gert Jonkers und Jop van Bennekom endlich die Plattform, die zwischen Gockel, metrosexuellem Poser, schwulem Dandy und gereiftem Gentleman den ganzen Regenbogen an Möglichkeiten aufzog, der Männern vor ihrem Kleiderschrank entgegenleuchtet. Das ist kein Wunder, schließlich arbeiten beide nicht nur lange als Journalist und Grafiker im Modebereich, sondern haben auch das sensationelle Schwulen-Fanzine “Butt“ auf den Weg gebracht. Fantastic Man ist das Magazin für den Mann, der mit seinen Klamotten genauso spielt wie mit seinen Geschlechts-Identitäten. Dabei ist das Schwarz-Weiß-Magazin mehr High-Fashion als jedes Hochglanz-Blatt.
Mit ihrer äußerst subjektiven Auswahl an Themen und Personen geben sie der klassischen Herren-Garderobe nicht nur die individuelle Frische, die lange der Streetwear vorbehalten schien, sie leisten auch einen wichtigen Beitrag zur Mode-Geschichtsschreibung, wenn sie sich abgestoßen von aktuellen Trendscheuklappen um alte Männer und alte Klamotten kümmern.
Streetwear ist Mode für Jungs, die Mode ablehnen. Eigentlich wollen sie immer nur im weißen T-Shirt rumlaufen. Aber um sich von den Hausmeistern abzugrenzen, die sie von ihren Skateboard-Spots vertreiben, versehen sie sie mit den neusten Motiven der Popwelt. Wie Steven Vogel im Streetwear-Artikel zusammenfasst: “Im Endeffekt tut die Streetwear nichts anderes, als Pop-Art auf T-Shirts zu drucken.“ Ohne Humor geht dabei gar nichts. Der kann sehr charmant sein, wie die Paraphrase von Stüssy aufs Chanel-Logo, aber auch sehr Stammtisch-artig, schenkelklopferig. Jedenfalls ist es der Humor von Heteros, die sich in der klassischen Männerrolle wohl fühlen: Mode ist verweichlichter Frauenscheiß.
Der klassischen Männermode eilt das Missverständnis voraus, ebenfalls für Männer entworfen zu werden, die Mode für verweichlichten Frauenscheiß halten. Das gilt für Männer, die den Businessanzug als Uniform tragen. Jenseits davon eröffnet sich sofort ein Spiel mit Zeichen, die viel subtiler und mit viel abgespreizterem kleinen Finger funktionieren als in der Streetwear. Jenseits des Businessanzugs lockt die Flamboyanz. Zu schillern ist in seiner Divenhaftigkeit ein Begehren, das der Streetwear komplett fremd ist.
Streetwear ist also was für Jungs, die immer Jungs bleiben wollen. Männermode ist etwas für Männer, die nie Männer werden wollten. Und Gert Jonkers hisst die Flagge der Flamboyanz.
HISTORISCHE PERSÖNLICHKEITEN
De:Bug: Der persönliche Ansatz bei Fantastic Man ist leicht zu erkennen. Alleine die Idee, in Nummer 5 Claude Montana auszugraben. So etwas erklärt sich nur aus persönlichen Vorlieben. Bei einer historischen Figur wie Montana zeigt sich gut, wie fast automatisch zu dem persönlichen ein geschichtlicher Aspekt kommt. Geschichtsschreibung in der Mode ist eines der großen brachliegenden Felder, oder?
Gert Jonkers: Mode negiert Geschichte.
De:Bug: Es gibt viele Designer-Biographien, aber Geschichtsschreibung …
Gert Jonkers: … ist selten. Wenn man bei Google nach Claude Montana sucht, findet man Suzy Menkes Review aus der Harald Tribune von 1992 zu den Fashion-Shows: “Lacroix hat mit Blumen gearbeitet, Lagerfeld bleibt minimalistisch, Gucci spielt mit Navy-Einflüssen.“ Wenn du das liest, hast du nicht die geringste Ahnung, von wann die Review datiert. Ich bin selbst Fashion-Journalist und nehme die Aufgabe ernst, aber wenn ich meine fünf Jahre alten Reviews aus Mailand lese, steht da dasselbe wie heute: “Prada ist revolutionär, Dolce & Gabbana machen das, was alle anderen eine Saison vorher gemacht haben, nur kommerzieller, …“ Die Material-Trends ändern sich, einmal tendiert es mehr zu Orange, dann zu Pelz. Aber im Grunde bleibt es gleich. Es ist meine Grundüberzeugung, dass Mode sich niemals ändert. Über Mode zu schreiben, macht nur für die folgende Woche Sinn, nach einem Monat ist es schon wertlos.
De:Bug: Man könnte eine Review aus den 60s nehmen und müsste nur die Namen austauschen …
Gert Jonkers: Statt Jean Barthet würde man Raf Simons einsetzen, statt Madame Grès Bernhard Willhelm.
De:Bug: Ich habe gerade “The Beautiful Fall“ von Alicia Drake über die Rivalität zwischen Yves Saint Laurent und Karl Lagerfeld im Paris der 70er gelesen. Gibt es heute noch Über-Charaktere und ihren Zwist wie Laurent vs. Lagerfeld? Tom Ford vs. Hedi Slimane vielleicht?
Gert Jonkers: Galliano ist definitiv ein Charakter. Stefano Pilati schlägt mehr nach Lagerfeld, obwohl er für Laurent designt. Du begegnest ihm immer, wenn du in Paris ausgehst. Er wirft sich atemberaubend in Schale. Wenn du um vier Uhr früh einen Nachtclub betrittst, kannst du sicher sein, er steht in der Mitte der Tanzfläche, völlig verschwitzt, in eine Tischdecke gewickelt und in High-Heels. Genauso existiert aber auch die dunkle Seite, die in dem Buch beschrieben wird: Du kannst nicht seine Muse sein, wenn du meine bist …
De:Bug: Vielleicht macht man sich nur aus Berliner Perspektive kein richtiges Bild davon, weil hier die Mode eher lax genommen wird.
Gert Jonkers: In Berlin wird alles lax genommen, oder? Denkst du, Berlin ist hochgradig unambitioniert?
De:Bug: Es ist hochgradig un-egozentrisch.
Gert Jonkers: Das ist die positive Auslegung. Aber egozentrische Menschen können sehr amüsant sein. Wie Elton John. Wir brauchen das. Besonders Journalismus ist davon abhängig. Flamboyanz, das ist der Punkt. Flamboyanz ist eine der besten Essenzen des Lebens.
De:Bug: Fantastic Man konzentriert sich auf Männermode. Welche Phase hältst du für wichtiger: die Dreißiger, als die Regeln aufgestellt wurden, oder die Sechziger, als sie wieder zerstört wurden?
Gert Jonkers: Wahrscheinlich die Dreißiger. Es ist schwer, Regeln aufzustellen, aber leicht, sie zu brechen. Aus dem Dandyismus des späten 19. Jahrhunderts leiten sich bis heute die wichtigsten Regeln ab. Wenn du zu einer Dinner-Party mit Schwarzer-Krawatten-Order gehst, basiert das komplett auf dem Dandyismus. Aber der Dandy schockte zu seiner Zeit genau die Kreise, die heute seinem Vorbild folgen. Ich liebe Konventionen, Regeln, Klischees, Uniformen. Sie sind großartig – und letztendlich hast du was, das du zersetzen kannst.

STREETWEAR
De:Bug: Also fühlst du dich gerade sehr wohl, da man sich über Konventionen in der Mode wieder mehr auseinander setzt, Streetwear in den Schatten von traditioneller Garderobe rückt?
Gert Jonkers: Wir respektieren die Welt von Dazed & Confused und von Hipster-Kids in Trainingsanzügen, aber das ist nicht unsere Welt. Traditionelle Garderobe hat dagegen das Problem, wenn man Konventionen folgt, ohne zumindest ein bisschen flamboyant zu sein, wird es sehr stumpf. Andererseits ist komplette Anarchie für Mode nicht interessant. Wenn alles geht, geht alles …
De:Bug: Die Grenze verläuft nicht so sehr zwischen Konventionen und Nichtkonvention, denn bei Streetwear musst du auch Regeln beachten. Du musst den letzten Scheiß von Alife, aNYthing oder Bape kennen. Der Unterschied liegt bei der Klamotte selbst. Streetwear benutzt das immer gleiche Arsenal an Basics und druckt andere Markennamen drauf. Ein T-Shirt mit Stüssy- oder mit aNYthing-Aufdruck bleibt letztlich ein T-Shirt. Selbst auf die Idee, einen V-Ausschnitt für T-Shirts zu riskieren, ist nicht die Streetwear gekommen. Bei traditioneller Garderobe geht es wieder um die Klamotte selbst, weniger die Marke. Welche Art von Kragen, Umklappmanschetten, Krawatte oder Fliege …
Gert Jonkers: … Doppelreiher, Zweiknopf, Dreiknopf. Und der Spielraum ist sehr limitiert. Die Regeln brechen, aber nur so weit, dass man stylish bleibt, das ist die Kunst.
De:Bug: Streetwear ist die einzige Mode, die von Hetero-Männern dominiert wird. In der Designer-Mode sind die Männer spätestens seit Dior schwul.
Gert Jonkers: Streetwear ist die einzige Hetero-Mode. Deshalb ist sie so stumpf … I’m kidding. Nicola Formichetti, der Fashion-Redakteur von Dazed & Confused, ist sehr wichtig für Streetwear – und schwul. Er brachte die farbigen Stoffgürtel, die bedruckten Sweater und die bunten transparenten Sonnenblenden auf. Auf der anderen Seite ist natürlich der HipHop-Einfluss groß, das ist die straighte Ecke.
De:Bug: Die neuste Idee im HipHop ist es, wie ein WASP oder Preppy rumzulaufen, mit V-Pullover und gestreiften Shorts.
Gert Jonkers: Genau. Ich fuhr so oft zu den Shows in Paris und Mailand und habe gebettelt: Lass eine Revolution passieren. Aber das ist der falsche Ansatz. Der Spaß liegt bei der Männermode gerade in der graduellen Verfeinerung, im Aufbau auf dem Bestehenden, in den ganz kleinen Schritten. Das Revers ist minimal anders, es werden wieder drei Knöpfe bevorzugt … In den 80ern sah das wilder aus. Männer trugen asymmetrische Sweater mit Fledermausärmeln, mit Einsätzen aus Mesh, kuriosesten Materialien. Das ist komplett verschwunden, einer Uniformierung gewichen. Selbst im Vergleich zu den 70ern. Solch knallenge Hosen wie die Bee Gees könnte heute niemand mehr tragen, schon gar nicht in Kombination mit dem Falsettgesang.
De:Bug: Ich erinnere die 70er als weitestgehend uniformiert: Parka, Jeans, Adidas Universal …
Gert Jonkers: Männer konnten damals taillierte Hemden mit Blumenmuster tragen. Dafür würdest du heute ausgelacht werden.
De:Bug: Diese Saison vielleicht. In zweien nicht mehr. Wie mit Shorts.
Gert Jonkers: Ich liebe Tennis-Shorts.
ABENTEUER OUTFIT
De:Bug: Es ist eines der größten Abenteuer der Mode, morgens das Haus zu verlassen und nicht zu wissen, ob das Outfit mutig oder lächerlich ist.
Gert Jonkers: Was machst du dann? Umkehren?
De:Bug: Auf dem Absatz.
Gert Jonkers: Yeah, manchmal muss man umkehren. Selbst ein Outfit, das vor zwei Wochen grandios war, muss heute überhaupt nicht zwangsläufig funktionieren. Es ist ein Kampf tagaus, tagein. Aber vielleicht nur, weil wir es zum Kampf machen … Jeden Morgen das Gleiche: ein Schal, zwei Schals. Aber es ist so kreativ. Manchmal träume ich davon, eine aufs Äußerste reduzierte Garderobe zu haben. Ein Stapel T-Shirts, fünf Paar Hosen, sechs Hemden, zwei Mäntel. Aber das würde nie laufen.
De:Bug: Selbst wenn die Klamotten von bester Qualität und Passform wären, würde man sich nach einer Woche langweilen.
Gert Jonkers: Man will scheiß Schuhe haben. Am fünften Tag würde man brüllen: Gebt mir beschissene Schuhe. Es kann so aufregend sein, wirklich hässliche Klamotten zu tragen.
De:Bug: Wer entscheidet bei Fantastic Man über den Inhalt, welche Interviews geführt, welche Styles gezeigt werden sollen?
Gert Jonkers: Das hängt an Jop und mir. Jop ist verbindlicher als ich, aber es ist ein Dialog. Wir wollen überraschen, originell sein. Komischerweise schlagen uns aber freie Autoren immer genau das vor, was wir gerade gemacht haben. Hatten wir Stefano Pilati auf dem Cover, wird uns das gesamte Umfeld von Pilati als Thema angeboten. Das ist nicht überraschend … Wir wollen den persönlichen Stil der Leute zeigen. Helmut Lang im Tutu zu fotografieren, wäre nicht unsere Idee.
De:Bug: In Fantastic Man 5 porträtiert ihr einen Mann in seinen Second-Hand-Outfits. Gebt ihr ihm freie Hand oder bestimmt ihr die Outfits?
Gert Jonkers: Wir mussten nichts bestimmen. Er war unsere Wahl, weil wir seinen Stil bewundern. Er setzt die Idee, aus fast nichts etwas Großartiges zu machen, perfekt um. Es ist sehr bequem, eine Menge Geld bei Gucci, Chanel, D&G auszugeben. Aber es ist viel kreativer, auf den Flohmarkt zu gehen und das perfekte Hemd zu suchen. Selbst wenn es nicht perfekt ist, an ihm sieht es perfekt aus.
MODE-FANZINES
De:Bug: Was hältst du von der Idee eines Mode-Fanzines?
Gert Jonkers: Schönheit und Luxus sind Teil der Mode. Nichts ist enttäuschender als fehlende Qualität. Denk an einen Sweater, der nach dem ersten Waschen ausleiert. Du kaufst einen Traum und der Traum löst sich auf. Fantastic Man ist allerdings in Schwarz-Weiß, das kommt einer Fanzine-Entscheidung nahe. Ich mochte das Fanzine “Made in USA“ von der Bernadette Corporation. “Chaps“ aus England ist auch sehr interessant. Es ist ein Schwarz-Weiß-Fanzine, das sich ganz dem Reglement der Männermode verschrieben hat. So wie du hier sitzt, mit einer Fliege und einem Schal, das würden sie aburteilen. Man darf nie eine Fliege mit einem Schal kombinieren. Ganze Artikel widmen sich der Kunst des Hemden-Bügelns.
De:Bug: Schindet bestimmt Eindruck, wenn man es im Café liest.
Gert Jonkers: Konservativ und flamboyant gleichzeitig zu sein, ist eine harte Nuss. Chap ist sehr konservativ. Sie beklagen sich endlos über Männer in zerrissenen Jeans.
De:Bug: Es hört auf, ein Spiel zu sein.
Gert Jonkers: Es ist Faschismus. Sie sind Opfer ihres eigenen Dogmatismus’. Sie setzen Regeln und gucken nicht mehr links und rechts. Lord Byron ist ihr Vorbild. Der Designer Thom Browne ist auch sehr formal gekleidet. Aber er lässt die Zügel sausen ab einem bestimmten Punkt. Seinen Standpunkt erklärte er mir so: “Leute glauben, sie könnten keinen Anzug tragen, wenn sie abends noch in den schwitzigen Club wollen. Aber die ganze Idee des Clubs kreist doch darum, im Anzug betrunken zu werden und mit dem Jackett die Tanzfläche zu fegen.“
De:Bug: Wirft Fantastic Man einen Blick auf die ökonomische Seite der Mode, seid ihr political correct?
Gert Jonkers: Wer sich für Mode interessiert, muss sich auch für das wirtschaftliche System dahinter interessieren. Das Dumme an politisch korrekten Marken ist: Sie sind nur wegen ihrer politischen Korrektheit interessant, ihre Klamotten sind scheußlich. Es ist beruhigend, wenn deine Lebensmittel ökologisch angebaut wurden. Aber was machst du, wenn sie nicht schmecken? Das gilt auch für Kleidung. Erst mal musst du sie tragen wollen, weil sie todschick ist. Wenn sie dann auch noch fair produziert wurde … Klar ist es ein Skandal, dass Firmen aus den miserablen Bedingungen ihrer Arbeiter Profit schlagen.
De:Bug: Ästhetik rangiert vor Politik.
Gert Jonkers: Eine Modeassistentin zeigte mir letztens in einem Showroom eine Bomberjacke mit Pelzkragen. Sie ist Hardcore-Vegetarierin. Und? Es ist doch nur Mode, war ihre Rechtfertigung. Das gilt aber nicht nur in der Mode. Ich hatte mit Moby die gleiche Diskussion. Er würde nie per Auto reisen. Vom Flugplatz nimmt er den Zug. Aber seine Musik läuft in jeder verdammten Auto-Werbung.
De:Bug: Hast du interessante Städte abseits der normalen Mode-Route entdeckt?
Gert Jonkers: Ich würde gerne mehr Entdeckungsreisen machen. In der Harald Tribune habe ich einen Artikel über die Handtaschen-Vorliebe von chinesischen Männern gelesen. Bei Fantastic Man lieben wir auch Handtaschen. Wir waren begeistert, dass auf der anderen Seite der Welt Billionen von Männern so denken wie wir. Aber generell geht es uns eher um einzelne Designer oder Klamotten, nicht um Städte und Szenen. Die Fiat-Erben, die Agnelli-Familie, hat ein eigenes Herrenhemd designt. Man schließt es zwischen den Beinen wie einen Body, damit es nicht aus der Hose rutschen kann. Ich würde zu gerne eines sehen.
De:Bug: Ihr könntet Lapo Elkann aus der Agnelli-Familie in so einem Hemd fürs Cover ablichten.
Gert Jonkers: Er ist eine interessante Person, aber er war auf fast jedem Magazin-Cover. Ungefähr fünfzig Leute haben ihn für Fantastic Man vorgeschlagen.
De:Bug: Wie seid ihr darauf verfallen, Claude Montana auszugraben?
Gert Jonkers: Wir waren immer fasziniert von Claude Montana. Er ist einer der Namen, bei denen man sich immer fragt, was aus ihnen geworden ist. Ich traf ihn in einem Pariser Club, er sieht spektakulär aus, ziemlich lächerlich, aber auf eine flamboyante Weise.
De:Bug: Ihr legt Wert auf Originalität, hast du gesagt. Warum wählt ihr dann gerade Terry Richardson als Cover-Fotografen?
Gert Jonkers: Niemand fühlt sich beim Spaßhaben so wohl wie er. Bei Fantastic Man geht es um den Spaß am Aufstylen, niemand fängt das besser ein. Du denkst vielleicht, Terry Richardson, der ist doch 1990er … aber seine Freiheit, seine Scheiß-drauf-Attitüde sind unerreicht. Viele Fotografen denken, sie dürften auf gar nichts scheißen, müssten auf ganz spezielle Weise fotografieren.
De:Bug: Aber die Scheiß-drauf-Haltung ist selbst zu einer Formel geworden.
Gert Jonkers: Terry Richardson feiert sich selbst. Jeder sollte sich selbst feiern.
BLOGS
De:Bug: Wir haben von Fanzines wie “Made in USA“ und “Chaps“ gesprochen. Sind die Mode-Blogs nicht die aktuelle Entsprechung davon?
Gert Jonkers: Blogs? Das sind alles Sneaker-Fetischisten. Sie drehen sich nur darum, welcher neue Sneaker in Japan herauskommen wird, blabla.
De:Bug: Nein, bei den Streetstyle-Blogs geht es weniger darum, am schnellsten informiert zu sein, als darum, die flottesten Passanten auf der Straße zu knipsen.
Gert Jonkers: Die Blog-Welt frisst einen auf. Vielleicht gibt es Seiten, die das Lesen wert wären. Aber die muss man erst mal finden. Wer hat so viel Zeit?
De:Bug: Einer der ältesten Fashionblogs hat hingeschmissen, weil die Macherin vor der inflationären Schwemme kapituliert hat. Denkst du, dass Internet und Mode gut zusammenarbeiten können?
Gert Jonkers: Ich sehe die Verbindung nicht. Es gibt Modezentren wie Paris und Mailand und es gibt Autobahnen dazwischen. Die Autobahnen verbinden die Zentren, sie haben aber nichts mit ihnen zu tun. Ich bin überzeugt, dass Mode etwas sehr Persönliches ist und etwas sehr Taktiles, das man anfassen können muss. Du musst einen persönlichen Kontakt aufbauen, ganz wortwörtlich.
De:Bug: Das Papier von Fantastic Man ist auch so eine taktile Entscheidung?
Gert Jonkers: Oh ja, es ist Teil des Konzepts. Es macht so einen Unterschied, ob du einen Schal aus Kaschmir oder aus Synthetik trägst. Er mag gleich aussehen, fasst sich aber völlig anders an. Im einen Fall würdest du ihn umlegen, im anderen wahrscheinlich nicht. Abbildungen im Internet sagen nichts über den Gegenstand aus.
De:Bug: Der Geruch eines Kleidungsstückes, eines Ladens, der Geruch des Verkaufspersonals ist auch wichtig.
Gert Jonkers: Absolut. Das Internet reißt mich als Medium nicht wirklich mit. Es ist sehr praktisch, okay, ich lese jeden Morgen die Seite von Women’s Wear Daily/WWD.
De:Bug: Oder die Vogue-Seite style.com.
Gert Jonkers: Hauptsächlich WWD. Sie berichten so lächerlich detailliert, es ist so eine Insider-Seite, nur für Nerds. Style.com übersetzt es für den Wissenshorizont der Masse. Die Geschwindigkeit macht das Internet attraktiv. Aber für persönliche Dinge … Ich bin überhaupt nicht an Sex übers Netz interessiert, daran, jemanden übers Netz aufzugabeln. Und ich will auch keine Klamotten übers Netz aufgabeln.
De:Bug: Vielleicht berührt das noch einen anderen Punkt: Dinge finden zu wollen, statt sie zu suchen.
Gert Jonkers: Genau. Es ist viel befriedigender, wenn man über etwas stolpert, das auf einen gewartet hat, von dem man aber bis zum Moment des Findens nicht wusste, dass es wartete, etwas, das man nicht als Suchbegriff bei Google eingeben konnte.
MÄNNER-MAGAZINE
De:Bug: Die klassische Männermode ist auf dem Vormarsch. Belegt das einen neuen Konservatismus in der Mode oder ist der große Gegenspieler, die Streetwear, nicht längst das aller Konservativste? Das Magazin “Fantastic Man” feiert Männer und Mode, Gert Jonkers erklärt, worauf es dabei ankommt.
Gert Jonkers: Die erste Ausgabe von Fantastic Man schwankte zwischen Männer-, Schwulen- und Modemagazin. Die Position war völlig unklar. Das schockte.
Gert Jonkers: Manche Leute haben es für einen Witz gehalten.
De:Bug: Ein Witz über andere Magazine?
Gert Jonkers: Vielleicht war es ein Kommentar auf Männer-Magazine. Wir waren überzeugt, dass Männer-Mode eine neue Präsentationsform brauchte. Wir wollten ein neues Heft entwerfen, aber es sollte Mainstream sein. Als wir letztens auf die erste Ausgabe blickten, waren wir selbst überrascht, wie tuntig es aussah.
De:Bug: Als Metrosexuell das Stichwort der Saison war, wollten gleich mehrere Magazine darauf aufspringen, in Deutschland zum Beispiel “Feld Homme“.
Gert Jonkers: Die meisten Männer-Magazine tendieren dazu, den Mann zu anonymisieren, zu typisieren. Das ist ihr Tod. Sie haben eine fixe Idee vom Mann der Saison, danach hämmern sie jeden Mann zurecht. Also sehen alle gleich aus. In der US Männer-Vogue tragen alle Männer dunkelblaue Anzüge, ein weißes Hemd mit weichem Kragen, leicht wuschelige Haare. Freie Geister in handgefertigten Schuhen. Alle gleich. Wo ist eine Baseball-Cap, eine Tennis-Shorts? Dagegen haben wir Fantastic Man gestartet. Wir wollten nicht den Fehler machen, Männer-Mode als Traum zu verkaufen wie die Frauen-Mode. Männer-Mode ist das Gegenteil von Frauen-Mode. Frauen-Mode spielt mit diesen Träumen, damit, für eine Saison eine Prinzessin zu sein, für einen Tag Jay-Lo zu sein, diese spezielle Handtasche zu haben, diese Silhouette. Damit hat Männer-Mode absolut nichts zu tun. Dort beruht alles darauf, sich wohl zu fühlen, seine Persönlichkeit zu unterstreichen, mit seiner eigenen Flamboyanz glücklich zu sein. Obwohl, Fantastic Man präsentiert keine flamboyante Flamboyanz. Es dreht sich nicht um Leute, denen es wichtig ist, dass die Türen zu einem Club auffliegen, wenn sie sich nähern. Es ist eine stille, schüchterne Flamboyanz. Aber sehr bewusst kultiviert. Jeder muss bewusste Entscheidungen fällen.
De:Bug: Ich kenne eine Menge Männer, die das leugnen würden. Mode? Na und?
Gert Jonkers: Das ist ein Mythos. Den Mann, der morgens aufwacht und das anzieht, was er als erstes neben dem Bett ertastet, gibt es nicht. Das ist Schwachsinn. Jeder nimmt sich mindestens zwei Minuten, um zu überlegen, was er tragen wird.
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wundervoll. heute erst entdeckt. danke.