Brille als Stilbarometer
10 Jahre De:Bug: Das Beste an 97 waren die 80er

Julia Reinecke in De:Bug 115
Früher erkannte man den Gentleman an seinen Schuhen, heute den Hipster an seiner Brille: Linda Farrow, ic!, Mykita, Freudenhaus, Tom Ford, rote Ray Ban … Und 1997? Im Jahr der De:Bug-Gründung gab es Innovationen, an die sich niemand mehr gerne erinnert. Der Ausweg war schon damals: retro. Julia Reinecke, passionierte Brillen-Sammlerin mit Sehschwäche, streift beherzt durch die Untiefen und findet eine Perle: Cazal.
Nerd-Traum(a)
1997 war ein deprimierendes Brillenjahr. Man hatte die Nase voll davon, wie zur Schulzeit seine Sehschwäche hinter Kontaktlinsen verbergen zu müssen. Im Gegenteil: Man wollte sich ganz offen als Brillenschlange zu erkennen geben. Also: Wer führte markante Brillen mit dunklen Rahmen, am besten aus Kunststoff oder aus Horn? Unverständliches Kopfschütteln von Seiten des Optiker-Fachpersonals war die Antwort. Der Brillenmarkt tickte anders.
1997 hatte sich gerade die ultraleichte Metalllegierung “Flex Titan“ durchgesetzt. Die von Eschenbach damals als High Tech angepriesene Brille “TITANflex“ war sogar mit einem Gedächtnis ausgestattet: Ihr schmaler Rahmen bog sich immer wieder in die ursprüngliche Form zurück. Wer nach Stil fragte, dem wurde das rahmenlose Modell “Titan Minimal Art“ von Silhouette empfohlen. Viele flüchteten auch damals schon zu Vintage-Fassungen.
Mut zum Prollschick
Stylisch sollten sie sein, obendrein sportlich – am besten gleich noch windschnittig. Mit den eng anliegenden Sonnenbrillen von Oakley konnte man sich auch 1997 noch sehen lassen. Oder? Oakley? Waren das nicht diese ovalen Brillen, die Surfer schon seit Anfang der 90er an jedem Strand trugen? Um nicht einfach nur den Trend der Küste zu kopieren, musste eine echte Innovation für die urbanen Nachzügler her: gelbe Linsen.
Heute erkennen sich Pauschaltouristen, die “cool“ mit “beknackt“ verwechseln, an ihren Oakleys. Und die Firma kann sich in Kalifornien ein Hauptquartier wie ein gigantisches Update von Captain Nemos Unterseeboot aus “2000 Meilen unter dem Meer“ leisten. Gelbe Oakleys sind so in der Stil-Versenkung verschwunden, dass sie glatt zum Revival taugen könnten. Siehe Bootsschuhe.

Gangster töten für Cazal
Al Pacino alias Mafiosi Benjamin Ruggiero aka Lefty glänzt in dem 1997 erschienenen Film Donnie Brasco mit einer Cazal 968. Der Film spielt 1978 im Little Italy New Yorks. Bei der Brille hat die Requisite das 70er-Jahre-Setting nicht ganz so genau genommen. Diese Cazal kam erst 1995 auf den Markt. Aber was macht das schon? Große Gläser und Doppelsteg war ja nun mal typisch für die Sonnenbrillenmode Ende der 70er. Ein bisschen Gangster ist zudem jede Brille, die die Cazal-Werke im bayerischen Little Passau verlässt. Die Marke ist jeher besonders beliebt in Gangster-Rap-Kreisen. Remember das Fotobuch “Back in the Days“ von Jamel Shabazz? Die quadratischen, bulligen Brillen entwarf alle Cari Zalloni, der Chefdesigner von Cazal.
Schon in den 80ern pimpten Rapper wie Run D.M.C. und LL Cool J ihre Gesichter mit den riesigen Modellen 607 oder 611. Im Schatten des Bling Blings der ganz Großen gingen die HipHop-Kids in Philly und New York für ihre Cazal damals über Leichen. Mehrere Raubüberfälle (einige mit Todesfolge) wurden in Folge des “Cazzie Fevers“ gemeldet. In Deutschland gingen viele Cazals auf dem Weg vom Après-Ski zur Cosmic-Afterhour verloren. Cari Zalloni wurde diesen August 70. Wir gratulieren.
Dafür also ist der Rückblick auf 1997 gut – um sich an eine der Stil-setzendsten Brillen-Marken der 80er zu erinnern. Das 90er-Revival hat’s weiterhin schwer.
Auch gut:
DIE WOLKE HAT 5 Kommentare zu "Brille als Stilbarometer" 
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Trackbacks
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[...] Doch die Mode ist eben auch nur eine Fahne im Wind. Und in Sachen Brille stehen die Zeichen auf Sturm! Auf den Modeseiten verschiedener Lifestylemagazine avancierte die Brille langsam aber stetig zum Stilbarometer. [...]







Julia Reinecke no way !!
Erkläre er sich, wenn er kein Schuft ist.
Man muss kein Gangster sein, um eine fette Brille zu tragen!
oder doch?