Über den Streetwearstandort Deutschland

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Christop Cadenbach in De:Bug 115.

1997 war das Jahr der O-Dog von Dickies. Die derbe Work Pant, die anmutet wie ein Paar Elefantenbeine mit einer Bügelfalte, steif wie ein Zinnsoldat, avancierte vom Szenegeheimnis zur Massenware. Streetwear war in die Mitte der (Jugend-)Gesellschaft aufgestiegen. Der Hamburger Pitt Feil (34) hat den Siegeszug der Straßenmode in Deutschland begleitet, als Skateboardfahrer und Gründer des Streetwear-Labels Cleptomanicx, das hierzulande zu den erfolgreichsten gehört. Für Feil waren die frühen Neunziger die Königsjahre der Straßenmode, als Streetwear eine Lebenseinstellung war. Zusammen mit seinem kreativen Clepto-Kopf Stefan Marx (28) versucht er diese Begeisterung weiterzugeben. De:Bug traf die beiden auf einen grünen Tee in ihrem Büro zwischen Schanzenviertel und Reeperbahn.

De:Bug: Was waren 1997 eure modischen “must haves“?

Pitt: DC Shoes. Damals begannen immer mehr Skate-Labels, eigene Schuhe rauszubringen. Und nach Airwalk waren DC Shoes das Beste, was man bekommen konnte.

Stefan: Weil ich die meisten Streetwear-Klamotten langweilig finde, trage ich seit Jahren nur noch meine eigenen Sachen. Aber mein erstes Shirt war das “Vision Streetwear“-Logo-Shirt. Da trägt man den Begriff “Streetwear“ in großen, schwarz-rot-weißen Lettern explizit mit sich rum.

De:Bug: Nach De:Bug-Recherchen war 1997 die O-Dog von Dickies das Nonplusultra in der Streetwear-Szene.

Pitt: Die hat ein Bekannter von uns nach Deutschland importiert und O-Dog getauft. In den USA hieß die Hose einfach nur “Work Pant“. Der Bekannte fand das nicht sexy genug. Er war ein Fan von “Menace II Society“, diesem Gang-Film aus L.A. Im Film trägt einer der Protagonisten den Namen O-Dog. So bekam die Hose ihren Namen.

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De:Bug: Steven Vogel schreibt in der Einleitung zu seinem Buch “Streetwear“, Straßenmode sei eine Synthese aus “Attitude, Aesthetics and Action“, also einer besonderen Lebenseinstellung, einem Stil und einer gemeinsamen Aktivität, einem Sport. Gilt dieser Dreiklang heute noch?

Stefan: Der galt schon 1997 nicht mehr. Die Jugend hatte die Coolness der Skate-Shops erkannt und die Skate-Shops die Kaufkraft der Jugend. Plötzlich sah ich Typen, die ich in der Schule gehasst habe, in “Volcom“-Shirts rumlaufen. Streetwear war für mich immer auch eine Form der Abgrenzung. Während meiner Schulzeit war das relativ simpel. Ich komme aus Todenhausen, einem Dorf in der Nähe von Kassel. Da wurde ich schon für mein “Vision Streetwear“-T-Shirt dumm angeschaut. Aber als dann Skate-Mode plötzlich zum Massengeschmack avancierte, blieb mir nichts anderes übrig, als meine eigenen Klamotten zu entwerfen.

De:Bug: Die Mode funktionierte als Szene-Klebstoff nicht mehr?

Pitt: Ich wusste früher alles über meine Lieblingslabels, welche Leute dahinter stehen, welche Skater das tragen. Ab Mitte der 90er hörte diese Identifikation mit der Skate-Szene als auch mit der Marke selbst auf. Heute ist die Mode kein Statement, kein Szene-Bekenntnis mehr. Die Kids kleiden sich einen Tag als Punk-Skater, den nächsten als HipHopper ein.

De:Bug: Ihr seid beide mehr oder weniger aktive Skateboardfahrer. Wie wichtig war der Sport für euren Werdegang?

Stefan: Er ist die Grundlage. Architekturtheoretiker sehen in Skatern die einzigen Menschen, die Architektur wirklich kreativ nutzen.

Pitt: Auf dem Board nimmt man seine Umgebung aktiver wahr. Eine Treppe wird zum Sprunghindernis, zur Herausforderung. Als Skater ist man organischer Teil der Stadt.

De:Bug: Stüssy war 1980 das weltweit erste Streetwear-Label. Acht Jahre später startete Homeboy in Deutschland. Hat sich seitdem eine deutsche Szene konsolidiert?

Pitt: Leider nicht. Es gibt viele kleine Labels, die in ihrer Stadt ein paar T-Shirts verkaufen und nach fünf Jahren wieder verschwunden sind. Deutschlandweit sind da nur Trap, Hessenmob, Irie Daily, Illmatic und wir. Titus hat auch immer mal wieder eine Modemarke kreiert.

Stefan: Als Branchenprimus wollte der einfach seine guten Vertriebsstrukturen ausnutzen. Vielen Klamotten hat man das angesehen. Die kamen nicht vom Herzen, sondern aus einem ökonomischen Interesse heraus und waren grottenschlecht. Für meine Arbeit inspiriert haben mich am Anfang vor allem Hessenmob und das Vorgängerlabel Spoon. Die haben auch klein angefangen und sind sich und der Szene treu geblieben.

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Rave is King

Cleptomanicx ist eines der ältesten Streetwear-Label Deutschlands. 1991 gegründet, sticht es aus dem Wust der internationalen Marken mit einer breiten Produktpalette und schrillen, augenzwinkernden Designs hervor. T-Shirts, Boxershorts und Bettwäsche werden mit Typografie oder Mash-Cap-tragenden Zitronen bedruckt. Wiederkehrendes Motiv ist die Möwe. 2005 schaffte es Clepto als einziges deutsches Label in den De:Bug-Leserpoll. Mit ein Grund war wohl das legendäre “Rave is King“-T-Shirt, ein Rekurs auf ein Skateboard-Design von Rodney Mullen. Der Urvater des Streetskatens hatte zu einer Zeit, in der HipHop die Skate-Szene dominierte, Rock und Heavy Metal hochleben lassen. Cleptomanicx tat es ihm mit elektronischer Musik gleich.

De:Bug: Auf euren T-Shirts spielt ihr häufig mit Zeichen und Zitaten aus der Skate-Szene. Leitet sich von diesem Zeichendiebstahl euer Name ab?

Pitt: Nein (lacht). Wir hatten früher einen Bekannten, der wollte den heißesten Skate-Stuff, war aber immer pleite. Also hat er die Klamotten im Skate-Laden, in dem ich damals gearbeitet habe, einfach geklaut. Er war ein Streetwear-Kleptomane. So kam unser Name zustande.

De:Bug: Bei Streetwear-Klamotten, gerade aus dem HipHop-Bereich, drehen sich die Designs oftmals nur um Labelname und Logo. Bei Cleptomanicx fällt dagegen auf, dass ihr auf diese Plakativität verzichtet, mit Ausnahme der Möwe vielleicht.

Pitt: Auch für uns gilt die Devise “Stumpf ist Trumpf“, das muss ich als Geschäftsführer leider sagen. Die Möwen-Shirts verkaufen sich am besten. Ein klotziger Schriftzug kommt bei uns jedoch nicht vor. Clepto-Teile sollen einen nicht anspringen, man soll sie entdecken. Wir leisten es uns, auch Ladenhüter zu produzieren. Achtzig Prozent unserer Produkte sind Clepto-Commercials, zwanzig Prozent echte Herzensstücke.

De:Bug: Ein Blick auf die Startseite des Frontline-Shops hat mich letztens erschrocken. Auf der Homepage des Streetwear-Versandhauses strahlten etwa 500 neongrelle Produkte unter der Überschrift “Rave New World“. Wie geht ihr mit Trends um?

Stefan: Ich als Grafiker und Designer muss sagen: gar nicht. Frontline richtet sich nach den Konsumenten, und die richten sich danach, was auf Myspace angesagt ist. Woanders findet so etwas Inszeniertes wie New Rave auch gar nicht statt. Und wenn selbst Magazine wie “Blond“ eine Ausgabe darüber machen, ist der Trend Gott sei Dank bis zum Winter tot.

De:Bug: Festzuhalten bleibt jedoch der Einfluss der Musik auf die Modewelt. Wie sah eure musikalische Sozialisation aus?

Pitt: Als Skater stehst du den ganzen Tag auf dem Brett und hast wenig Zeit, neue Musik zu entdecken. Daher hatten schon immer die Skate-Videos einen großen Einfluss auf den Musikgeschmack der Szene. Die Videos waren meistens mit HipHop oder Punkrock unterlegt, das prägt.

Stefan: Ich habe mir früher sogar einen Kassettenrekorder neben den Fernseher gestellt und die Musik aufgenommen.

De:Bug: Ihr habt Merchandise-Artikel für das Hamburger Rap-Label Eimsbush gestaltet und arbeitet mit Musikern wie Jan Delay oder Dendemann zusammen. Zurzeit erinnern eure Designs farblich und grafisch eher an die elektronische Musikkultur. Hat sich euer Geschmack geändert?

Pitt: Nein. Die Hamburger sind einfach offene Menschen. Koze, DJ Phono, selbst Bo ist schon vor Jahren mit Westbam auf der Mayday aufgetreten. Das ist Hamburger Tradition. Am meisten verantwortlich für den Clepto-Stil ist natürlich Stefan, und der ist erst 2003 zu uns gestoßen.

Geöhnungsbedürftig

An Stefan Marx Scribble-Zeichenstil muss man sich erst gewöhnen. Ob grinsende Häuser, laufende Toastbrote oder verstrahlte Eichhörnchen, Marx mag es, “Dinge zum Leben zu erwecken“. Neben dem Posten als Clepto-Chefdesigner betreibt er sein eigenes T-Shirt-Label “The Lousy Livincompany“. Für das Hamburger Technolabel Smallville und den gleichnamigen Plattenladen hat er die Art Direction übernommen und auch für Playhouse Plattencover entworfen, zum Beispiel das “Western Store“-Album von Isolée. Im Februar erschien sein zweites Zeichenbuch “I Wait Here For You Forever as Long as It Takes“ im Züricher Nieves-Verlag.

De:Bug: Kunstbanausen könnten sagen, viele deiner Zeichnungen sind Kindergarten-Krakelei.

Stefan: Auch die Clepto-Jungs mussten sich erst damit anfreunden. Meine Sachen kann man nicht auf den ersten Blick konsumieren. Ich bin grafisch von Skateboard-Marken wie Powell Peralta oder später den ganzen World-Industries-Sachen um Grafiker wie Marc McKee oder Sean Cliver erzogen worden. Bei denen ging es um ausgefallenes Board-Design, nicht um die Lesbarkeit des Labelnamens. Mit Clepto und der Livincompany versuche ich, einfallslose Plakativität zu bekämpfen. Vielleicht inspiriert das ein paar Kids, selber gestalterisch aktiv zu werden.

De:Bug: Nichts ist heute einfacher als das. Die Produktionsmittel sind demokratisiert, jeder hat einen Computer.

Stefan: Aber das hat die Qualität nicht besser gemacht. Es fehlt an Durchhaltevermögen und Leidenschaft, die nur durch die Verwurzelung in einer Szene entstehen kann, sei es nun das Skaten oder die Musik.

De:Bug: Womit wir wieder bei den drei A’s vom Anfang wären: Attitude, Aesthetics und Action. Wie steht es um Cleptomanicx in weiteren 15 Jahren?

Pitt: Dann bin ich fast fünfzig und zu alt für Streetwear. Zumindest um sie selber zu tragen, das übernimmt dann mein Sohn. Im Moment finanziert Clepto fünf Menschen den Lebensunterhalt, da bin ich stolz drauf. Globale Expansionspläne haben wir nicht, dazu reicht unsere Energie nicht aus.

Stefan: Ich glaube, wir sind nicht solche Karrieretypen. Wir wollen keinen International Salesmanager.

Pitt: Lieber mehr Kinder als mehr Arbeit.

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11 Responses

  1. Tibi Thomann

    Pitt,ein super interview!!!I am really proud of you!!!!!

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  2. Tibi Thomann

    von den Anfängen bis jetzt,wir haben alles miterlebt ,clepto forever!!!!

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  3. Cleptomanicx Fan

    Endlich mal ein paar Hintergrundinfos zum Kultlabel aus Hamburg! Habt ihr schon die neuen Möwen-Shirts mit Friedenszweig gesehen??? Gruß von der Waterkant!

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  4. Lars

    Hey
    Sagt mal war da nicht auch das Team von
    http://www.engel-domizil.de
    Oder irre ich mich da jetzt aber ich glaube schon die hatten doch die grasen Jeans…
    mhh naja habt mal noch nen schönen Tag
    Der Lars

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