Neuer Kunstsport: Deckensurfen
Hält fit, verweigert aber die Leistungsgesellschaft

Nichts war so eine Ausgeburt von Marketing-Hörsten wie der Modesport “Parkour”. Da sprang ein strammer Bursche mit rasierten Waden vor ihren BMW, schon hatten sie die geile Idee, daraus eine Mär vom neuen Edlen Wilden aus dem Ghetto/Banlieu zu stricken. Zur vorletzten Jahrhundertwende flanierte man im Kriechtempo mit Schildkröte, zur 2000er-Wende wollten sie einem vertickern, dass die Kids ganz leistungsgesellschaftsmäßig auf dem geradesten und schnellsten Weg mit dem Kopf durch die Wand wollen. Klar, dass sich damit gut Produkte bewerben lassen: ein Kapitalismus-konformes Abenteuer.
Darauf gab es bis jetzt nur eine adäquate Antwort. Die Jungs von der skandinavischen Modemarke WeSC haben für ihr Sommer06-Lookbook die Kombination aus Military-Reiten und Parkour erfunden: Streethorsing. Schön mit dem Rappen vom Garagendach springen und den Schnurrbart wehen lassen. Ein toller Photoshop-Spaß (vielleicht ein bisschen bekifft …).

Deckensurfen ist die zweite Antwort auf Parkour. In Spiderman-Manier schert man sich nicht um Kommoden und Schuhschränke im Flur, sondern klettert geradewegs über sie hinweg (zur Küche, wo der Campari oder der Abwasch wartet). Nebeneffekt für Leute, die Verschwendung hassen: Endlich wird die Deckenhöhe der Altbauwohnungen ausgenutzt, die sonst nur Heizkosten schluckt.
Wenn man in den eigenen vier Wänden genug deckengesurft ist, kann man sich vor Erschöpfung draußen auch nur noch im Schildkrötentempo fortbewegen. Man hat das pupertär-revolutionäre Gefühl, sich ganz sportlich und leistungsfordernd im (privaten) Raum gegen dessen eigentliche Nutzungsbestimmung bewegt zu haben (auch ein wichtiges Motiv beim Skaten). Außerhalb der Wohnung, in der Öffentlichkeit, setzt man aber zwangsläufig das passende Gegen-Statement. So funktioniert politisch korrekte Ertüchtigung.

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