Fabrics Interseason
Die Modemarke zu unserer Öko-Ausgabe De:Bug 121 erfindet die Biobourgeosie und setzt auf karierte “Polentaschen“ statt Jutebeutel

(Döbling Reform, Sommer 08, alle Fotos: Maria Ziegelböck)
Die Wiener Wally Salner und Johannes Schweiger beobachten seit zehn Jahren mit ihrem Modelabel Fabrics Interseason ganz genau die sozialen Verschiebungen um sich herum. Sie reagieren darauf nicht nur mit ihren Kollektionen, sondern auch in Performances und Ausstellungen.
Alle Welt spricht von Nachhaltigkeit und Neo-Öko. Fabrics Interseason haben dazu die “Biobourgeosie“ im Wiener Soziotop zwischen den Vierteln Döbling und Hietzing ausgemacht. Als kritische Begleiter sind sie mit so viel Empathie wie Skepzis dabei. Ihre Kollektion bekommt genau dadurch Schärfe im Wallawalla-Look.

(Hietzing Reform, nachhaltiger Couture-Nomade mit karierter “Polentasche”)
De:Bug bat sie um einen Kommentar zur neuen Okö-Mode und zur Biobourgeosie.
1. Bio-Lebensmittel haben sich durchgesetzt: Glaubt ihr, das ist in der Mode, die auf permanente Wechsel setzt, auch längerfristig möglich? Oder ist die Nachhaltigkeits- und Fair-Trade-Debatte nur das Schlagwort der Saison und wird nächstes Jahr wieder verschwunden sein?
Wir denken, dass dieses Bedürfnis nach einem bewussten (individuellen) Lebensstil – der sich von der Ernährung bis hin zum Konsumverhalten erstreckt – ein längerfristiges, nachhaltiges politisches Bewusstsein markiert. Diese alternativen Ressourcen werden auch nach zwei modischen Saisons noch nicht erschöpft sein und “Handarbeit versus Massenproduktion” ein Thema bleiben, sowie weiterhin die Fragen nach prekären Arbeits- und Produktionsbedingungen im Modesegment.
2. Wenn Sasha (oder Chris de Burgh oder …) bei Live8 auftritt, macht ihn das künstlerisch nicht wertvoller. Bei vielen Modemarken, die sich auf das Öko-Thema werfen, sehe ich das genauso. Das aufgepfropfte moralische Thema lenkt von der ästhetischen Unzulänglichkeit der Klamotten ab. Kennt ihr befriedigende Lösungen? (Den einzigen Namen, den ich immer wieder höre, ist Noir.) Wird die Vielzahl an Scheißklamotten das Thema killen?
Mit Ökomode wird immer noch Müsliästhetik (Jute statt Plastik) verbunden, dass es dabei aber auch schon Birkenstockschuhe in Neon-Farben und American Apparel – die ja auch den Bio/Ökoansatz in ihrer Baumwollproduktion hervorheben – gibt, wird vergessen. Wir denken eher, dass die Vielzahl an “H&M, Mango, NewYorker Scheißklamotten” das Thema Ökomode als Alternative zur bisherigen Massenproduktion noch heißer machen wird. Und wo gehobelt wird, da fallen bekanntlich auch Späne.
3. Durch welche Kleidung zeichnet sich die Biobourgeoisie aus? Trägt sie wirklich Fair-Trade-Klamotten? (Meine Beobachtung wäre das nicht …)
Die Biobourgeoisie trägt klassisch-konservative, traditionelle Manufaktur bzw. regionale Markenware.
4. Habt ihr Beispiele, wie sich eure Auseinandersetzung mit Biobourgeosie konkret in der Klamotte niederschlägt? Oder ist das mehr ein ganzheitliches Flair? Ihr spielt ja mit einem Tribal-Ethno-Look. Seid ihr Teil der Bewegung oder eher Kommentatoren von außen?
Die Biobourgeoisie ist Ausdruck eines Lebensstils, einer politischen Befindlickeit, der/die sich vom Essen, Trinken, Schlafen, Wohnen, Vögeln bis hin zum Denken erstreckt. Insofern schlägt sich diese politische Haltung in allen möglichen Formen – sowohl inhaltlich auch als ästhetisch-formal nieder. Das heißt, beim Design werden hier immer Fragen nach Massenproduktion, Handarbeit, Nachhaltigkeit, Beständigkeit usw. eine Rolle spielen und sich niederschlagen. Alternative Lebensformen werden Ausdruck in neuen Designformen finden (function follows form). Wir sind kommentierende Beobachter dieser Bewegung, deren Konsumverhalten sich bewusst und nachhaltig verändert. Nachfrage am Markt schafft neues Angebot.
5. Ist das Thema für euch eher ästhetisch oder produktionstechnisch interessant? Benutzt ihr Öko-Materialien und lasst fair produzieren?
Das Thema ist sowohl ästhetisch-formal als auch produktionstechnisch für uns spannend. Da unsere Produktion eine sehr überschaubare oder auch elitäre ist, legen wir Wert auf gute Materialien, perfekte Verarbeitung und auf faire, sorgfältige Produktionsbedingungen.
6.Glaubt ihr, das Hi-Tech-Materialien in Zukunft unter ökologischen Gesichtspunkten wichtig werden? Wird es eine unnostalgische SciFi-Hippie-Mode geben, die gerade nicht auf die typischen Öko-Stoffe Jute, Leinen, Hanf setzt?
Ja, unbedingt!
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