Avantgarde-Mode aus Transsylvanien: Den Bauern bei der Kartoffel-Saat zuschauen.

Timo Feldhaus in De:Bug 120.

Es war Fashion Week in Berlin (und alle drücken die Daumen, dass es nicht das letzte Mal gewesen sein möchte …). Da, wo man während dieser Woche zuverlässig Neues und Aufregendes entdecken kann, auf der Ideal Modemesse im Café Moskau, wurde diesmal alles auf eine Karte gesetzt. Die Ideal zeigte auf ihrer Show nur einen einzigen Designer. Der hat diese Beachtung verdient. Olah Gyarfas Label Rozalb de Mura bweist, dass man aus der Diaspora direkt ins Schwarze der Modemetropolen treffen kann.

Olah Gyarfas wohnt in einem kleinen Dorf in Transsilvanien. Da ist er geboren. Da will er nicht weg. Mehrmals in der Woche spaziert er zu Fuß in die nah gelegene Stadt Miercurea-Ciuc. Er geht in eine Fabrik, in der seine vorgezeichneten Entwürfe von sechs Arbeitern Gestalt bekommen. Der 31-jährige rumänische Modedesigner hat gerade seine fünfte Kollektion bei der Berliner Modemesse ”Ideal“ gezeigt.


Foto: Gabriel Schauf

Sie ist vollkommen in Schwarz gehalten. Statt plakativen Farben und irren Drucken setzt Gyarfas auf eine Vielzahl von Materialen, die in slicken Schnitten und oftmals mehreren Lagen um die Körper der Models fallen. Was von weitem minimal, schlicht und zugeknöpft scheint, stellt sich bei genauerem Hinsehen als raffiniert und bisweilen geradezu komisch heraus und findet seinen Höhepunkt in Ganzköper-Plastikanzügen und Halskrausen, die wie ein glänzendes schwarzes Gummiboot um den Hals angebracht sind.

Mit der Begrenzung auf das Schwarze trifft Gyarfas einen Trend, der auf der gesamten Ideal festzustellen war. Es herrschte Grau und Schwarz, eher streng-avantgardistisch als street-fashionmäßig und bunt. Auch den “Karstadt New Generation Award” gewann mit QED ein Designerinnentrio, das generell ausnahmslos in Schwarz schneidert.

Die einflussreiche Modebloggerin Diane Pernet hat schon früh auf die speziellen Entwürfe Rozalb de Muras aufmerksam gemacht. Denn Gyarfas ist mit seiner Modelinie nur der Anfang eines multimedialen “Charakters“. Rozalb de Mura ist eine fiktionale Figur, die sich beständig verändert. Dragos Olea, neben Gyarfas der wesentliche Protagonist der in Bukarest gegründeten Kunstagentur, erzählt später, das ”Ding“ (Name der Modelinie: The Thing) sei in diesem Fall ein erkaltetes Stück Lava, das jemand gefunden habe. In der Show gingen die Männer und Damenmodels auf freihängende Scanner zu und ließen bestimmte Körperteile und Stoffdetails durchleuchten. Sie drehten sich daraufhin unter der aufregenden Musik von Mikhail Karikis nur kurz im Schimmerlicht dem Zuschauer entgegen.

De:Bug: Könntest du etwas zu dem konzeptuellen Ansatz eures Labels sagen? Ihr versteht euch nicht einzig als Modelabel, sondern sucht die Nähe zu anderen Präsentationsformen.

Dragos: Die Idee war zu Beginn eher die einer Plattform. Die Mode von Olah wurde dabei aber schnell die treibende Kraft. Wir arbeiten mit visuellen Künstlern oder Musikern zusammen. Z.B. Tobias Stenberg, Olivia Plender, Constantin Luser oder Liste Noire Group. oder der Tänzerin Virpi Pahkinen.

De:Bug: Olah, zu welchem Zeitpunkt begann Mode eine Rolle in deinem Leben zu spielen?

Olah: Das war eigentlich ein ganz natürlicher Prozess.

De:Bug: Meine Rolle in diesem Gespräch ist es, anzunehmen, dass nichts auf der Welt natürlich passiert.

Olah: Also nach der High-School schien es mir am natürlichsten, etwas Künstlerisches zu studieren, ich zeichnete sehr viel. Und plötzlich gab es diese Zeitschriften in unserer Wohnung.


Foto: Gabriel Schauf

De:Bug: Modezeitschriften aus dem Westen? Wie kamen die ins kommunistische Rumänien?

Olah: Alle meine Familienmitglieder brachten diese Zeitschriften mit, die kein Cover hatten und die ich erst viel später als eine Vogue erkannte. Dort sah ich zum ersten Mal Brands wie Balenciaga, Givenchy und Christian Dior. Ich erinnere mich noch genau an ein Bild von einer Brücke in New York, auf der Models liefen, es war eine Werbung für YSL und sie hat mich tief beeindruckt. Außerdem gab es eine Ausgabe des deutschen Magazins “Frau im Spiegel”, auf dem Cover war ein Hochzeitsfoto von Charles und Diana von 86.

De:Bug: Was inspiriert dich in deinem kleinen Dörfchen?

Olah: Ehrlich gesagt glaube ich, dass physischer Kontakt mit Dingen und Situationen überschätzt wird. Heutzutage kann man überall wohnen, am Nordpol oder in großen Hauptstädten. Durch das Internet und günstige Reisemöglichkeiten kann man Distanzen schnell überwinden und trotzdem in den Wäldern wohnen. Ich sehe zum Beispiel sehr viel ”Arte“. Gerade wenn man Kleider macht und versucht etwas genuin Neues zu produzieren, ist es sogar besser, nicht permanent Teil von etwas zu sein. Ich brauche nicht die Nähe beispielsweise einer Schwulenszene oder von Stylisten und anderen Modemenschen um mich herum. Stattdessen schaue ich den Bauern bei der Kartoffel-Saat zu. Ich würde es nicht aushalten, die ganze Zeit neben diesen “pinken” Menschen zu leben.

De:Bug: Deine Kollektion ist nun ganz in Schwarz gehalten. Ein Tribut an die Wälder Transsylvaniens?

Olah: Ich wollte schon lange eine Kollektion nur in der Nicht-Farbe Schwarz gestalten. Man konzentriert sich nur auf die kleinsten Schattierungen. Schnitte und Stoffe werden zum wesentlichen Faktor. Ich spiele mit ganz unterschiedlichen Materialien wie Plastik, Seide, Baumwolle, Neopren und Viskose. Es ging mir darum, eine Strenge und selbst auferlegte Sparsamkeit mit versteckten Kniffen zu kombinieren, die nur der Träger kennt, versteckte Taschen, aber auch Taschen, die nur so aussehen, als wären sie welche.

Dragos: Viele sagen, dass man auf den schwarzen Kleidern gar nichts erkennen würde. Dies hat Olah dazu inspiriert, das Detail zu zelebrieren. Es geht dann genau darum, Dinge zu präsentieren, die aus der Nähe ganz anders aussehen als von weitem.

De:Bug: Gibt es Musik, die dich besonders interessiert?

Dragos: Nein, ich höre wirklich sehr unterschiedliche Sachen. Im letzten Jahr war ich ziemlich beeindruckt von dem allerersten The-Knife-Video und habe daraufhin eine ganze Kollektion zu diesem Stück entworfen. Gestern habe ich sie zum ersten Mal getroffen. Aber ich kann mir Namen nicht merken. Ich mag Punk, aber auch Klassik und Country, und natürlich Al Bano & Romina Power oder Sabrina (“Boys boys boys”).