Wie überzeuge ich vietnamesische Schneiderinnen, in Seidenblousons Reißverschlüsse einzusetzen?

Jan Joswig in De:Bug 123.

Wibke Deertz hatte einen Traum. Wenn die Großen ihre Modeproduktion nach Asien verlegen, kann sie es mit ihrem kleinen Label ADD auch. Statt Gewinnmaximierung durch Ausbeutung stand ihr aber mehr der Sinn nach Abenteuer. Nach drei Monaten in Hanoi, einem Feature in einem vietnamesischen Lifestyle-Magazin und vielen kuriosen Begegnungen ist aber klar, dass die Mission voller Stolpersteine steckt.
 
Das Berliner Modelabel ADD ist eine gut eingeführte Adresse. 1999 gestartet, wurde es mit einem Schlag bekannt durch Sweatshirts, bei denen der Kopfausschnitt in die Rückenpartie verschoben ist, so dass die Sweater verrutscht am Körper sitzen. Ein dekonstruktivistischer Scherz, der überraschend einleuchtend aussah. Ein vergleichbarer Hintenrum-Witz, immer korrigiert durch eine leichte Spröde, bestimmt seitdem all ihre Kollektionen. Ihr Standard-Repertoire basiert saisonunabhängig auf Karomustern, die auf den zweiten Blick wie das Flickwerk von Huckleberry Finn aussehen. Hemden und Jacken, die nicht an Schnickschnack interessiert sind, aber Flickschusterei zu Couture erheben. Wenn ihre Sachen exzentrisch werden, dann nur, weil sie so ihre Funktion besser erfüllen.

Ihre Sommerkollektion 2008 wollte Wibke Deertz in Vietnam produzieren lassen. Nike kann das schließlich auch. Wibkes KungFu-Meister kommt daher und lud sie ein. Das Land, das den Amis, diesen zukünftigen Losern der Weltwirtschaft, eine Harke gezeigt hat, 1967 zur kommunistischen Republik wurde, sich 1986 der freien Wirtschaft öffnete und seit 2007 der WTO angehört, rangiert unter den ersten Plätzen beim weltweiten Wirtschaftswachstum. Sehr weit weg von den Zuständen in der DDR, dem einstigen Bruderland, hat sie das aber noch nicht gebracht. Wibke Deertz erzählt:
 
Mein KungFu-Meister wollte mit mir Business machen, einen Laden eröffnen und den vietnamesischen Markt erobern. Ich dachte, ich guck mir das mal an. Ich wollte schon immer Sweatshops von innen sehen. Mein KungFu-Meister hat aber auch gerade Geschäfte mit Honeckers Leibwächter gemacht. Ich habe dann also mit meinem KungFu-Meister und Honeckers Leibwächter rumgehangen und schnell gemerkt, daraus wird nichts.


 
In Ho Chi Minh Stadt habe ich einen vietnamesischen Modedesigner kontaktiert. Die Einführung durch den Übersetzer lief so: “Thank you for coming out here. I want to introduce you. Mr. Phuong Le Thanh, he’s a very important fashion designer in Vietnam, his work has been published in many magazines, he’s been covered in many TV shows …” Klar, der Typ ist Herr Oberwichtig. Wir haben uns gegenseitig unsere Sachen präsentiert, unterschiedlicher geht es nicht, das war schon peinlich. Hässliche Abendgarderobe. Er schneidert für die vietnamesischen Filmstudios und lehrt Mode an der Ho Chi Minh Fine Arts Society. Aber mit meinen Sachen konnten die Vietnamesen auch nur bedingt was anfangen.

Von Ho Chi Minh Stadt bin ich nach Hanoi gefahren. In Hanoi zu sein oder in Ho Chi Minh Stadt ist ein krasser Unterschied, wie zwischen Ost- und West-Berlin vor Mauerfall. In Ho Chi Minh Stadt gibt es viele Silikontitten. Wenn man da in Nachtclubs geht, ist es sehr billig. In Hanoi habe ich Leute kennen gelernt, die im Goethe Institut eine Ausstellung machten. Hans Nieswandt war als DJ da. Er hat eine Bierflasche an den Kopf bekommen, als er auflegte: “Das ist doch kein DJ, der sieht aus wie ein Wissenschaftler.“ Mit der ganzen kreativen Szene von Hanoi habe ich eine Woche lang Party gemacht. Hanoi ist ein bisschen wie Leipzig, viel Kunst.

Eine Partykultur gibt es aber nicht. Die Galerien werden kontrolliert, du darfst nicht alles ausstellen. Die Leute sind beeindruckend gelassen, beeindruckend cool. Frauen gehen nicht in Kneipen. Die Männer saufen total viel, fangen tagsüber an, bis sie unterm Tisch liegen. Du kannst auch nicht nein sagen, es sei denn, du hast eine total schwere Krankheit. Dann lachen die Frauen über die Männer – und machen ihnen was zu essen. Das Hauptfreizeitvergnügen ist es, in den Park zu gehen und zu knutschen. Die Frischverliebten fahren mit ihren Rollern in die Stadtparks, sitzen da dicht an dicht und knutschen. Ich habe noch nie so eine Pärchenkultur gesehen. Sie heiraten auch alle sehr früh, mit zwanzig.

Als ich da war, wurde die Helmpflicht eingeführt. Die Stadt sah völlig anders aus von einem Tag auf den anderen. Früher hatten alle schwarze Haare, jetzt plötzlich nur Plastikfarben auf dem Kopf.

In Hanoi gibt es nicht einmal eine Drogerie. Man kauft Stoffe auf dem Markt und geht damit zu den kleinen Schneidern. Ein Hemd nähen zu lassen, kostet etwa zwei Euro, die schlechtest bezahlten Fabrikarbeiter bekommen zwanzig Euro im Monat. Importhemden aus China kosten 80 Cent. Alles Billige kommt aus China. Container mit westlichen Second-Hand-Klamotten landen nicht in Vietnam.
 
Ich wollte in Hanoi eine Produktion machen, habe ein Haus gemietet, eine Nähmaschine gekauft. Meine Assistentinnen sprachen Englisch, sonst musste übersetzt werden. Es war aber sehr schwierig, schon angefangen bei den Stoffen. Es gibt nur Material für die Riesenfirmen oder für ganz kleine Schneider. Die Designer fahren nach China und kaufen dort ihre Stoffe. Ich habe sie auf Märkten zusammengesucht. Man muss sich das DDR-mäßig vorstellen, wie ein VEB. Jerseystoff gibt es nur ab 2.000 Kilo, darunter nicht. Ich habe ein Leck ausfindig gemacht, eine Frau, die was unter der Hand abgezweigt hat. Das war die reinste Schnitzeljagd durch die Stadt. Wir haben den Stoff auf einem Moped abtransportiert.

Die Näharbeiter in den Kleiderfabriken streiken gerade massiv. Wer Schnitt beherrscht, ist eine Fachkraft und bekommt gutes Geld. Aber Näherinnen kriegen nicht viel. Ich habe mir eine Fabrik angeguckt, in der Unterwäsche genäht wurde. Unterhosen für dicke australische Frauen, die Riesenhosen in den kleinen vietnamesischen Händen, total verrückt.

Ich habe ganz viele Sachen bei einer Schneiderin machen lassen, die schwanger war. Die war scharf drauf, das zu machen. Sie hat sich noch ein befreundetes Ehepaar dazugeholt. Ich war bei ihr zu Hause, um Stoffe vorbeizubringen. Sie hocken da und schneiden jedes einzelne Stück auf dem Fußboden zu. Du denkst, das kannst du nicht verantworten, aber sie will das unbedingt machen, will für ihr Kind sparen.

Die Leute kommen aus Schneiderfamilien, nähen von klein auf. Es gibt zwar ein London Fashion Institute in Hanoi. Die Ausbildung kostet aber Geld und läuft auf Englisch. Es kommt nur für Privilegierte in Frage. Die Abgänger machen eigene Läden auf. Allerdings kannst du fast keinen Laden aufmachen, weil jede gute Idee, die du hast, sofort vom Nachbarn kopiert wird, und zwar billiger. Alle drei Wochen musst du dir was Neues einfallen lassen.

Ich kann nicht so gut Kragen machen und hatte auch kein Schnittbuch dabei. Die eine Schneiderin nimmt die Schere, guckt überhaupt nicht hin, schneidet in der Luft ohne Vorlage den Kragen aus, der sitzt genau. Ein absolutes Rätsel. Aber die machen auch nichts anderes.

Die Schneiderinnen sind wahnsinnig arrogant, glauben, sie wüssten alles besser. “Warum macht die so was, das ist doch nicht modern.“ Es muss bunt sein und glitzern. Meine Jacken aus traditioneller Seide wollte keiner nähen, weil sie es absolut inakzeptabel finden, die Seide mit Reißverschluss und Baumwollfutter zu kombinieren.

Westliche Marken werden völlig ausgehebelt. Überall steht Gucci und Versace drauf. Es gibt Mopedhemden, die man hochkrempelt, um nicht braun zu werden. Die sind zugepflastert mit Markennamen. Allerdings gibt es in Hanoi seit letztem Jahr einen Louis-Vuitton-Laden. Ob es Kopien oder Originale sind, ist den Leuten aber egal. Eine Stoffverkäuferin lief in einem “Lodown“-T-Shirt rum. Das haben die wohl da drucken lassen und ein paar fielen durchs Netz.

Die ersten Muster, die du zurückbekommst, sehen total scheiße aus. Wollen die mich verarschen? Dann fängst du an: “Hier anders, da anders, könnt ihr die Kettmaschine neu einstellen, wie sieht denn das Knopfloch aus.“ “Okay, bring ich morgen ein neues Muster …“ Das ist dann perfekt. Aber sie testen erst mal, womit sie durchkommen. Ich habe in 60er-Stückzahl produzieren lassen bei einer Schneiderei mit 30 Näherinnen. Die haben es super gemacht.
 
Das Problem ist: Ich darf die Klamotten nicht exportieren. Nur die großen Betriebe haben Zertifikate, um ein Ursprungszeugnis auszustellen, das die Bedingung für den Export ist. Ich musste also alle Papiere schwarz einkaufen. Alle Leute haben Kontakte, sind total vernetzt. Es ist genauso wie die Geschichten aus der DDR. Meine Assistentin hat einen Bruder, der mir einen Schneider besorgt hat. Der Schneider hat mir einen Betrieb besorgt, über den ich die Papiere bekommen konnte. Ich habe hunderttausend Blanko-Unterschriften dagelassen, alle haben von mir Geld gekriegt. Ich hatte nie die Sorge, abgezogen zu werden, trotzdem ist man als Ausländer krass Ausländer, weil die vietnamesische Kultur ziemlich geschlossen ist. Im Süden leben auch viele Afrikaner, aber im Norden gibt es kein Kreuzberg.

Ich finde es schon traurig, dass meine Produktion letztlich wegen solch eines Regierungsscheiß’ nicht geklappt hat, total absurd. Als kleiner ausländischer Auftraggeber bist du praktisch in die Illegalität gezwungen. Aufwand und Risiko rentieren sich überhaupt nicht. Mein Container ist letztlich in Berlin angekommen – aber ein halbes Jahr zu spät. Jetzt muss ich nach Thailand ausweichen – dabei kann ich Bangkok nicht leiden.

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3 Responses

  1. muzo

    halo !!

    ich suche kontakte nach china, wollte t-shirts und sweatshirts erst mal in kleinen mengen die qualität und den ablauf zu testen importieren, ich bin in deutschland, würde mich freuen für eine gute zusammen arbeit..

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