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31.10.2002 | 11:11
 
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TIED & TICKLED TRIO

Es war live und ich war dabei.


Tied & Tickled Trio 28. Oktober 2002 Berlin, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Holz, verschraubt, darauf: Zuhörer Stahlgerüst, verschraubt, davor: das Tied & Tickled Trio, zwölf Mann hoch. Erneut hatte Christoph Gurk für ein Wochenende Musik in die “Neustadt” eingeladen: Donna Regina & Wechsel Garland, Oval, Jan Jelinek & Niobe Zse Zse und schließlich, am Sonntag, die zwölf Glorreichen aus Weilheim. Die “Neustadt” wurde in die Volksbühne hineingebaut: Aus dem Zuschauerraum wurde eine terrassenartig angelegte Bühne mit kleinen Holzhäusern; ein Stahlgerüst machte aus der Bühne ein Zuschauer-Hotel. In dieser “Puppenstube Mitte” wurden u.a. Dostojewskis “Idiot” und ein Metropolen- & Migrationskongreß inszeniert. Zum Konzert wurde die Zuschauerbühne wieder zur Zuschauerraum und der Bühnenzuschauerraum wieder zur Bühne. Holz und Stahl, ein wenig Elektronik: Wie der Raum, so die Instrumente. Die zwölf Musiker, völlig auf sich bezogen, bastelten ein komplexes Klanggerüst, geerdet im Dub und manchmal auch im Funk. Bei den Dub-Parts dachte ich zunächst, die “Rhythm & Sound” -Tüftler hätten sich hinter das Mischpult geschlichen, so tight wurde der Sound. Die Bläser ergingen sich nicht in vordergründiger Jazz-Melancholie, die bei den CDs durchaus mal durchscheint, sondern legten Flächen zwischen den Rohbau aus Beats, Bässen, Clicks und Fieps. Am meisten hat mich das gänzlich uneitle Saxophon von Johannes Enders gefesselt, der den jazzigsten Pfad durch den Sound fand, ebenso überraschend wie einleuchtend. Es war ein Konzert außerhalb aller Tourneen, die nächste CD wird wohl erst Anfang 2003 erscheinen. Nur zwei Proben hatten die Zwölf dem Vernehmen nach Zeit, um sich auf diesen Abend vorzubereiten: So erklärte sich vielleicht teilweise die äußerste Konzentration, das völlige Zurücktreten hinter den Sound, das Ausweichen jedweden Blickkontakts mit dem ausverkauften Zuhörerraum. Gerne wird im Zusammenhang mit dem Trio ja an Miles Davis “In a silent way”- Sessions erinnert (und Micha Acher kehrte, ganz in der Tradition des Meisters, dem Publikum den Rücken zu), doch die Miles-Inspiration ist durch Bill Laswells Echokammern gegangen. So war es vielleicht kein Zufall, daß mich der stete Wechsel von Selbsterkundung im Jazzidiom und Selbstvergewisserung im Dub (oder umgekehrt?) anfangs an eine meiner Lieblingsbands erinnerte, die von Laswell produzierten “Blind Idiot God”. Letzlich aber führen alle Vergleiche ins Leere: Wo Miles, Coltrane und natürlich auch Jazzcorler wie BIG ihre Gebäude ohne Rücksicht auf die Statik errichteten und so die Möglichkeit des Scheiterns – auch und gerade auf der Bühne – immer eine reale Möglichkeit war, wirkt beim Tied & Tickled Trio alles gut verschraubt. Der Preis für diese Sorgfalt ist zuweilen die Durchschaubarkeit. Sorgfältig bauen sie ihren Sound um alle Jazzmuckereien herum – aber eben: herum, statt sie einfach zu ignorieren. Doch wie sie das am Sonntagabend machten, das war dann doch wieder bewundernswert.

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