DIE NEUE DE:BUG IST DA
Ausgabe 69 / Maerz 2003 ab heute am Kiosk

Und das mit folgenden Themen: MUSIK John Tejada John Tejada ist nicht zu fassen. Der kalifornische Techno-Produzent bewegt sich nicht ZWISCHEN den Feldern House, Elektronika, Drum and Bass. Er bewegt sich IN jedem dieser Felder so, als wäre es sein einziges. Mit extrem unterschiedlichen Alben in der Pipeline setzt er ein Statement gegen Cross Over und für die Nicht-Fixierbarkeit des Produzentensubjekts. Jacek Sienkiewicz Wenn jemand dreidimensionales Ballern mit Format, Haifischzähnen und Basswumme drauf hat, dann ist es Polens Technoproduzent Jacek Sienkiewicz. Nicht nur Sven Väths frisch geschärftes Ohr hat er damit erweicht, auch alle Tanzböden, die eher an der Zuspitzung der Tradition als an der Aufweichung von 4/4 interessiert sind. Terre Thaemlitz Der Drag-Konzeptualist Terre Thaemlitz verarbeitet mit zerhacktem Audiofootage seinen ?Best Piss of his Life? mit unseren Vorstellungen von Liebe, Apartheid und ?House-Nation? zu einer Politik über die Rolle des Vergessens in historischen Prozessen. Wieso “Love” kaum an dem Suffix “bomb” vorbeikommt, diskutiert er aus seinem Wahlwohnort Japan mit Aljoscha Weskott. René Breitbarth René Breitbarth hievt sich aus der Sackgasse, in die er mit Gitarrenmusik und Frickelkram geraten war. Sein Album “Solar” bricht durch zu sonnig verspielten Flächen, die Verkrampfung gegen Harmonie einlösen. Techno bekämpft das HB-Männchen. Erlend Oye Stetig besucht der skandinavisch-introvertierte Erlend Øye das garstig kühle Berlin und erwärmt uns mit seiner bebrillten Herzzerissenheit. Dass er bei einem Auftritt zur ?Sinead O?Connor im Schafspelz?-Heulbojen-Nummer gezwungen wurde, war aber eigentlich keine Absicht. Mense Reents In Hamburg vermischen sich die Szenen und die Musiker zwischen Soli-Techno und Style-Punk wie sonst nirgends. Immer vornweg in Jesuslatschen und wehendem Schwangerschaftskittel (zumindest auf der Goldies-Gala) Mense Reents, Tänzer auf vielen Tänzen. Jetzt macht er “Aus freien Stücken” den Eintänzer. Mira Calix Denken wir mal an die schmackhafte Vegan-Küche (ihr wisst, Essen ohne Tier), zwei Stücke Seefeel-Tofu über Piano Magic-Blüten, ein guter Schuss Boards of Canada-Soße mit einem bisschen Erik Satie-Geschmack und fertig ist ein Gericht, dass ? wäre es ein Album ? ?Skimskitta? heißen müsste. Ersetzen wir dann noch das Fleisch-Substitut durch Musik, nennen wir es Mira Calix, sollten wir eigentlich öfter mal vegan Essen gehen. Common Der vom Hip Hop-Macker-Saulus zum korrekten Sonic Fiction-Paulus gewandelte Common kurvt mit seinem Album ?Electric Circus? zwischen Sun Ra, Jimi Hendrix und Wassermann jenseits des normalen Rap-Highways. Anders Ilar Der normaleuropäische Schwede Anders Ilar behält von seiner Terasse den distanzierten Überblick, um Ambient von Höhensonne unterscheiden zu können. Ambient war viel zu lange Kuschelersatz für Singlehaushalte. Jetzt ist es wieder Kühlaggregat für SciFi-Gemeinschaften. Shawn Rudiman Die Soundtracks eines individuell gelebten Lebens klingen gut. So hält Shawn Rudiman, the Pittsburg based Techno-Pitcher, seine Website und sein Leben under Construction. Er lebt auf gepackten Koffern: Berlin oder Rotterdam? Neapel oder Sheffield? Oder sonstwo? Shy fx and T.power Die Credibility-Träger Shy FX und T Power haben genug von schlechtgelaunten, unrasierten, selbst ernannten Rebellen im Drum and Bass. Deshalb treiben sie mit ihrem gemeinsamen Album “Set it off” den Balearic-Geist in die Drum and Bass-Flasche. Operation gelungen? Shy FX’ Freundin sagt ja. Iso 68 iso68 erfinden auf ihrem neuen Album ihre ganz persönlichen Filmmusiken, die, gleichberechtigt mit Sampler und akustischen Instrumenten eingespielt, einem das Regenwetter schmackhaft machen. Eine sanfte, vorsichtige Reise in eine Welt, über die man viel zu selten nachdenkt. Pulseprogramming Das Multimedia-Ensemble Pulseprogramming tritt mit “Tulsa for one second” an, allen emüdeten Indietronics-Hörern mit deepem Landhonig den Glauben wiederzugeben. Wenn Indietronictown nicht zerstört werden darf, weil es einen Gerechten gibt, dann sei Pulseprogramming Dank. Susanne Brokesch Eine Wienerin in New York vertieft sich in Menschen und Musik und taucht Bhangra-gewaschen mit “New Age Jazz” wieder auf. Susanne Brokesch hat sich mit ihrem zweiten Album “So easy, hard to practise” fünf Jahre Zeit gelassen, um dieses Mal ihre Bekannten nicht wieder zu verschrecken. Marke B Die elektronischen Produktionsverhältnisse schreien nach Repräsentation, ökonomischer Relevanz, Öffentlichkeit: Messen und Kongresse sollen kompakte Sichtbarkeit schaffen; neben der bröckeligen Popkomm sind es in Berlin Musik & Maschine und Bärenmarken/ MarkeB. In einem Email-Interview kommentieren Thomas Fehlmann, Gudrun Gut und Verleger der zugehörigen Publikation Jörg Sundermaier ihr Event Marke B. Mocky Sweet aber bocky. DAF 13 neue lieder oldschool Biber. KRIEG network centric warfare 1 Statt über den “Cyberwar” zu philosophieren und unblutige Hackerauseinandersetzungen zu zitieren, nutzt das Militär die Digitalisierung des Krieges, um automatisierte Waffen zu entwickeln. Die lassen sich bequem vom Internetcafe, äh, von ihrem autorisierten Knotenpunkt aus abfeuern – und sammeln nebenbei gefechtsrelevante Informationen zur Vernetzung. Anton Waldt führt durch die Grundlinien des “Network Centric Warfare”. network centric warfare 2 Angst haben stört die Kampfhandlungen und behindert im Krieg den gewünschten Fortgang des Tötens und Eroberns nachhaltig. Deshalb werden vom US-Militär munter Kriegsroboter entwickelt, die fliegen, fahren, tauchen und töten, zu Lande, zu Wasser und in der Luft. network centric warfare 3 Trotz bestehender eigener Landesdomain wurde im Irak noch nie eine Adresse mit der offiziellen Endung “.IQ” vergeben. Die Domain liegt offiziell in den Händen einer Firma, die von den US-Behörden aus Terrorverdacht 5 Tage vor dem 11. September lahmgelegt wurden. Nicht mal Andy Müller Maguhn kann das erklären. network centric warfare 4 Nachrichten und Information haben die Stimmungen um Kriege schon immer gewaltig beeinflusst. Mit Al-Jazeera hat sich jetzt neben CNN ein Sender etabliert, der auch im Westen ernstgenommen wird. Deshalb rüstet man auf. Krieg und Simulation Vergiss Videokonsolen: Der Irakkrieg wurde schon mehrmals mit echten Soldaten durchgezockt. Nur: Warum nimmt die USA die High Scores nicht ernst? MEDIEN Fernsehen wird Digital Das Fernsehen wird digital und wir alle sind dabei. Bis 2010 ist die Umstellung von analog auf digital abgeschlossen. Was das bringt, steht noch strobowolkig im Raum. Niemand weiß Genaues. Einige Vermutungen. Solaris Soderberghs “Solaris” lebt vom Mythos seiner Vorlagen. Gewohnt visuell perfekt, kühl und unaufgeregt inszeniert, streift Soderbergh leider doch nur das Potenzial des Science Fiction Klassikers. Ingrid Arnold deckt das mal auf. Quantencomputer Ungefähr alle drei Jahre brauchen wir neue Computer, weil sich die Dinger so beschleunigen. Etwas unbemerkt im Hintergrund rollt seit einiger Zeit allerdings etwas an, das unsere Maschinen in ihrem Kernel auf den Kopf stellen wird: der Quantencomputer. Mit den kleinen Quanten wären die diskreten Zeiten von null und eins vorbei. Alles wird verwirrender, aber auch schneller. Hofft man. Physiker Martin Sachwitz erklärt die Materie mit Hilfe von Ostseewellen und Sportstudiowänden. Safari Safari kommt aus dem Arabischen und bedeutet dort einfach nur “Reise”. So heißt er nun, der neue Webbrowser von Apple Computer Inc. Ein bisschen wie mit den TV-Dokumentationen Bilder der Welt auf den Schirm kommen. Safari ist nämlich fast so flüssig wie Fernsehen, und die metallische Monitor-im-Monitor-Oberfläche ist so auf das Wesentliche reduziert, dass kaum mehr Repräsentationsgrade die Interaktion mit den Angeboten behindern als bei der üblichen Fernbedienung. THEORIE Yo, Entfremdung Neue Produktivkräfte erfordern neue Strategien des Widerstands. Die bisherige Konzeption von Arbeit und Eigentum gerät in Zeiten, in denen “geistiges Eigentum” immer wichtiger wird, an ihre Grenzen, ob in Justiz, in Ökonomie oder bei sowas wie “kreativer Praxis”. Mercedes Bunz lugt unter den Teppich des Kapitalismus und beschließt, dass es Zeit dafür ist, die kapitalistische Entfremdung zur neuen Waffe zu machen. KUNST Jon Haddock Vor allem sind sie so seltsam schön, wie befremdlich: die Screenshots des amerikanischen Künstlers John Haddock. Ob Auseinandersetzungen mit Copyright oder dem Nachbau von Fernsehbildern als Skulptur, immer wieder kreist Haddock um Bilder, die wir wiederholt gesehen haben und kennen, an die wir uns gewöhnt haben. Übertragen in ein neues oftmals verniedlichtes Format (Comic, Game, Spielzeug) lässt uns Haddocks Arbeit alles nochmal neu und drastisch sehen. Valie Export Export ist sowas wie die Oma der Medienkunst. Eine Ausstellung in Berlin zeigt warum. Eva Gronbach Die Kölnerin Eva Gronbach hat ihr Schneiderhandwerk bereits für Yamamoto und Galliano unter Beweis gestellt. Sie will mit einer unverlangten ?Liebeserklärung an Deutschland” und ihrer eigenen Schwarz-Rot-Gold-Kollektion zwar keine politische Mode unters Volk jubeln, sie versteht sie aber als ?bekennende Mode”. Als, äh, was?




