ES WAR APHEX TWIN UND ICH WAR DA
Mr. James legt die Volksbühne tiefer

Der Sonntagabend ist ja in jeder Wochenendplanung so etwas wie der blinde Fleck. Nach durchfeiertem Wochenende am Sonntag noch auf Sendung zu sein, klingt erstmal nach einer schlechten Kombination oder zuviel sportivem Ehrgeiz. Wie auch immer, letzten Sonntag gabs aber für alle Raver, Ehemaligen und Zugereisten den ultimativen Grund fürs Ausgehen: Aphex Twin himself als DJ auf dem Mainfloor aka “der große Saal” der Berliner Volksbühne. Waren schon Wochen vorher Panikmailattacken durch sämtliche Büros gespült worden (Hilfe, wir haben keine Karten mehr bekommen, gibt es noch Gästeliste…etc.), war gestern Abend nun die total ausverkaufte Nacht des Richard D. James. Pünktlich um 20:00 vor den Toren der Volksbühne bleiben tumultartige Szenen zwar aus, dennoch geht es rappelvoll mit dem skurrilen bis unterhaltsamen – nennen wir es mal – Vorprogramm von Satanstornade und Whitehouse los. Natürlich sind letztgenannte Acts immer noch Grund für einen ganzen Abend und Meister Aphex ist letztlich nur der Party-DJ für 23:00, wenn das live Programm schon über die Bühne ist. Meiner reduzierten Sonntagswahrnehmung sei deshalb geschuldet, dass mir zwischen den Live-Acts lediglich der Unterschied von Bühne (dunkel, zu laut) und Foyer (verraucht und zu hell) auffiel. Egal, Tagesform entscheidet, Satanstornade und Whitehouse werden sicherlich an anderer Stelle die entsprechende Würdigung erfahren. 23:00 schließlich Noisegewummer aus, halber Saal raus an die Biertheke, andere Hälfte samt ausdauernder Foyerbesatzung dafür umso schneller rein. Und da, ein bezopfter junger Mann mit unverwechselbarem Mittelscheitel taucht zwischen den Boxentürmen und Plattenspielern auf der Hauptbühne auf: Aphex Twin als DJ, cool. Da ich zu meiner Schande noch nicht das Vergnügen hatte geschwind an den Pressefotografen vorbei an die Bühne gemogelt: Nach einem furiosen Intro ist schnell klar, dass Ohrstöpsel zur Basisausstattung der nächsten zwei Stunden gehören werden. Das Restprogramm ist dann Rave zwischen Noiseattacken, Techno, Acid, Drum and Bass und alles richtig schön schnell. Licht aus, Nebel an, Strobo an und auf den Meister gerichtet, so dass des DJs Gesicht diabolisch weiß aufflackert: die Konzertsituation ist nach 10 min endgültig gebrochen. Dank Strobo verschwindet auch der Ort, das Theater hinter einer Dunstwolke. Die Großraumravestimmung wird zwar durch die berüchtigten Securitys der Volksbühne zu torpedieren versucht, als die Kids, wie sichs gehört, die Bühne entern und das Bad im Strobogewitter suchen. Sie werden der Bühne verwiesen, um sich dann auf dem Floor wieder dem experimentellen Ausdruckstanz zu widmen. Meine lahmen postweekend-Beine langsam auf den Beat eingetuned schwelge ich in Erinnerungen an die gute alte Drum and Bass Zeit, in der Techno und Drum and Bass weder von den Leuten, noch von der Mentalität so getrennt waren. Das Publikum heute Abend indes unterscheidet sich trotzdem ein wenig vom gewöhnlichen Houseraver. Ich teile mir meine Bretterbohle der Holzbeplankung auf dem Floor mit einem 120 kg Hünen, der mich so ausdauernd auf ca 140 bpm durch den Abend schaukelt. Nach kurzer Dancehall- (oder eher Ragga-?) Einlage gehts von Techno hin zu broken Beats und die Stepper sind an der Reihe. Es wird schnell, sehr schnell. Nach drei hart von der Crowd ertrommelten Zugaben verabschiedet sich der Chefraver mit ein paar Autogrammen an einige gerührt durchgeschwitzte Kids. Hoffentlich kommt er bald wieder. Mit oder ohne Vorprogramm.




