Mond und Wolken
SMS 10: Less is Sometimes More

Leider war das Wetter für das 10. SonneMondSterne typisch verregneter Festival-Sommer, was aber großen Festivals wie Glastonbury ja oft nur noch mehr Atmosphäre verleiht. So, don’t care about dirt Schlamm-Sulen, und Frauen in Gummistiefeln können ja auch sexy sein. In diesem Fall hat es der Atmosphäre aber doch eher geschadet und viele der markierten Zeltflächen blieben leer. Am Samstag hatten sich viele dann wohl trotz des Wetters entschieden, sich ein Tagesticket zu kaufen und so war das Gelände am zweiten Tag merklich voller. Die Veranstalter hatten auf das Wetter nämlich hervorragend reagiert und endlos Sägespäne über den nassen Matsch gekippt, sodass man selbst in den neuesten Sneakers vor der Hauptbühne ohne große Drecksspritzer herumspringen konnte. Andererseits war das Konzept des Festivals mit einer Menge gesponserter Clubzelte und zwei Hauptbühnen – Main Stage und Brandenburg All Stars – teilweise ein wenig verwirrend und die Dezentralität führte bei mir zu leichter Deplatziertheit und dem ständigen Gefühl, woanders geht doch bestimmt gerade mehr. Highlights waren auf jeden Fall die Performances von Kraftwerk, The Knife, Ellen Allien & Apparat, den Audio Bullys und die Sets von Johannes Heil, Oliver Koletzki, den Wighnomy Brothers und Henrik Schwarz live. Aber fangen wir mal von vorne an. Freitag Zeitlich sind wir jetzt schon spät dran, als wir dann auf der A9 noch in einen der zahlreichen durch Baustellen bedingten Staus geraten. Dann aber doch noch geschafft und bei der Ausfahrt direkt den VIP-Schildern gefolgt, was einem den Vorteil beschert, nicht in eine einzige Polizeikontrolle geraten, von der es, wie uns die freundlichen Raver auf dem Festival berichten, nicht nur eine gab. Mit Oliver Koletzki im Gepäck, den wir netterweise und gegen entsprechendes Spritgeld mitgenommen haben, dürfen wir auch direkt aufs Gelände fahren, um ihn dann nach obligatorischem Anstehen fürs Bändchen zum Cocoon-Zelt zu begleiten. Da ist noch nichts los, also entscheiden wir uns, erst mal das Zelt aufzubauen etc. Krass ist, dass als wir zurückkommen, ca. 2000 Raver schon im nackten Oberkörper zu seinem Set richtig abgehen … und das um 9 Uhr. Nachdem das als guter Einstieg für uns galt, checken wir das LineUp und bewegen uns von Tent zu Tent, um etwas Ebenbürtiges zu finden. Im PSP-Zelt legt gerade Jennifer Cardini auf, die ein für die Uhrzeit sehr passendes minimales Set auflegt, zu dem wir unsere ersten GinTonics schlürfen. Dann zur Main Stage gewandert, wo – sehr überraschenderweise – die Audio Bullys eine, typically british, rockende Show zwischen Breaks, HipHop und House darbieten. Danach zurück zu Cocoon, die mittlerweile eine Flasche Jägermeister in den Kühlschrank Backstage gestellt haben, an der wir uns reichlich bedienen und den Anfang von Tobi Neumanns Set so genießen. Um 1 haben wir uns dann zu Koze verabredet, der ein bisschen enttäuschend auflegt, die ravende Meute aber für das fantastische Set der Wighnomy Brothers präpariert, von dem wir aber leider auch nur ca. eine halbe Stunde mitkriegen zwecks individueller logistischer Probleme. Auf der zweiten Outdoor-Bühne pilgern wir dann zu Anja Schneider: sehr nice! Um 2 hat sich James Holden angekündigt, den wir auf keinen Fall verpassen wollen, der aber nicht so richtig fit zu sein scheint und eher ein etwas standardisiertes Set runterdaddelt, das die Massen trotzdem zum Rocken bringt. Im Innervisions-Zelt spielt nach Dixon jetzt Henrik Schwarz live, was sehr angenehm aus den anderen Sets des Festivals raussticht. Leider verpassen wir zeitgleich den wohl brillanten – so wurde uns zumindest berichtet – Carl Craig. Nach sowieso nur 2 Stunden Schlaf am Vortag, muss ich dann das so gegen 6 zurück ins Zelt, verpasse somit Ellen Alliens & Apparats wohl echt verdammt geiles LiveSet – Mitfahrer Chris mit mehr Durchhaltevermögen gibt am nächsten Tag umfassenden Bericht, was man so alles verpasst hat und dass “Orchestra of Bubbles“ doch für die große Bühne wie gemacht sei. Damn! Das höre ich mir trotzdem noch gerne an, denn das klingt besser als die konstante Beschallung der Brandenburg All Stars, die den als “Zeltplatz leise“ markierten Platz als ironische Farce etabliert. Samstag Leider scheint die Sonne immer zur falschen Zeit zu scheinen, nämlich gerade dann, wenn man sich für 4 Stunden schlafen legt. Der Rest des Tages ist verregnet, der Abend aber ein wunderschöner Sonnenuntergang im mystischen Vogtland mit seinen vielen Stauseen und hügeligen Wäldern. Die Lust auf einen zweiten Abend Festival steigt an. Um das Gewicht der Sponsoren zu verteilen, entscheiden wir uns für das Coke DJ-Culture Backstage, wo es Rum, Vodka, Whisky und Bier umsonst gibt. Sehr gut! Nach einigen Drinks und Mitja Prinzs nach vorne gehendem Techno, gucken wir uns bei Cocoon Johannes Heil live an, der mit Kaos-Pad und 6-Channel Effekt Mixer hantierend ein makelloses und kompaktes Live-Set spielt, das fast nur aus eigenen Produktionen besteht. Danach dann halbstündiges Warten vor der Hauptbühne auf Kraftwerk, die endlich die Vorhänge der Bühne öffnen und vor ihren Laptops und mit fast keiner körperlichen Bewegung ihre vollständige Symbiose mit der Maschine markieren. Dazu gibt’s fette Visuals und eine Show voller Klassiker – da ist man froh, die auch mal gesehen zu haben. Zur selben Zeit verpassen wir übrigens Swayzak live und eine von Deichkinds energiegeladenen Performances – was soll man machen, man kann ja nicht überall sein. Auf geht’s zu UK-Superstar Sasha ins Coke-Tent, von dem wir uns – nach Angucken der Tracklist seiner neuen Mix-CD – ein neuartiges, eher minimales Set erhofft hatten, der aber voll progressives Trance-Geklöppel auflegt, was uns ein bisschen enttäuscht. Nichtsdestotrotz haben wir von Superstar-DJs noch nicht genug und hängen uns an die ca. 35-köpfige Sven Väth-Entourage dran, der auf der Main Stage ein vierstündiges Set spielen soll. Nach einer Stunde faszinierendem Starren auf die – Sonnenbrille-obligatorisch und Glowsticks sowieso – Masse vor der Bühne, wollen wir es dann ein bisschen ruhiger, und gehen zu Metope & Ada, die ein deepes und wahrlich großartiges Live-Set spielen. Danach noch zu Mr. Rex the Dog, der auf dem neben der Hauptbühne größten Soundsytem im Playstation Tent vor 4.000 Leuten all seine Hits durchrockt. Sehr fett! Zwischendurch noch Kevin Saundersons kurz gecheckt, der – wie es sich für die alte Detroiter Schule gehört – die Massen mit 909-Sounds und Klassikern zum Toben bringt. Müde und durch ist uns die Andre-Galluzzi-Afterhour dann auch schnuppe, und wir bewegen uns ins Zelt und versuchen zur kickenden Bassdrum der All Stars ein paar Stunden Schlaf zu bekommen, was einem aber nur schwerlich gelingt. Auf der dreistündigen Heimfahrt bleibt viel Zeit dafür, ein Fazit zu ziehen: große Künstler, dicke Soundanlagen, ein oldskooliges Rave-Feeling, leider aber neben schlechtem Wetter auch nicht die beste Atmosphäre. Schade eigentlich, denn das führte auch ein bisschen dazu, dass sich so manch ein DJ nicht so recht traute, etwas innovativere oder experimentelle Sounds zu spielen und den Ravern eher das Erwartete vorsetzte, was diese aber nicht davon abhielt, konstant abzurocken. Vielleicht waren die vielen 72-Stunden-Umland-Raver auch nicht so überfordert mit dem Line-Up wie ich, aber im eigenen Fall muss ich sagen: Less is Sometimes More! Trotzdem haben die Veranstalter gezeigt, warum es das SMS schon so lange gibt: nämlich die Elite der elektronischen Musikszene in Thüringen zu vereinen. Ein nächstes Mal kommt bestimmt, dann hoffentlich mit besserem Wetter.




