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29.01.2007 | 20:30
 
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Erst Historisieren, dann funky Schranzen

Underground Resistance eröffneten den Club Transmediale



Underground Resistance Schnell noch hastig eine Nicorette (2mg) in den Mund gelegt und die Nacht kann beginnen. Das sitzen sie nun, die Heroen des alten Maschinenparks Detroit, leibhaftig auf der Bühne des Club transmediale Headquarters Maria am Ufer an diesem kalten Winterabend. Eine Geschichtsstunde hat sich angekündigt, aber hat sie auch wirklich begonnen? Es ist nicht leer, aber auch nicht überfüllt. Friedlich schlummert die Technogemeinde vor sich hin.  Schnell wird deutlich: Nicht dem “Michigan Daily” scheinen die Geschichten auszugehen, sondern Underground Resistance, die sich in einen Streichelzoo verwandelt zu haben scheinen. Sehr museal wirkt das sich lebendig gebende Musikarchiv. Die Zukunft hat längst ohne UR angefangen und das, was sich einst als eine Kombination aus Techno, George Clinton, Sun Ra und taumelnden, freudigen Schriftzeichen Kodwo Eshuns zu einer Ästhetik der Maschinen verdichtete, hat sich 2007 in eine biedere Logik des Bewahrens der Ursprünge verwandelt. Wie lautet das Versprechen neuer Technologien noch einmal? Was ist Science Fiction? Einzig der unsichtbare, backstage wartende, immer vermummte Mike Banks möchte das Historiendrama ausdehnen und weiter den Counterpart der Rambo-Figur der 1980er Jahre spielen; ein “Black Hollywood” nach dem “New Black Cinema” Spike Lees, das die Züge Tina Turners in dem Film “Mad Max beyond Thunderdome” in sich trägt. Ist Mad Mike die letzte wirkliche Diva Detroits? Ist das der einzige Queerness-Splitter des Detroit-Universums? Wer auf eine Antwort gehofft hatte, wurde enttäuscht. Auch das wurde nicht geklärt. Es ist nicht leicht Geschichte publikumswirksam aufzubereiten ohne dabei Geschichtsporno zu werden. Mit Underground Resistance wäre ein eigener Themenpark zu errichten, der die US-amerikanische Geschichte des 20. Jahrhunderts mit einschließt. Reden wir über: Rassismus in den USA und Techno als Erinnerungskultur (der Fall Rosa Parks), Black Panther, Louis Farrakhan und der “One Million March.“ Was ist schwarzes Geld? Gibt es schwarzen Antisemitismus? Norman Mailer, White Negro: die Geschichte des Hipsters von den 1950er Jahren bis heute, All time classic. Schwarze Musik, weiße Hörer. Ist Eminem homosexuell? Der Fall Thomas Meineke: hell blau und die tief stehende Abendsonne Detroits, Friedrich Kittler meets Detroit: Liebe, Griechenland und die Austreibung des Geistes aus der elektronischen Musik. Spannend auch Marxismus, Filesharing, Downlaoding unter Web2.0-Vorzeichen. Nichts davon wurde aufgegriffen. Ja, ich gebe zu, ich hatte etwas erwartet, bestimmt ein wenig viel. Vielleicht sind es europäische Fantasien und Projektionen? Aber vielleicht ist es tatsächlich nur die Musik, die spricht, dacht ich, auf meiner Nicorette kauend. Eine Spur 12-Ton-Musik, vielleicht aber auch nur eine Goldbergvariation Glenn Goulds als UR-Interpretation hätte es schon sein dürfen. Ein Rewriting historischen Musikmaterials, ein paar Experimente gegen den eigenen Mythos. Von Jazz ganz zu schweigen. Nichts dergleichen. Am Ende der Podiumsdiskussion wird ein junger Mensch im Publikum aufstehen, die Arme heben und durch die Erwähnung eines unbekannten Namens eine Sekunde der Irritation auslösen; hatte er doch geglaubt durch das bloße Antriggern eines Namens schon ein Gänsehautgefühl zu verursachen, das frenetischern Jubel nach sich ziehen werde. Pustekuchen. Jetzt kommen gegenseitige Respektsbekundungen, wie cool doch Berlin sei etc.pp. Was ist der Grund dieses einschläfernden Panels? Es fehlt die Wucht der Fragen, etwa: Stimmt es, dass sich libysche Terroristen bei UR gemeldet haben, um ihre Sympathie zu bekunden? Wenn schon Geschichtsaufarbeitung im Oral-history-Genre, dann sollte sie zumindest die Vehemenz eines Untersuchungsausschusses besitzen; Denn schließlich geht es um etwas, oder nicht? UR, das ist die Initialzündung, damals, als die Engel der Geschichte neue Planeten aufspürten, ein afrofuturistischer Impuls, der das politische Denken infizierte … Heute schwirren allein geschichtslose, nichtssagende Plattitüden durch den Raum. Ja, verdammt, es geht um Roots, wiederholen die UR-Members auf dem Panel. Augenrollen, Gesichtszüge entgleiten, viel Zuspruch aber aus dem Publikum. Gleich sind die Nicoretten alle, denke ich, als ich mir die überdimensionierte Medienpräsenz vergegenwärtige. Ah, schau, da drüben, da zeichnet auch die unermüdliche Aufschreibmaschine Tobias Rapp etwas auf: Ich freue mich auf einen neuen Rapp in der linksalternativen taz und greife zur nächsten Nicorette, nach dem ich das alte Dragee ausgespuckt habe. Dann erfolgt der Bühnenumbau, ein wenig Zeit die Barkamera zu bewundern. Sie filmt das profane Spiel der Geldübergabe durch die Kameraposition: Hände auf gelbem Untergrund. Der Club transmediale ist auf einem guten Weg, denke ich … Kurz nach 23 Uhr spielt UR dann auf oder besser: hämmert einfach mal los. Nennen wir es Schranz. Drüben, in einer der elektronischen Nebenräume, werden frische Frühlingsrollen zubereitet. Auf dem Weg nach Hause an Isaac-Julien-Intallationen gedacht, kurz die Fotografien von Stan Douglas erinnert, dabei übrigens keine neue Nicorette gekaut, und eine vierstündige dokumentarische Arbeit von Frederic Wiseman-Arbeit über Detroit für wünschenswert erachtet. Zwei, drei intensive Einstellungen der Ghosttown Detroit an einer unbekannten Straßenecke und alles wäre klar … For real!

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