Die Hauptstadt nimmt den Faden auf
Die erste Mercedes Benz Fashion Week Berlin ist gelaufen

Foto: Nokia Fashion Lab Auf der einen Seite seilen sich die Freeclimber mit Tribal-Tattos auf schwitzigem Oberkörper ab, auf der anderen Seite defilieren Seidenkleider mit Art-Deco-Prints über gepuderten Dekolletees. Im Berliner Bezirk Friedrichshain, dem Freigehege für adoleszente Kiffer-Rebellen, kann man noch die Welten kollidieren lassen. Zur ersten Mercedes Benz Fashion Week Berlin, veranstaltet von der Agentur IMG, die auch für die Modewochen in New York, Moskau und Sydney verantwortlich ist, hatte das Berliner Designer-Duo C.Neeon neben dem Freeclimber-Silo eine Modenschau unter freiem Himmel inszeniert. C.Neeon, seit Jahren Aushängeschild für raffinierte, aber nicht hochnäsige Berliner Mode nach Fetzenlook und Trash-Hype, hatte sich damit für die Off-Location entschieden, die am weitesten vom Brandenburger Tor entfernt lag. Kern mit Strahlkraft Unter dem Tor hatte IMG ein Zelt für etwa 800 Gäste aufgebaut, in dem an vier Tagen elf Schauen gezeigt wurden. Das Spektrum erstreckte sich von einem Textilriesen wie Hugo (die junge Hugo-Boss-Linie) bis zu einem Ein-Frau-Label wie Smeilininer. Von diesem Kern der Berliner Fashion Week ging ein enormer Katalysator-Effekt auf die Berliner Modeszene aus. Genau wie C.Neeon hatten unzählige andere Designer eigene Shows veranstaltet oder Showrooms eingerichtet. Die Torstraße wuchs sich als „Projekt Galerie“ zur Modemeile aus, die Avantgarde-Messe IDEAL, der Liebling der Pariser Mode-Instanz Diane Pernet, richtete nicht nur zum vierten Mal ihre Aussteller-Fläche im Café Moskau ein, sondern ließ vier ausgesuchte Designer auf einer wildromantischen Show in einer Fabrikruine laufen, darunter kommende Namen wie Sandra Backlund oder Eric Lebon. Auch Beck’s und Nokia zeigten junge Label. Beck’s bot mit einem Klassiktrio vor Altbaukulisse den würdigen Rahmen für Pulver, C.Neeon, Miroike und Q.E.D. Das Nokia Trends Lab fuhr zweigleisig. Drei Tage lang stellten Cassette Playa, Surface2air, Wasted German Youth und +41 in einzelnen Boudoirs im Postfuhramt Teile ihrer Kollektionen aus. Den Höhepunkt aber bildete die Modenschau am Samstagabend von Bernadette Penkov, Mongrels in Common und dem Londoner Shootingstar Jens Laugesen. Wie von Nokia versprochen, wurde mit dem Catwalk experimentiert. Die Zuschauer saßen in der Mitte und blickten durch einen schwarzen Gazevorhang auf die Models, die sie umkreisten wie im wilden Westen Indianer die Siedler. Durch die Gaze bekam man einen guten Eindruck, wie Diane Pernet hinter ihrer ewigen Sonnenbrille wohl die Schauen wahrnimmt. Die Modenschau ist auf dem Blog des Nokia Trends Labs dokumentiert: fashionlab.de. Eng in die Organisation der MBFWB einbezogen und das zweite Schwergewicht der Modewoche ist die Premium Modemesse am Gleisdreieck. Nach dem Weggang der B&B ist sie mit 700 Ausstellern der Platzhirsch in Berlin. Die zehnte Premium arbeitete am Spagat zwischen Düsseldorfer Gnädige-Frau-Chic und skandinavischer Slim-Jugend. Damit das harmonisch wirkt, wurde der Standparkour in Schlangenlinie angelegt – in bester Ikea-Manier. Mit ihrem stark besuchten Symposium, auf dem Fachleute von der „Environmental Justice Foundation“ oder dem Öko-Label Kuyichi zum Thema „Green Living – Ethik und Mode“ sprachen, traf sie das Sommer(loch)thema schlechthin. Der Siegeszug der Bio-Lebensmittel soll sich auf die Mode ausdehnen. Parallel dazu hatte die Premium eine „Green Area“-Ausstellerfläche eingerichtet, um zu zeigen, dass Öko in der Mode längst nicht mehr nach Öko aussehen muss. Mal sehen, worüber im Winter verhandelt wird, wenn niemand das Trend-Thema Pelz wegdiskutieren kann. Wo man auch guckte, zwei Looks zeichneten sich besonders ab. Entweder stürzt man sich mit wehenden Seidenschößchen, plustrigen Raffungen und pastosen Schlammfarben aufs Paris von 1972 und feiert die Zeit, als die Post-Hippies die Jugendstil-Zwanzigerjahre auf dem Flohmarkt entdeckten und eine informelle Eleganz entwarfen. Oder man taucht mit Lack und Laune und Bonbon-Ästhetik in die Untiefen der 80er-Aerobic-Disco. Jeans und Jersey: no, no. Gothic-Revival: sang- und klanglos an Berlin vorbeigegangen. Karstadt, die deutsche Kompetenz in Sachen Mode, wenn es um Socken geht, lobte den „Karstadt New Generation Award“ aus, der zum Finale der MBFWB am Sonntagvormittag verliehen wurde. Bei der Auswahl der vier Finalisten aus über 200 Einsendungen haben sie Gespür bewiesen. Von Talkingmeanstrouble, Macqua, Kaviar Gauche und LaLa Berlin setzte sich Kaviar Gauche mit plustrigen Schlammkleidchen, wehenden Seidenfischschuppen und neckischem Spiegelstrass im Dekolleté durch. LaLa Berlin stand mit großflächiger Kettenglieder-Grafik als prägnanter Paraphrase auf das klassische Hermès-Tuchmuster und fadenscheinigem Beduinen-Strick allerdings viel eigenwilliger da. Kaviar Gauche dürfen eine exklusive Karstadt-Kollektion für deren Premium-Häuser entwerfen, die ab nächstem Februar erhältlich sein wird. LaLa Berlin muss sich allerdings nicht zu sehr grämen: Auf der Straße werden sich die Seesäcke in dem Kettenglieder-Muster auch ohne Award durchsetzen. Wer zuletzt lacht … Der erste Anstoß, in Berlin konzertiert die Mode-Flagge zu hissen, ging von der Einkäufermesse Bread & Butter aus. Deren endgültiger Exodus nach Barcelona erwischte die Berliner Szene kalt. Aber mit der Fashion Week scheint ein Nachfolger gefunden, der weitaus mehr das Besondere der Mode jenseits der Jeanser-Normalität herauszukitzeln scheint. Während die B&B in Berlin eine Messe mit ein bisschen Show-Brimborium war, steht bei der MBFWB das Show-Brimborium im Vordergrund. Und das macht Mode und eine Modestadt aus. Mode ist Theater und braucht Inszenierung und Bühne. Den Impuls hat die MBFWB geliefert. Das Profil war mit den eher vorsichtigen Kollektionen von Hugo, Strenesse, Puma/Dassler und Michalski zwar nicht übertrieben cutting edge, aber das Kind steckt ja noch in den Windeln. Und die Show von Vivienne Westwood am Brandenburger Tor gab einen Ausblick darauf, was in Berlin an internationalen Größen mit professioneller Experimentierfreude noch möglich sein kann. Wenn es der IMG gelingen sollte, in Zukunft große Namen, die nicht nur für Solidität, sondern auch für Wagnis stehen, nach Berlin zu holen, wird sich der Graben zwischen den kleinen Berliner Designern und dem Laufsteg unter der Quadriga schließen. Und dann, dann ist Berlin eine Modestadt.
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