Melt: Es war live und ich war dabei
Attraktionen, Stilkritik & Snap!

Zehn Jahre Melt und wie selbstverständlich reißt zum Festivalstart die Wolkendecke auf. Mit anderen Worten: das vielleicht beste Festival für Leute, die eigentlich gar nicht gerne auf Festivals gehen, und ebenso solche, die dies sehr gerne tun, musste einfach gut werden. Ohne ausgewiesenen Headliner wie beim letzten Mal (Pet Shop Boys, Aphex Twin) erwartet ein ausgewogenes Gesamtprogramm ein Publikum, das sich schon längst nicht mehr distinkt in Rock, Indie, Rave oder Club trennen lässt. Im Vergleich zum Vorjahr fällt sofort eine Neuerung auf: eine weitere Zeltbühne direkt neben dem Eingangsbereich: das “Coca-Cola Soundwave Tent“, in dem ich mir am späteren Freitagabend mit Lady Sovereign und Alec Empire den größtmöglichen Genreabstand als Konzerttermine ausgesucht habe. Mit sechs parallel bespielten Bühnen plus Sleepless Floor (Rave rund um die Uhr) und eigenem Backstage-Floor am Wasser (“Musikbranchentreffen mit Artists, Presse, Starlets und Anhang“) heißt es entweder Abstimmung mit den Füßen und Hetzen von Konzert zu Konzert oder gepflegter Müßiggang in der Gewissheit, bei all den viel versprechenden Acts sowieso nur alles oder nichts verpassen zu können: es findet einfach immer ein ebenbürtiges Konzert im Zelt nebenan statt. Mit dieser Gewissheit im Rücken sehe ich mir einen glänzend aufgelegten, doch leider etwas soundbreiig abgemischten Apparat & Band an, bevor auf der Hauptbühne mit The Notwist das erste klassisches Konzertritual des Festivalfreitags abfeiert wird. Zu recht. Den Rest des Abends verbringe ich mit Ladytron, Autechre, Tiefschwarz und DJ Koze auf der Gemini Stage: in dieser zeitlichen Abfolge und mit ansteigender Alkohol- und Euphoriekurve. Was Richie Hawtin auf der Big Wheel Stage, der Bühne mit dem schönsten Ausblick auf Sonnenaufgang und Baggerrad, auflegte, lasse ich mir lieber am Samstag erzählen. Auch der Festivalsamstag lässt eine klare Feier-Choreografie erkennen. Ich entscheide mich für die Stationen Hot Chip, Tocotronic, Mouse on Mars, Trentemøller, Kelis, Simian Mobile Disco und natürlich Deichkind & Snap feat. Fraktus, der größten Wundertüte des Festivals. DJ Hell obliegt dann der Ausklang des Morgens. Bei Hot Chip – man könnte mit Recht sagen: der Melt-Festival-Konsensband schlechthin – trifft sich die idealtypische Schnittmenge aus Club- und Konzertpublikum zwischen Elektronik und Gitarre zum ersten großen Gemeinschaftserlebnis des Samstagabends. Zu Hot Chips Indie-Pop-Rave findet zusammen, was sich später wieder trennen muss in die Tocotronic-, Mouse on Mars- bzw. Michael Mayer-Fraktion. Über Hot Chip, letztes Jahr noch auf der kleineren Gemini Stage, diesmal auf der Main Stage, ist nun schon einiges gesagt worden. Deshalb nur so viel: was an dieser Stelle schon einmal als “Musik für Leute, die in ihrer eigenwilligen Verzweiflung nach ‚alternativer’ Popmusik suchen“, beschrieben wurde, funktioniert unter Konzertbedingungen großartig. Hit um Hit des letzten Albums The Warning werden abgefeiert, um mit “My Piano“ (K7), der aktuellen Maxi, letzte Zweifel an der Livetauglichkeit der eigenwillig verschrobenen Nerdigkeit ihrer Pophymnen zu zerstreuen. Die eigentliche Sensation des diesjährigen Melts ist allerdings die Ankündigung eines Sets von Deichkind und Snap!. Die seit einiger Zeit geforderte und nunmehr vollzogene Rehabilitierung des Genres “Eurodance“ feiert man am besten mit den gereiften Original-Protagonisten selbst. Dass sich nun ausgerechnet Deichkind, mittlerweile so etwas wie die Eurodance-Beauftragten des HipHop, dem Auftritt von Snap! annehmen sollten, trieb die Erwartungen im Vorfeld ins Maßlose. So gesehen konnte der Snap-Auftritt eigentlich nur floppen. Als Deichkind nach den lahmen bis bemühten Sets von Kelis- und Jan Delay gegen 4 Uhr morgens endlich auf der Hauptbühne stehen, weichen alle Spekulationen einer alkoholgetränkten Vorfreude. Wegen des letztjährigen Bühnensturms beim Melt-Set von Deichkind, als gut 200 Leute aus dem Publikum zu “Remmi Demmi“ die Bühne enterten , hatten die Veranstalter dieses Jahr vorgebaut und für mehr Security gesorgt. Der Stimmung tut dies keinen Abbruch, Deichkind haben mit diversen Konfetti-Kanonen, Hüpfburg und Trampolin auch diesmal ihr volles Ravesportprogramm aufgefahren. Feierlich schieben sie gegen Mitte ihres Sets die “Zitze“, eine Art umgekehrte, überdimensionale Melkmaschine, auf die Bühne. Schnell ist der Deichkindsche Eigenbau mit einem Alkoholtank aufmunitioniert. Einige Trinkfreudige aus den ersten Reihen können tatsächlich die Tentakel artigen Schläuche ergattern und saugen den klebrigen Likör aus der “Zitze“. Als weitere Attraktion der Deichkind-Show spielen Fraktus (“die, die Techno erfunden haben“). Fraktus, gespielt von den drei Darstellern von Studio Braun, nutzen den Melt-Auftritt für ihr Langzeitprojekt eines Films über Fraktus und die mythische Ursuppe von Techno. Es soll der erste und möglichst missratene Auftritt von Fraktus nach 25 jähriger Bühnenabstinenz aufgeführt werden. Als die Herren Schamoni, Palminger und Strunk im Fantasy-Outfit (Darth Vader meets Ilja Richter) zur Halbzeit des Deichkind-Auftritts die Bühne betreten, fliegen tatsächlich, wie vorher verabredet, hunderte Plastikflaschen und Becher gen Bühne. Das bestellte Ausbuh-Geheule, Teil einer zuvor getroffenen Abmachung zwischen Deichkind und Ravemeute, steigert sich eindrucksvoll bis zum Abtritt von Fraktus. Kaum sind Deichkind zurück auf der Bühne, setzt das willige Publikum wieder seine letzten Alkoholbrennwerte in Hüpfenergie um. Es wird hell und ein Höhepunkt des Festivals sollte noch kommen: Das, was sich als Snap schließlich zur unvermeidlichen Eingangshymne von “Rhythm is a Dancer“ zu erkennen gibt, sind aber lediglich zwei Tänzerinnen und eine Sängerin aus der Originalbesetzung. Kein Turbo B und auch kein Sound-Battle Deichkind vs. Snap, der doch im Rahmen des Möglichen gewesen wäre. So gerinnt der Snap-Auftritt zur biederen Playback-Performance einschlägiger Hits, vornehmlich aus ihrer frühen 90er Jahre Phase. Egal, nach dem Deichkind-Set sind sowieso fast alle erschöpft, verschwitzt und glücklich. Was sonst noch geschah: Enttäuschungen außer Snap: Wo waren eigentlich die in nahezu originaler Besetzung reanimierten “Frankie goes to Hollywood“, die unter dem vielsagenden Pseudonym “Frankie says: Melt!“ ursprünglich angekündigt waren? Gastrokritik: Chinapfanne und Bier hieß mein Favorit. Aber auch für die kulinarisch Anspruchvolleren war zu erschwinglichen Preisen vorgesorgt. Stilkritik: Wie nicht anders zu erwarten, haben folgende Beinkleider einen unglaublichen Verbreitungsgrad erreicht: die unerträglichen Leggings in allen Farben und Längen und dazu Ballerinas. Und auch die Leggings für Jungs: die unvermeidliche, meist schwarze Röhrenjeans. Auch häufig gesehen: American Apparel-Schals bei 30 Grad im Schatten. Ansonsten: ortansässige Raver mit Stachelfrisur, Schlaghose oder Jeans mit Cordapplikationen sorgten als Minderheit unter dem Club affinen Indievolk für modische Heterogenität. Mein Favorit: ein Herr mittleren Alters, der mit pinkrosa farbenem Skianzug bei hochsommerlichen Temperaturen eine gewisse Konsequenz im Zeitalter von New Rave an den Tag legte. Respekt.
http://www.meltfestival.de/
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