Harmonia beim Worldtronics in Berlin
Es war live & ich war dabei: Weniger Kraut, dafür mehr Moderne

Lebende Legenden laufen ständig Gefahr, über den eigenen Status zu stolpern. Und Harmonia, die Krautrocker aus dem Dunstkreis zwischen Neu! und Kraftwerk, sind so etwas wie die Boten des experimentellen E-Musik-Vorreitertums. Schon die Besetzung aus Michael Rother (eben: Neu! und Kraftwerk), Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius schreit geradezu nach dem Prädikat “Musikgeschichte”. Beim Worldtronics am 27.11. im Haus der Kulturen der Welt, kam es also zur Re-Union. Vorfreude mischt sich mit Skepsis. Die erste Irritationen taucht gleich zu Anfang auf; in Gestalt eines Chores (übrigens von Barbara Morgenstern geleitet), der sich auf der rechten Bühnenseite platziert, während links die drei Granden hinter schwarz verhüllten Tischen stehen. Die analogen Riesentürme, die man mit früher E-Musik verbindet, sind Laptop und anderem Digitalismus gewichen. Und eins ist damit klar: hier treten nicht drei Musiker auf, die seit dreißig Jahren immer nur Krautrock spielen. Hier stehen drei sich immer weiterentwickelnde, offene und die Musik immer noch prägende und von ihr geprägt-werdende Künstler.
Hard-Chor Diashow
Der Chor fungiert (zum Glück?) eher als eine Art live eingespieltes Field-Recording, es wird gewispert, gehustet etc. Ansonsten wechseln sich Lichtblick und Schattenseite ab. Die krautigen Musikstrukturen werden wunderbar durch Sequencer, Gitarren-Loops und digitale Geräusche modernisiert. Der raumgreifende Laut-Leise-Kontrast, der Harmonia so ausmacht, funktioniert wiederum nur bedingt, denn es ist doch arg leise. Und dann wird die Aufmerksamkeit immer wieder von der doch sehr amateuresken und nach Diashow (jaja, damals) müffelnden Projektion abgelenkt, die dazu noch eine kurze Laufzeit und damit auch eine hohe Wiederholungsrate aufweist. Nach den gezählten iDVD-Menü-Einblendungen ca. fünf mal.
Zur Hälfte des Konzertes verlässt unter mäßigem Beifall der Chor die Bühne und Harmonia spielen die modernisierte Variante der gerade erschienenen “Live 1974″-Platte, sowie anderer Klassiker. Das ist teils richtig groß und wäre als eigenständiger Release bestimmt sinnig, teils ärgert man sich über den schlechten Klang, eine sich manchmal einschleichende Kitschiness und die permanente Fluktuation im Saal – ist vielleicht so ein Siebziger-Woodstock-Ding. Immerhin versteht man die Projektion jetzt etwas besser, denn sie scheint eher für diesen Teil gedacht zu sein. Am Ende ein paar obligatorische stehende Ovationen, keine Blumen und eine geteilte Meinung. Legenden sind es allemal, ein legendäres Konzert war es nicht.
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