Melt Festival 2008 – Der Bericht
Es war live und ich war dabei. Auch im Regen ein Segen.

The Notwist, Hot Chip, Björk, The Teenagers, The Whitest Boy Alive, Supermayer, Cobblestone Jazz und auch Alexander Marcus: Alle diese Acts habe ich auf dem Melt! verpasst. Das war so natürlich nicht geplant, aber das dieses Jahr zum 11. Mal stattfindende Melt! Festival strotzte einmal mehr mit Acts und DJs. Man konnte also gar nicht alles sehen. In jedem Moment hätte man denken können, dass 100 Meter weiter ein gleich sehenswerter Act spielt. Mit insgesamt 6 Stages – Main Stage, Gemini Stage, Big Wheel Stage, Redbull Music Academy Floor, Melt! Klub und dem 24-Stunden-Sleepless-Floor war es ein Ding der Unmöglichkeit, jederzeit überall zu sein und all das zu sehen, was man sich vorgenommen hat. Aber mal von vorn. Voller Vorfreude plane ich am Freitag nachmittag online mein ganz persönliches Melt!-Programm – das Flash-Tool macht’s möglich. Drei Tage voll mit Musik: Ich bin bereit. Gegen 6 verlassen wir Berlin und auf der Fahrt wird schnell klar, dass das mit The Teenagers um 9 Uhr nichts werden kann. Und so ist es leider auch. Angekommen, eine Stunde angestanden, Bändchen abgeholt, Zelt aufgebaut und dann: Platzregen und Gewitter. Unsere Mitcamper werden beim Zeltaufbau jäh unterbrochen und so laden wir sie in unser Zelt ein. Wir quetschen uns halb nass zu viert plus Ruck- und Schlafsäcke ins Zweimannzelt, Kerze an und abwarten. Ein wahrer Yes-Törtchen-Moment.
Um 12 machen wir uns dann das erste Mal auf zum Festival-Gelände. Durchnässte Menschen kommen uns entgegen, die wir darum beneiden, dass sie The Teenagers gesehen haben. Bei uns auf dem Programm steht als erstes die New-Yorker-Nu-Disco-Group Hercules and Love Affair, die auf der Gemini Stage spielen soll. Diese ist diesmal nicht mehr zwischen Big Wheel und Main Stage eingeklemmt, sondern hat ihren ganz eigenen Platz oberhalb der Main Stage bekommen. Das ist gut für den Klang im Zelt, aber leider hat es die etwas negative Folge, dass die Main Stage fast von überall immer etwas leer aussieht. Als wir uns in das bereits volle Zelt hereindrücken, wird schnell klar, dass das nicht Hercules & Love Affair sein können. Zwei Männer mittleren Alters am Hardware-Park und 4/4-Techno: Das ist Alter Ego. Hercules & Love Affair mussten leider absagen. Weil wir Alter Ego zum Einstieg ein bisschen zu direkt finden, gehen wir gleich rüber zur Big Wheel Stage, wo Gui Boratto den Abschluss der Kompakt-Label-Group am Laptop abfeiert. Träumerischer Techno, tanzende Menschen, der dunkle Himmel klärt auf: Festival-Glück Teil I. Wir bleiben der Techno-Stage erstmal treu. Denn Modeselektor sind dran und die hatte ich sowieso eingeplant. Die beiden Berliner heben das Stimmungslevel wie erwartet gleich enorm. Die Leute bouncen wild drauf los und es stört auch nicht, dass sich der Rechner zwei Mal fast aufhängt. Als nach ungefähr der Hälfte des Sets zu Black Block angestimmt wird, ist die euphorisierte Crowd nicht mehr zu halten. Wir haben erstmal genug gesehen und wollen uns die viel gelobte Show von Booka Shade anschauen. Im Vorbeigehen erhaschen wir dabei noch zwei Lieder der Editors, die ihren melancholischen Rock auf der Main Stage spielen.
Die Gemini Stage ist bereits bis zum Platzen gefüllt in freudiger Erwartung der Mischung aus Hits und Performance, als wir uns von der Seite hereinzwängen. Booka Shade beginnen mit Hits vom alten Album und spielen eine perfekt inszenierte Show, die Crowd liebt sie dafür und auch wir lassen uns von der Euphorie gleiten. Kurz vor Schluss der Show wollen wir dann das jüngste You-Tube-Phänomen Alexander Marcus im Melt! Klub angucken und bei der Gelegenheit auch mal diese Location checken. Wir verlassen die Gemini Stage und merken schon weit vor dem Eingang des Melt! Klubs, dass es mit Alexander Marcus eng wird. Ca. 400 Menschen stehen in einer nicht mehr als solche definierbaren Schlange vor dem Eingang – Einlassstopp – wir kehren um. Nichts mit Papaya also. Kurzer Zwischenstopp im Backstage, wo sich einige Artist das Büffet schmecken lassen. Wir stärken uns mit einem Drink und planen den weiteren Verlauf des Abends, als uns im völlig überlasteten Netz eine SMS erreicht (schon mehr als eine halbe Stunde alt), dass Skream doch bald auf dem Red Bull Music Academy Floor spiele. Wir laufen rüber und merken sofort, dass dies die beste Entscheidung gewesen zu sein scheint. 4 Boxentürme in jeder Ecke, Goldie plus zwei weitere MCs auf der Bühne, da hinter ein sichtlich gut gelaunter Skream, der Bass drückt, die Sonne geht langsam auf: Festival-Glück Teil II. Ein Rewind jagt den nächsten, englisch anmutende Damen lassen sich von Drum’n'Bass-Altmeister Goldie auf die Bühne führen und dort beinahe alle Hüllen fallen: Die bisher beste Stimmung des Abends. Wir bleiben bis zum “last tune” und kommen rechtzeitig zum letzten Track von Ellen Allien auf der Big Wheel Stage, den sie aber leider nicht mehr spielen darf. Die eindeutig noch mehr wollende Masse läuft also geschlossen zum außerhalb des Festival-Geländes situierten Sleepless-Floor rüber. Dort ist die Stimmung ausgelassen, die Sonne scheint, wir bleiben und hören uns Mutlu’s sehr schönes Set an. Um 11 haben wir dann genug. Zurück ins Zelt.
Den Samstag Abend wollen wir früher starten und gehen schon um 8 aufs Festival-Gelände, um erst Cobblestone Jazz, dann The Notwist zu sehen. Aber der Regen macht uns einen Strich durch die Rechnung. Wir stellen uns unter, als ein heftiges Gewitter über das Gelände jagt. Als wir uns wieder raus trauen, wissen wir nicht, was mit The Notwist ist. Haben sie schon gespielt? Im Regen? Schade. Wir versuchen es wieder im Melt! Klub, wo The Whitest Boy Alive spielen soll, aber wir kommen wieder zu spät, was nicht an der Organisation, sondern viel mehr an unserer schlechten Planung zu liegen scheint. Sei’s drum. Auf der Main Stage spielt gerade Franz Ferdinand: das kann man sich ja mal anhören, wird aber zur größten und einzigen wirklichen Enttäuschung des Festivals. Franz Ferdinand spielen eine langweilige Show aus alten Nummern (es gibt ja auch nicht wirklich was Neues), das Publikum ist ausgenommen ein paar echten Fans in den ersten Reihen auch wenig begeistert. Weiter zu Mr. Oizo, der dafür die Crowd richtig zum Abgehen animiert. Ein echt cooler Typ und ein technisch hoch versierter DJ – mit allen Finessen eines Turntablist, und immer mit den richtigen Tracks: Von Bretterelectro bis zu 90s-Eurodance ist alles dabei. Danach folgt eigentlich eins der wirklichen Highlights dieses Festivals – Uffie & Feadz feat. Technotronic, eine ähnliche Hommage an die 90er wie der letzjährige Auftritt von Snap! bei Deichkind auf der Main Stage. Aus unerklärlichen Gründen landen wir aber bei Len Faki auf der Big Wheel Stage und verpassen den Rest der Ed Banger Posse. Beim Berghain-Resident ist es aber schön kuschelig: Unterschenkelhoher Schlamm und die Trackauswahl mindestens genauso dreckig wie der Boden: ein Fest. Als die Morgendämmerung schon leicht durchschimmert, spielt Len Faki Laurent Garnier’s Man with the Red Face: das Festival-Glück Teil III ist perfekt. Wir sind glücklich und erschöpft, belassen es dabei und humpeln zurück Richtung Zelt. Dass Boys Noize wohl das beste Set des Abends war, lassen wir uns morgens am Zelt erzählen. Den Sonntag schaffen wir aus vielerlei Gründen nicht mehr und so entgeht uns Björk und Hot Chip. Vorab gab es hinreichend Diskussionen, ob der dritte Tag sich überhaupt lohnen würde und ob Björk als Headliner dem Anspruch des Publikums gerecht werden würde. Gerade sie entzweite in den Diskussion die Besucher in zweie Lager: Either you love it or hate it. Den Erzählungen nach soll es aber großartig gewesen sein. Apropos drei Tage Festival: Das offizielle Melt!-Motto wurde um 4 Uhr morgens von Lützenkirchen auf dem Sleepless Floor eingelöst, als er 3 Tage Wach auflegte. Auch wenn man nicht alles sehen kann und jeder sowieso seine eigenen Festival-Glücks-Momente hat: das Melt! bleibt eins der besten und schönsten Festivals in Deutschland, auch bei Regen und Gewitter. Stilkritik: Viel zu homogen. Ich habe ungefähr zehnmal fremde Menschen von hinten angesprochen, da ich dachte, sie wären mein Mitbewohner, der mir versprochen hat, seine blaue American Apparel Jacke ab jetzt erstmal in den Schrank zu hängen. Sonst dominierten lila Farben. Die letztes Jahr noch so präsenten über-großen Sonnenbrillen und extrem bunte Farben waren nicht vorherrschend, was vielleicht auch am Wetter lag. Dafür: Gummistiefel als Fashion-Icon in jeder Form und Farbe; vom klassischen Gärtnergrün bis zum Blümchenmuster passend zum Rock war alles dabei.
Auch gut:
- Du träumst von einem DJ-Gig auf dem Sonar Festival?
- Melt! 2011: Es war live und wir waren dabei
- Melt! 2011: Wir verlosen 2×2 Pässe





