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20.01.2009 | 13:01
 
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Nachbericht: Dancing With Myself

Es war das Wochenende und ich dabei



Am vergangenen Wochenende fand im HAU/Berlin das Festival zur Musik, Geld und Gemeinschaft nach der Digitalisierung “Dancing with myself” statt. Kuratiert von Tobi Müller und Christoph Gurk wurde versucht, neue Umstände und Paradigmen der heutigen Popkultur bedingt durch Digitalisierung und Vernetzung zu durchleuchten. Die Keynote von Jacques Attali am Freitag, über sein vor 30 Jahren erschienenes Buch “Bruits” bzw. “Noise” im Englischen über die politische Ökonomie der Musik, machte den Spannbogen deutlich. Musik ist mehr als nur Klang, sie produziert Rauschen und ist somit Herald kommender Epochen und ihrer gesellschaftlichen Ausprägungen. Das Phänomen der Musik in ihrer Geschichte ist also vielschichtiger zu lesen als nur in ihrer immanenten Materialität selbst, was für die folgenden Panels eine synergetische Grundlage sein sollte. Oder um es mit Attali zu sagen: “Kulturkapitalismus ist Netzwerkkapitalismus” Das Konzert von den Young Marble Giants, den legendären walisischen Post-Punk-Minimalisten, die es zwar in fast 30 Jahren nur zu einem Album geschafft haben (“Collossal Youth”), welches aber einen prägenden Meilenstein darstellt, wurde von vielen sehnsüchtig erwartet. Ein halbes Menschenleben lang waren sie nicht mehr in Berlin zu sehen, und dennoch schien die Strahlkraft ihrer Songs nicht im Geringsten eingebüßt zu haben. Euphorisch wurden sie gefeiert, auch wenn die Darbietung von der ursprünglichen Auslegung von vermeintlicher Subversion oder Systemkritik wenig verspüren ließ. War es nun historischer oder ein historistischer Moment? Ein Vorwand, der auch am nächsten Abend im Rahmen des Panels “Virtuelle Kritik” von Thomas Groß (TAZ/Zeit) eingeworfen wurde. Wie kann man zeitgenössische Strukturen und das Kommende anhand eines Theorien- und Ästhetikkatalogs interpretieren, der über Deleuze/Guattari, Attali, Jameson und Punk nicht herausgeht? Theorien die im Regelfall so alt sind wie die Teilnehmer selbst? Oder handelt es sich gar, wie von anderer Seite behauptet, um eine Wiederholung jener Ära mit anderen Mitteln. Sind DIY, Amateure, Netzwerke die massgeblichen Parameter einer digitalisierten Kulturökonomie? Eine Frage, die sich auch auf diesem Festival auftat, war folgende: Wie lassen sich Diskurs und Praxis zusammenbringen. Auch gerade bei hochkarätig besetzten Panels ist die Gefahr in Anekdoten oder Selbstinszenierungen zu rutschen durchaus vorhanden. Das musste auch hier festgestellt werden. Auf der anderen Seite war die Motivation dennoch von respektabler Natur. Denn es müssen nicht immer Antworten gebracht werden, auch wenn man solche erwarten würde. Eine konzentriertere inhaltliche Auslegung wäre nachhaltiger gewesen, weil eines wurde klar: Der gestellte Themenkomplex war und ist von großer Bedeutung zur Schaffung einer adäquaten Medienkompetenz. Das schienen auch die mehr als zahlreich vorhandenen Teilnehmer verstanden zu haben. Von den Besucherzahlen war Dancing with myself ein großer Erfolg. Das Vorhaben, Kritik und Reflektion neu zu positionieren ist auch weiterhin wünschenswert. Aber man merkt auch hier, dass nicht nur die Musikindustrien einer Krise unterliegen, sondern auch die Tradition der Poplinken und der Popkritik. Hier muss mindestens genauso bald ein theoretischer und diskursiver Rahmen geschaffen werden werden, der mehr sucht und findet als Studien vergangener Zeit erneut zu deklinieren, um einen omnipräsenten Kulturpessimismus zu vermeiden. Nichtsdestotrotz, das Festival am Hebbel am Ufer war ein Erfolg und nicht zuletzt die umwerfende Performance von der Mathew Herbert Big Band hat gezeigt, dass ein Ende in weiter Ferne ist. Im Gegenteil: die wahrhaftige Auseinandersetzung mit dem neuen Pop beginnt gerade jetzt. Nun gilt es, eine neue Sprache zu entwickeln und dafür war der Kongress und das Rahmenprogramm ein gutes Zeichen.

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