LOS ANGELES
Ist Film- und Autostadt
Los Angeles ist die klassische Autostadt schlechthin. Freeways, wohin das Auge blickt, Autowerkstätten in ehemaligen Kirchen, und durch die Gegend fahren erfüllt die soziale Funktion, die andernorts ein Waldspaziergang hätte. Natürlich gibt’s auch einen öffentlichen Personennahverkehr, und natürlich ist der auch besser als sein Ruf. Weiß bloß keiner, weil: Es fahren ja alle Auto. Außer alten, verarmten Immigranten, Kindern ohne geregeltes Elternhaus und Touristen wie mir. Die Metro fährt nur Downtown, also ist man meist auf das reichlich komplexe (weil teilprivatisierte und von verschiedenen Firmen betriebene) Bus-System angewiesen. Wann Busse fahren, weiß man nicht so genau. Meistens fahren sie aber. In der Regel muss man umsteigen und braucht damit rund doppelt so lang wie mit dem Auto. Außer, wenn auf dem Freeway mal wieder Traffic ist und der Bus sich gemütlich seinen Schleichweg sucht. Dann freuen sich die armen, alten Immigranten, und der Tourist mit ihnen. Die Freeways von Los Angeles sind sicher die berühmtesten und Verfolgungsjagd-reichsten der Welt, was an einer anderen Attraktion liegt: Hollywood. Die Filmbranche ist quasi omnipräsent. Nicht nur, dass der fette “Arts & Entertainment”-Programmteil der Los Angeles Times praktisch zu 98 Prozent aus Filmanzeigen besteht. Hier gibt’s kaum etwas, was noch nicht auf Zelluloid gebannt wurde. Sogar mir wurde schon eine Filmrolle angeboten! Na gut, nicht persönlich, sondern nur über einen Mailverteiler. Zudem war’s natürlich nur eine Statistenrolle, und dann auch nur für einen Indie-Kurzfilm. Und verpasst hab ich’s dann auch. Aber immerhin! Indie-Kurzfilme. Dass es die hier gibt, hätten sich unsere antiamerikanischen Alt-68er-Lehrer und -Eltern auch nie träumen lassen. Dumm nur, wenn die Indie-Filmemacher dann keinen Verleih bekommen. So wie Lawrence Bridges mit seinem Film 12. Doch Bridges besann sich einfach der anderen großen Attraktion seiner Heimatstadt, der Autos, und rief Los Angeles erstes Guerrilla Drive-In ins Leben. Woche für Woche wird sein Film nun auf einem anderen Parkplatz gezeigt, der kurzerhand zum Drive-In umkonzipiert wird. Die Location erfährt man nur über die 12-Website. Okay, in den vergangenen Wochen war es immer der gleiche Parkplatz, aber ein bisschen Rave-Mythos muss schon dabei sein. Denn dann macht das Ganze auch wirklich Spaß. Im Auto und standesgemäß bewaffnet mit einem Haufen Fast Food machten wir uns also neulich auf den Weg nach West Los Angeles, auf der Suche nach 12. Die Karte war eher ungenau, weshalb vor Ort erst mal ein bisschen Rumkurven zwischen Lagerhallen und eine etwas verwirrende Irrfahrt in einer Tiefgarage angesagt war. Dann aber, auf einem kleinen Parkplatz endlich: Kino! Ungefähr zehn Autos standen da in der Dunkelheit, auf einer Wand flackerten die Bilder. Und kaum dass man aus dem Wagen ausgestiegen war, rief einem schon jemand verschwörerisch “One O Three Point Nine” zu – die Frequenz für den Ton per Autoradio. Das sich natürlich erstmal nicht richtig einstellen ließ, weil es nur grässliche Network-Sender gewöhnt ist. Aber dann konnte es losgehen mit 12. Der Film war natürlich in bester Indie-Manier schwer verständlich (vielleicht lag’s aber auch nur daran, dass wir die erste halbe Stunde mit Rumkurven und Radio Einstellen verbracht hatten) und selbstreferentiell wie Hölle. Zwei uneheliche Kinder des griechischen Gottes Zeus landen in Los Angeles, wo sie sich Oscar Wilde zitierend verlieben. Oder so. Zwischendurch gibts noch ein nettes Indie-Erdbeben (die Kamera wackelt wie wild, aber die Bilder bleiben ruhig an der Wand hängen), lauter arbeitslose Filmstars und Auto-lose Götterkinder. Am Ende waren von den zehn Autos vier gefahren, eines war dafür erst kurz vor Schluss dazugekommen. Und hatte damit immerhin noch mitbekommen, wie die Götterkinder-Halbschwester ihren Halbbruder vor dem sicheren Tod durch einen wild gewordenen Autofahrer rettet. Wenn das nicht Los Angeles ist … Die 12-Website




