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26.01.2002 | 00:37
 
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PARIS

Gender Studies, Haute Couture & Autorität


Madame In Frankreich alt werden ist für Frauen eine reale Option. Eine gute Option. Während man in Deutschland spätestens ab 30 von der Vergänglichkeit seiner Jugend gejagt wird, scheint in Frankreich das Leben erst richtig loszugehen. Man wird Madame. Madame ist eine Figur, die es als deutsches Model nicht gibt. Sie strahlt Eleganz und Autorität aus. Und das beginnt – wie bei anderen Figuren auch – selbstverständlich an der Oberfläche. Mode ist vor allem deshalb ein zentraler Faktor für die Figur der Madame, weil sie keine Rolle spielt. Deutsche Frauen werden ständig durch die Frage abgelenkt, ob sie so aussehen, wie sie sind. Modern, konservativ, sportlich, feminin, romantisch, jugendlich, festlich und sexy, das natürlich auch. Die deutsche Frau wird ständig dazu gebracht, sich visuell auszudrücken, denn sich selbst sein – das verlangt vielleicht nicht, dem neuesten Trend zu folgen, zumindest aber doch, sich zu ihm in Beziehung zu setzen. Nicht genug mit der Notwendigkeit eines horizontalen Überblicks darüber, was angesagt ist, wird man hierzulande auch noch gezwungen, sich vertikal den Tag entlang jeweils passend für die verschiedenen Situationen zu kleiden. Ob Kunden-Meeting oder Kino, ob Kind abholen, Vortrag halten, Dinner für zwei, Shopping oder Supermarkteinkauf – jede Gelegenheit fordert ihr Tribut. Das erfordert Geld, Energie und Ausdauer und lenkt – eindeutig – von wichtigeren Dingen ab. Karriere zum Beispiel. In Frankreich dagegen reduziert sich Madame alles auf einen Faktor: Zurückhaltende Eleganz. Ihr Stil steht über modischen Trends und tagesabhängigen Situationen, denn sie besteht aus jahrzehntelang erprobten und trendüberdauernden Standards. Madame weiß: Mode ist vielleicht Kunst, doch Anziehen im Alltag ist eine andere Liga. Sie hat von den Männern gelernt, die die Sicherheit zu schätzen wissen, zwischen ihren minimalen Variationen nicht wirklich viel falsch machen zu können. Madame hat diesen Vorteil verstanden. Sie hat aufgehört, ständig zu verfolgen, ob sie “mithalten” kann oder “passend” angezogen ist. Ihr Kleiderschrank ist schmal, aber besteht aus Klassikern von qualitativ hochwertigem Material. Diese kulturelle Ordnung des Klassikers wird von Kindesbeinen an in Frankreich durchgesetzt. Schusselige Kindermode etwa, wie man sie in Deutschland an unschuldigen Kindesbeinen sieht, hat in Frankreich keine Chance. Man kleidet sich nicht gemäß seines Alters. Als Land der Mode hat man einen Ruf zu verteidigen. Der Effekt: Da alle auf eine gleichmäßige Eleganz ausgerichtet werden, unterstützt Mode die altersmäßige Differenz nicht und überzieht alle mit einem Jugendlichkeitswahn, sondern fasst die verschiedenen Generationen zusammen. Unterschiede gibt es dennoch. Besonders schick: Die Distinktion von der Masse durch eine aktuelle Interpretation: versetzte Nähte, Variationen der Schnitte, immer jedoch bleibt der Klassiker erkennbar und in allen Situationen gekonnt gekleidet. Die Figur der Madame, natürlich, sie besteht nicht nur aus Vorteilen. Reduzieren wir uns auf ein beispielhaftes Problem: Im Gegenzug für ihre Unabhängigkeit gehorcht Madame einem Diktat, an dem es in Paris keinen, aber auch wirklich gar keine Zentimeter an Weg vorbei gibt: das Schlanksein. Während sich in Deutschland vor allem junge Mädchen auf die Waagen quälen, scheint die Magersucht in Frankreich eher so gegen Vierzig zuzuschlagen. Bis fünfunddreißig ist eine gewisse Weichheit erlaubt, doch dann wird für alle die schlanke Figur eine dermaßen obligatorische Notwendigkeit, dass da draußen wirklich einfach gar keine Dame auf eine andere Idee kommt. In Paris gibt es keine dicken Damen. Fülligere Frauen bleibt hier nur die brutale Assoziation mit dem sozialen Abstieg. Plumps. Trotzdem. Auf den aktuellen Haute Couture Shows konnte man beobachten, wie die Autorität der Madame sich den Laufsteg erobert hat: Models schreiten nicht mehr und gleiten damenhaft sanft den Laufsteg entlang. Das junge biegsame Mädchen ist ausgesondert. Die Schritte der Models haben sich verwandelt. Models marschieren hart nach vorne und würdigen ihrer Umwelt keines Blickes. Das ist ungefähr so, wie man sich als weibliches Wesen in Paris bewegen muss, wenn man nicht andauernd von bewundert, angesprochen oder angefasst werden will. Heißt: Jene, die nicht marschieren, sind Touristinnen und zum Abschuss freigegeben. Alle anderen genießen das Privileg der Madame.

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