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20.07.2010 | 14:04
 
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Melt! 2010: Es war live und ich war dabei zum Zweiten

Constantin Köhncke über sein Wochenende



Fotos von Anette Swaffelen

Wenn man ganz tief in den See hineintauchen würde, erkennt man dann die Kulisse eines gefluteten Dorfs? Streichelt die Spitze eines Kirchturms vielleicht irgendwann die Fußspitzen, sieht man schwammig alte Bauernhöfe und Häuser aus einer vergangenen Zeit? 1981 wurde das Dorf Gremmin für den Abbau von Braunkohle geflutet, heute bildet der danach benannte Gremminer See zumindest für ein Wochenende im Jahr die wundersame Kulisse für eins der schönsten Festivals des Landes.

Das Melt! Festival ist längst kein Geheimtipp mehr. Bereits einen Monat vor Beginn des Festivals, das alljährlich die Herzen aller urbanen und geschmackssicheren Musikliebhaber erhellt, ist es dieses Jahr ausverkauft. Und dass die offiziell 30.000 Besucher nicht mehr nur aus der nahen Hauptstadt anreisen, hört man schon an den vielen Akzenten von Englisch, die hier gesprochen werden.

An diesem Wochenende Mitte Juli, in den United States of Europe, ist Sachsen-Anhalt Kalifornien, diese ehemalige Industriewelt rund um das Dörfchen Gräfenhainichen das Riverside County und Ferropolis wird zu Coachella. Das Programm vereint wie immer die Speerspitze der Neuentdeckungen jüngster Zeit sowie Acts, die als Grundlage für den postmodernen Geschmack des Indie-Mainstreams zwischen elektronischen und Gitarrenklängen dienen: The XX, Hurts, Jamie Lidell, Miike Snow vs. Tocotronic, Chris Cunningham, DJ Shadow und Massive Attack.

Später, um Mitternacht des Freitags, wird seine Band einen der wohl am heutigen Abend meist antizipierten Auftritte spielen. Doch erstmal, in der Dämmerung des Gremminer Sees, über dem ein vorbeiziehendes Gewitter für Visuals im Himmel sorgt, spielt der junge Jamie XX ein herausragendes Dubstep-Set.

Als um kurz nach Mitternacht The XX die Bühne betreten, ist es ruhig. Am Himmel sowie im Publikum. The XX spielen ein introvertiertes Set, in melancholischer Art und Weise besetzen sie mutig diesen von den Organisatoren ebenso mutig gewählten Slot für die ruhige, beseelte und harmonische Musik von The XX, die das vereint, was das Booking des Melt! ausmacht: die Symbiose von Songs und Tracks.

Dass The XX sowohl als DJ und Band aktiv sind, zeigt, dass die Organisatoren die Künstler dieses Jahr mehr involvieren. Auf das Melt! fährt man nicht einfach, um einen Auftritt zu spielen. Am liebsten bleibt man hier, guckt sich befreundete Bands an, trifft Freunde, Menschen, Musikbegeisterte.

Die Seebühne wird am ersten Abend von Modeselektor kuratiert, die sich für ihren eigenen Auftritt mit Bonaparte zusammen tun und den Sand vor dem See mächtig aufwirbeln. Sphärischer wird es dann beim Dubstep von Kode9 vs. Martyn. Zum Abschluss des Abends spielen die Konsens-Raver Simian Mobile Disco ein brachial-poppiges Set. Die beiden Engländer kommen aus der Ursuppe des Rave und wissen einfach wie das geht: jeder und alle scheinen hier im Glück vereint.

Nach morgendlichem Regen scheint am Samstag schnell wieder die Sonne, und sie knallt förmlich auf den Sleepless Floor. Hier hat das Berghain-Umfeld heute das Sagen und gibt sich die Klinke in die Hand: Prosumer spielt am Nachmittag ein wunderbar glückseliges, Piano-lastiges Houseset und wer auch immer die Idee mit der Sprenkleranlage hatte, dem sei gedankt. Später, wenn das Festival-Gelände wieder öffnet, reden alle nur vom Auftritt der Hurts.

Der ist astrein popkulturell referenziell: im eng sitzenden Anzug und mit akkuratem Kurzhaarschnitt geben sie unter großem Gefühlsausschuss ihrer Zuhörer ihre elektronischen Balladen zum Besten. Ganz anders die sich im großen See des Pop tummelnden Schweden Miike Snow, die sich vor dem grellen Bühnenlicht mit weißen Masken schützen und ihren poppigen Electrostücken die notwendige Dunkelheit gegenüber bringen.

Mit großen Erwartungen, aber ohne jegliche Vorahnung, wie das werden würde, fiebern wir dem Altmeister der Videokunst entgegen. Der Aufbau zieht sich, am Ende weiß man wofür: drei Leinwände bilden eine Art sakrales Triptychon, vor dem auf einem großen Tisch ein riesiger Gerätepark aufgebaut ist, hinter dem sich Chris Cunningham versteckt. Drum’n’Bass-Beats und ein Effekte-Feuerwerk, dazu neben Szenen seiner alten Videos für Aphex Twin ein hochstilisierter und brutaler Geschlechterkampf zwischen Mann und Frau, den die Frau am Ende gewinnt.

Darüber läuft ein Remix von Donna Summers „I Feel Love“. Der Hass auf der Leinwand gegen die Liebe in der Musik. Ein Auftritt, der sich von einem rein musikalischen Festivalauftritt distanziert und zwischen Kunstinstallation und Live-Performance transzendiert. Genauso verschieden sind die Eindrücke: einige Buh-Rufe quittieren den Auftritt sogar, aber um es kurz zu sagen: wir sind schlichtweg begeistert.


Vor Cunningham sollte eigentlich schon Sampling-Meister DJ Shadow spielen, doch der hatte, so heißt es, einige Geräte auf dem Weg verloren. Deshalb folgt später ein sehr kurzer Auftritt, aber ein DJ weiß eben, wie er die Leute für sich gewinnt. Er ist sich nicht zu schade, auch mal ins Mikro zu sprechen, und nicht zu schade, auch die alten Hits darzubieten, inklusive der besten Orgel der jüngeren Musikgeschichte.

Am Ende dann Moderat, die ihren Auftritt letztes Jahr aufgrund des Sturms absagen mussten. Nun stehen sie endlich da, jeder konzentriert und Kraftwerk-ähnlich an seinem Pult, Apparat auch mal mit der Gitarre um den Hals und ihr gemeinsamer Kumpel Tikkiman singt zeitweise über ihre dubsteppigen Electronica-Hymnen. Glück kann so einfach sein.

Das Sonntagsprogramm hat es in sich, mit den Auftritten von Goldfrapp, Fred Falke, Kings of Convenience und natürlich dem eigentlichen Headliner des Festivals Massive Attack. Mehrfach schade also, dass der Autor schon verfrüht zurück nach Berlin muss. Aber wenn man wieder zu Hause ist, denkt man noch lange zurück an einige der schönsten Momente des Wochenendes, wünscht sich zurück dahin, wo noch vor knapp 30 Jahren ein kleines Dorf stand und schon seit einigen Jahren an einem Wochenende im Juli ein großes Dorf aus musikbegeisterten Europäern steht. Noch 364 mal schlafen.

Auch gut:

  1. Melt! 2011: Es war live und wir waren dabei
  2. ND14: Es war live und ich war dabei
  3. Es war live und wir waren dabei: Donaufestival 2011
  4. Es war live und ich war dabei: Apparat im HAU 2



DIE WOLKE HAT 2 Kommentare zu "Melt! 2010: Es war live und ich war dabei zum Zweiten"

  1. Es war, wie schon letztes Jahr episch. Wer nach Cunningham griegrämig und buuhend das Feld räumte hatte ihn wohl einfach nicht verstanden. Ich ging zwar auch Kopfschüttelnd davon, aber aufgrund meiner Fassungslosigkeit über soviel “Krassheit”!
    Das Wetter war natürlich das i-Tüpfelchen!

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  1. [...] bisher noch nie. Einen sehr schönen Review haben übrigens die Kollegen vom De:Bug Magazin geschrieben. Nun aber zu den [...]