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 MUSIK

Duisburg ist nicht Altamont

Warum die Loveparade-Katastrophe von Duisburg nichts mit Techno zu hat



Foto: DaveBleasdale

Es gibt natürlich keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Katastrophe bei der Loveparade in Duisburg und den kulturellen Phänomenen “Techno” oder “Rave”. Denn das Desaster geht nicht auf die Eigenheiten hier zelebrierten Kultur zurück, sondern auf organisatorisches Versagen, das sich genauso auch bei einem Death-Metal-Festival, einem Mega-Event der Volksmusik oder einer Sportveranstaltung hätte ereignen können.

Und auch auf der symbolischen Ebene bedeutet die Loveparade-Tragödie nichts, Duisburg ist also nicht “das Altamont der Techno-Szene”, wie Spiegel-Online an diesem Montag forsch titelte. Denn anders als beim “Altamont Free Concert” gab es in Bezug auf die Loveparade schon lange keine Illusionen mehr, die durch die Katastrophe nun zerstört wären.

Die Analogie zum Festival von 1969, bei dem die Hippies symbolisch ihre Unschuld verloren, ist daher im besten Fall an den Haaren herbeigezogen, wahrscheinlich aber schlicht unangemessen angesichts der Toten und Verletzten, die es am Wochenende in Duisburg zu beklagen gab. Denn dass die Loveparade schon lange eine von kommerziellen Interessen dominierte Veranstaltung ist, wussten auch die diesjährigen Besucher und wer “den Ravern” anderes unterstellt, erklärt sie für bekloppt und tendenziell irgendwie selbst schuld.

Auf den unappetitlichen Punkt gebracht wurde dieses Deutungsschema von der Ex-Tagesschausprecherin Eva Herman, die fabulierte, dass hier “ganz andere Mächte mit eingegriffen” haben könnten, “um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen”. An diesem Gewäsch ist bemerkenswert – und daher haben wir auch auf dieser Site darauf hingewiesen – dass man vergleichbar Abgründiges bislang eigentlich von durchgeknallten Christen aus dem Bible Belt kannte, die beispielsweise das verheerende Erdbeben in Haiti als “Gottes Strafe” interpretieren.

Dem gleichen Muster wie Eva Herman – wenn auch in deutlich abgeschwächter Form – folgte aber streckenweise auch die TV-Berichterstattung nach der Katastrophe, in der teilweise so penetrant von “Ravern” die Rede war, dass sich der Eindruck aufdrängen musste, es handele sich dabei um einen ganz besonders verkommenen Menschenschlag, der für ein bisschen Spaß routiniert auch die eigene körperliche Unversehrtheit aufs Spiel setzt. In dieser Logik musste “sowas” dann wohl früher oder später passieren.

Andersrum formuliert, aber wiederum demselben Muster folgend, hört sich das Klischee vom hirnlosen Raver dann so an: “Das ist vielleicht die einzige gute Nachricht von diesem Wochenende in Duisburg: Dass der kommerzielle Massenwahn keine Zukunft hat”, so das Fazit einer Spiegel TV-Reportage aus Duisburg. Aber es war eben kein “Wahn” spaßfixierter “Raver”, der die verheerende Massenpanik auslöste, sondern nur ganz normale Schlamperei bei der Durchführung einer Großveranstaltung – Ein ähnliches Desaster beim Public Viewing zur WM wohl kaum auf den “Fußballfanatismus der deutschen Fans” zurückgeführt worden.

Auch gut:




DIE WOLKE HAT 32 Kommentare zu "Duisburg ist nicht Altamont"

  1. Ihr vergesst, dass Altamont das symbolische Ende der vermainstreamten, kommerzialisierten Hippiekultur war. Die Leute, die sich für echte Hippies hielten, haben schon spätestens 1967 beim Summer of Love abgewunken, wie der echte Technofan bei der Loveparade. insofern ist die Analogie nicht verkehrt.

  2. snowcrash

    gibt es auch originäres von euch – oder nur abwatschen von anderen medien und/oder kommentatoren? wie schlecht geht es der technoszene und wie wichtig nimmt sich deren zentralorgan, dass vor dem hintergrund der duisburger tragödie derlei selbsterhaltungsposen eingenommen werden müssen? ganz schlechtes tennis ist das.

  3. Lennart

    Ich finde es auch ungewöhnlich, dass das einzige Technomagazin (im weiteren Sinne), das zu der Katastrophe online etwas geschrieben hat, die Raveline ist. Wenn man etwas drüber nachdenkt ist es nicht verwerflich, dass ihr nichts schreibt. Die Nachricht hat jeder schon woanders gelsen. Ein dickes RIP ist eher Sache des einzelnen Bloggers und nicht eines Magazins. Für einen Hintergrundbericht hättet ihr wohl vor Ort sein müssen. Das Interview mit Motte war im Kurier. Die großen Reportagen waren in jeder Tageszeitung und Online.

    Dementsprechend ist diese Form der Aufbearbeitung schon ganz okay, aber ich hatte an besagtem Tag die ganze Zeit das dumpfe Gefühl, dass Ihr euch äussern müsstet. Das “wie” ist dabei nur das Problem.

    Und das die Technoszene nicht auf der Loveparade stattfindet ist glaube ich klar. Man muss hier nicht von selbsterhaltung und verteidigung anfangen. Die Medien können schreiben was sie wollen und der Szene hat es mitte/ende der 90er, soweit ich mir das angelesen habe, nicht geschadet in Kommerzialisierung zu implodieren und wenn jetzt alle sagen Techno ist tot dann sage ich: Geil, lass feiern gehen.

  4. zrrp

    hier gibts einen okay artikel von der süddeutschen mit statements von Motte und Laarmann:

    http://www.sueddeutsche.de/panorama/loveparade-gruender-dr-motte-das-konnte-nicht-gutgehen-1.979429

  5. der kleine nyq

    @snowcrash – bin mir nicht so sicher, ob die love parade in den letzten 10-15 jahren im leben irgendeines de-bug-lesers eine rolle spielte…

  6. Danke de-bug,

    endlich mal jemand, der vernünftig dazu Stellung bezieht!

    “Die Medien können schreiben was sie wollen und der Szene hat es mitte/ende der 90er, soweit ich mir das angelesen habe, nicht geschadet in Kommerzialisierung zu implodieren und wenn jetzt alle sagen Techno ist tot dann sage ich: Geil, lass feiern gehen.”

    Word!

  7. warum das ganze hin-und hergerede, warum, wie, weshalb und bla bla bla. es gab vor der veranstaltung schon sicherheitsbedenken. UND man muss kein sicherheitsbeauftragter spezialist sein um mit gesunden menschenverstand sagen zu können dass es der FEHLER der planung war. hauptsache geld machen und das ding durchziehen. sicherheit, was ist sicherheit??? SICHERHEIT gibt es nach der parade! das mit SICHERHEIT in duisburg keine loveparade stattfindet ist sicher. das was dort passiert ist, kann bei jeder veranstaltung passieren, die von einen auf den anderen ort verlegt wird. vielleicht das nächste mal weniger aufs geld schauen, was hier SICHERLICH einer der größten faktoren ist. also spart euch das philosophiren und vergleichen mit anderen veranstaltungen von damals und heute………..es ändert so oder so nichts………..die stadt hätte die kritischen stimmen mehr wahrnehmen sollen. dies ist nun der preis den sie gezahlt haben, vor allem die betroffenen…………….. kein altamont: zudem lenkt dieser bericht vom wesentlichen ab. ;)

  8. Kassandra

    Wie wir alle wissen, ist die Loveparade schon seit vielen Jahren eine verselbstständigte, kommerzielle Veranstaltung geworden und ähnelte immer mehr z.B. dem Oktoberfest.
    Aber für mich war des gestern dennoch der 11.09. der Technobewegung der 90er.

  9. Augenweide

    Es ist doch nur nachvollziehbar, dass ein Magazin, das einen Großteil seiner Inhalte aus elektronischer Musik und der damit verknüpften Kultur bezieht, auf die Wahrnehmung dieser durch die restliche Medienlandschaft eingeht und diese gegebenenfalls zurechtrückt. Zum Zentralorgan macht das die De:Bug nicht und mit Selbsterhaltungsposen hat das auch relativ wenig zu tun.

  10. olli

    Was geht denn jetzt ab…also wenn die DEBUG nicht groß über die Parade berichtet entspricht das warscheinlich nicht dem Interesse der meisten Leser…die wie ich NICHT die Raveline lesen…das Drama in Duisburg hat jeden geschockt…und sicher auch die Leute von der DEBUG…achja…die Loveparade ist schon seit etlichen Jahren eine Komerzielle Veranstaltung ähnlich dem Oktoberfest…und so sehen die Leute die da hingehen auch aus…also auch Normalbürger 30-40 gerne mit Kind/Kleinkind…

  11. Doch,

    die Raver sind Lemminge, bekloppt und tendenziell irgendwie selbst schuld,
    das muß ich leider als ein Beobachter der ersten Stunde leider sagen.
    http://djdeutschland.wordpress.com/2010/07/26/tablettenparade/

  12. molotox

    schlechtes tennis… dem möchte ich mich anschliessen. wen interessiert Frau Herman und muss den statements dieser frau angesichts der allzumenschlichen dimensionen dieser tragödie so viel an bedeutung zugemessen werden wie sich das in diesem kommentationsgewitter andeutet.

  13. Robert

    Das hat nichts mit selbsterhaltungsposen zu tun. Hier wird nur klar gesagt das nicht der böse Raver mit schuld ist, wie es leider oft genug in den Medien durch die Blume hindurch gesagt wird, es war Schlamperei in der Durchführung und sonst nichts.

  14. KID

    Die Loveparade ist doch zu einem Volksfest geworden, dem Karneval nicht unähnlich. Insofern pflichte ich dem Titel und der Aussage eures Artikels bei. Kommentatorin Barbara ja übrigens auch, nur das sie die Loveparade-Besucher noch als Teil der Technokultur sieht. Darüber kann man sich streiten. Wenn etwas Mainstream wird, lassen sich die Roots natürlich nie verleugnen – auch wenn da nicht mehr viel von übrig bleibt.
    Ich bin aber nicht so sensibel bei dem Gebrauch des Wortes “Raver” , denn in meinem Kosmos hat der Raver auch nur bedingt etwas mit “Techno-Kultur” zu tun. Man darf ja nicht vergessen, dass der Begriff ja eigentlich aus dem englischen Sprachgebrauch kommt. Und ob jetzt die englischen 80er und frühen 90er Raveparties soviel mit Technokultur zu tun haben, darüber lässt sich bestimmt streiten. Da sind ja auch schon Tausende zusammengekommen und von denen hat bestimmt auch nicht jeder Detroit besucht, Electrifying Mojo gehört, Kraftwerk angebetet, an 303s rumgeschraubt, “The Thrid Wave” gelesen oder sich als Futurist gesehen. Die meisten von denen wollten auch einfach nur ne gute Party feiern.
    Und ja, der Scheiß hätte auch bei einem beliebigen anderen Fest dieser Größenordnung passieren können. Bei den Public Viewings in unserer Kleinstadt ist auch alles abgedichtet worden, angeblich zum Schutz vor Glasflaschen. Aber es geht dabei nur um den Umsatz.
    Und ja, die Medien schreiben eine ganze Menge Scheiße, so sind auf der Internetseite unserer Tageszeitung am Samstag Mittag die ersten Bilder von der Parade gepostet worden – mit ziemlich viel positiven Gequatsche und da stand unter einem Bild, dass ja bereits zu Mittag schon ca. 500 000 Besucher gezählt wurden. Jetzt weiss keiner mehr die offiziellen Zahlen. Schon komisch.
    Don´t believe the hype!

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Trackbacks

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  14. Warum die Loveparade-Katastrophe von Duisburg nichts mit Techno zu hat: http://de-bug.de/musik/6336.html #fb

  15. [...] Noch mal zum mitschreiben: Das Loveparade-Desaster ist nicht im Techno angelegt, es hat einfach nichts mit den Inhalten der Massenveranstaltung zu tun. Die Katastrophe hat keine kulturelle Dimension, höchstens eine allgemein kulturpolitische. Alles andere ist Käse. GA_googleFillSlot("ContentAd_Index");GA_googleFillSlot("ContentAd_Index"); Auch gut: [...]