Showcases des Wiener Labels im Rahmen des Club Transmediale-Festivals 2014

Der gestrige Tag des Club Transmediale-Festival stand ganz im Zeichen des Wiener Editions Mego-Labels. Die Institution für everything leftfield, passioniert von Peter Rehberg kuratiert, veranstaltet insgesamt fünf Events unter ihrem Banner während der CTM; die ersten drei fanden gestern im Berghain und HAU2 statt.

Gegen 16 Uhr eröffnete Christian Zanési, künstlerischer Leiter der INA-GRM, den langen Abend mit einem Vortrag über Geschichte, Entwicklung und Zielen der Groupes de recherche musicales. Zanési, der in französisch redete und von einem hochbemühten Dolmetscher übersetzt wurde, gab sich angenehm unakademisch und plauderte eine viel zu kurze Stunde vor einem Backdrop, auf dem seltene Photos der frühen Studios der Einrichtung oder GRM-Legenden wie Bernard Parmegiani beim Arbeiten zu sehen waren. François Bonnet (Kassel Jaeger) versorgte den Vortrag mit kurzen Snippets von diversen für die Weiterentwicklung der musique concrète einflussreichen Arbeiten, im Anschluss an den Vortrag sorgte er mit Robert Hampson (Main) und Christian Zanési selbst für die sound diffusion von insgesamt sechs Kompositionen, die in den Hausstudios entstanden waren. Wie viel Sinn die acht in einem Kreis angeordneten Lautsprecher machten, muss man wohl niemandem nahe legen, der die Stücke schonmal daheim auf der Wohnzimmeranlage gehört hat. Freude.

Nach einer Pause begab sich François Bonnet erneut ans Mischpult um zwei Stücke seines 2012er Albums “Deltas” neu zu interpretieren. Zanési sprach am Ende seines Vortrags über die antizipierte neue Generation von Soundkünstlern, die die Errungenschaften der GRM weiterentwickeln werden, der Beweis für die Existenz selbiger folgte mit Bonnets ultradetaillierten Klangdiffusionen auf den Schritt. Field recordings morphten scheinbar übergangslos in elektronische Klänge; gerade so, als ob sich Klang willentlich emanzipieren könnte. Ist man auf den meisten seiner Releases, die unter dem Pseudonym Kassel Jaeger erscheinen, schon ahnungslos, was denn nun Quelle seiner Aufnahmen sein könnte, darf sich hier umso mehr gefreut werden, dass es noch mystische Musik gibt. Was auch immer der schlaksige Mann da macht, es hört und fühlt sich an wie ein Teil der neuen Garde von Klangmeistern, die ihre musique concrète-Hausaufgaben gemacht haben, aber ihren Hunger damit noch lange nicht stillen konnten. Ein frühes Highlight des Festivals.

Im Anschluss trat Robert Hampson wieder ins Spotlight des HAU2-Theaters, zusammen mit Stephan Mathieu präsentierte er die aktuelle Inkarnation des Projektes Main, das seit den frühen 90ern für einige hochgelobte Leftfield-Releases verantwortlich ist. Ein sehr sphärisches Set, das weniger auf die alten Veröffentlichungen zurückschaute als viel mehr Stephan Mathieus charakteristischen Drone-Plateaus (inklusive Transistorradio als Klanggeber) Platz zu gewähren.

Eine viel statischere Angelegenheit als der vorangegangene Sinnesrausch Bonnets, Hirn und Körper wurden dröge und die schon tief ins Herz geschlossenen Sitzsäcke im Theater boten passendes Asyl. Ein Blinzeln aufs Handy verbietet mir jeglichen Schwächeanfall – Berghain ruft.

Nach knapp fünf Stunden audialer Achterbahn erscheint mir der Blick auf das zugeschneite, dreckige Berlin wie die passende Verschnaufpause, die exakt bis zum Erklimmen der letzten Stufen zum Berghain-Mainfloor anhält. Ich bin spät dran, Russel Haswell startet im Vergleich zu den introvertierten Soundwelten des frühen Abends jähzornig und brutal durch. Überlebensgroße 808-Kicks schlagen mir die Knie weich, Haswell hat einen bigger is better-Moment und lässt die Drumpatterns direkt zum Einstieg schon arhythmisch übereinander fliegen. Von scheinbar überall dreschen desorientierte Claps, Snares und Kicks auf einen zu, meine Ohren werden heiß, das weiße Rauschen lässt keine zehn Minuten auf sich warten. Das Ganze pendelt sich recht schnell in “broken 808s meets middle of the road-noise” ein, von Zeit zu Zeit hat die Drummachine Überhand, dann die Krachwolken. Haswell stoppt irgendwann, pfeift eine Minute wiederholt in das verwirrt starrende Berghain-Publikum, dann repeat. Für 20 Minuten sicher effektiv und unterhaltsam, danach nur noch Attitüde. Das kann er besser.

Next on the list: Yasunao Tone. Japanischer Fehlerfetischist, Mixed media-Koryphäe und nebenberuflich süßer, kleiner Opa lässt den Lichtmann des Koloss am Wriezener Bahnhof erstmal von atmosphärisch-düsteren Nebelschwaden auf OP-Licht umschalten, bevor 45 Minuten purer Terror folgt. Eine Armada von am Boden zuckenden, aus dem Mund schäumenden Klangbauteilen – zusammengestellt aus skippenden CDs und korrumpierten mp3-files – rast auf der mächtigen Funktion One-Anlage in einem endlosen Loop auf einen zu. Es wirkt, als ob man 100 Jahre Musik in Sekundenbruchteilen hört, das Ohr versucht sich krampfend einen Reim aus der erstaunlich dynamischen Hysterie zu machen. Das höchst intensive Schauspiel nimmt ein abruptes Ende, die Leute fangen an zu klatschen, Tone streckt verneinend seine Hand hoch – anscheinend hat der Laptop den Abgang gemacht. Verständlich.

Ein letztes Durchatmen, mein Finale folgt: Mego-Mainman Peter Rehberg himself und Stephen O’Malley (Sunn O)))) beehren das CTM mit einem Auftritt ihres gemeinsamen Projekts KTL. Beide sitzen hinter ihren Macbooks, O’Malley hat seine Gitarre neben sich stehen, let’s die. Erwartet düstere Audioschwaden tauchen den Saal in zähes Schwarz, Rehberg lässt kleine Noisecluster ins Verderben stürzen – die Anlage darf ihr schmerzvolles Potential ausschöpfen. Ich vermisse meine Ohrenstöpsel spätestens beim Einstieg der größenwahnsinnigen Bassdrum, die Aussichtsplattform auf der Treppe gen Panorama Bar knarzt so unheilvoll, dass ich lachen muss. Die Jungs besinnen sich, es wird wieder etwas leiser. Sunn-Gründer und Kurator des Mego-Sublabels Ideologic Organ greift zur Gitarre und hangelt sich ruhig und bedacht entlang der dichten Atmosphäre. KTL machen viel Sinn in einer Venue wie dem Berghain, man fühlt sich anhand des überall im Körper spürbaren, bedrohlichen Klangs an Titel ihrer Tracks wie “Forest Floor” erinnert.

Ich merke, dass trotz oder genau wegen der intensiven Druckwellen-Meditation die KTL da betreiben, der richtige Zeitpunkt für mich gekommen ist, den zahlreichen sonifizierten Irrungen und Wirrungen des Tages ein Ende zu setzen, noch ein wenig apathisch ins Leere zu starren und mich von der Winterkälte wieder zum Menschen machen zu lassen.

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