Es war live und wir waren dabei!

Die Hauptakteure der gestrigen Konzerte im HAU2 am Kreuzberger Halleschen Ufer – Drone-Zenmeister Phill Niblock, Eli Keszler und Valerio Tricoli – stellten gestern über drei Stunden unter Beweis, dass man auch mit ganz unterschiedlichen Ansätzen experimenteller Klangerzeugung zusammenfinden kann. Neben Solodarbietungen aller Beteiligten wurde wild kollaboriert und die Soundästhetiken der Anderen verwischt und erweitert.

Eröffnen durfte Eli Keszler am Schlagzeug, hinter ihm eine seiner Installationen aus massiven, diagonal gespannten Pianosaiten, die mit ferngesteuerten Metallklöppeln in Schwingung versetzt werden. Nachdem man die Installation schon vor den Konzerten im mit Sitzsäcken ausgestatteten Saal hören und fühlen durfte war Keszlers Drumming erstmal ein verwirrender Zusatz zu dem hypnotischen Knarren, Knarzen und düsterem Dröhnen, dem nicht wenige Zuschauer bis in den Schlaf gefolgt waren. Einen Groove gab es nicht (oder doch?), dafür im Überschwang Töne, die man sicherlich nicht von einem Drumset erwartet – schön zu sehen, dass Menschen vermeintlich funktionale Instrumente ganz neu erfinden wollen. Böse Zungen mögen dennoch leise “one trick pony” flüstern…

Der erste Auftritt des für seine 80 Jahre erstaunlich agilen Phill Niblocks war eine Zusammenarbeit mit Zinc & Copper Works, einer Gruppe, die sich auf das Spielen mikrotonaler Blasinstrumente spezialisiert hat. “Baobab” nennt sich die Komposition aus dem vergangenen Jahr – 40 Minuten nervöse Drones bot sie, die zwischen schmerzvoll kurzen Momenten hinterlistiger Harmonie immer wieder zusammenbrach und einem wahnsinnig detailreiche Dissonanzen bot, man fühlte sich an den ekstatischen Terror von Hermann Nitschs Sinfonien erinnert.

Ein erstmal unerwartet expressiver Einstieg, das folgende, sehr kurze Zusammenspiel mit Eli Keszler bestätigte die konfrontationale Stoßrichtung des Abends. Keszler lockt mit Streichbogen schmerzend hohe Töne aus seinen Miniaturbecken, Niblock klinkt sich ähnlich verwirrend ein – hier werden Fragmente akzentuiert, der unendliche Ton scheint für kurze Zeit völlig aus dem Blickfeld.

Die folgende Soloperformance von Phill Niblock mit dem Titel “Vlada” zeigt ihn dennoch in gewohntem Terrain. Cinematisch anschwellende Flächen, zusammengesetzt aus unzähligen Layern schütteln das Hebbel am Ufer zum ersten Mal am Abend bis auf die Grundfesten durch. Die Musik schält sich aus einem warnenden Cello zu einer überwältigenden Klangfläche aus, der schwarze Boden des Theaters wird zu einem Flugkörper gen Ekstase. Der alte Mann starrt in seinen Laptop, ich schwitze. Man will sich verlieren, doch die regelrecht brutalen Soundscapes lassen ein bloßes Zuhören nicht zu. Man will ihm nicht recht glauben, dass das alles nur geschichtete Samples sind, die schiere Gewalt drückt einen in freudiges Unwohlsein. Majestätische Kontemplation über nichts und alles, presented by your grandpa. Phew.

Den Abend beschließt Valerio Tricoli, ebenfalls Solo und im Zusammenspiel mit Keszler. Der in Berlin lebende Italiener arbeitet mit einem Tisch voll analogem Equipment – Reel-to-reel tape recorder, Mixer, Turntable und so weiter. Tricoli schüttelt ein Sammelsurium an Techniken der letzten 50 Jahre Avantgarde-Musik aus dem Ärmel, das sich zu einem vielleicht unerwartet kohärenten Set formt. Nach dem unendlichen Niblock-Sog gibt es hier als Coda viel Raum und Bewegungsfreiheit – allerlei unidentifizierbare Klangkörper zwischen Tapehiss und No-Input-Mixer massieren die letzten Synapsen zu Schrott.

Tricoli spannt ein Band seiner Kassetten um einen Mikroständer, drückt es runter, zieht es hoch, kratzt darüber. Faustgroße Löcher in der musikalischen Realität des Abends öffnet er damit, er zuckt und fühlt mit. Wenn die größte Stärke eines elektronischen Musikers die Aneignung verschiedenster Techniken der Klangsynthese ist, durfte man hier einem beeindruckenden Vertreter über die Schulter schauen. Die abschließende Kollaboperformance erweitert Keszlers approach um die zuvor zur Schau gestellten musikalischen Schleichwege. Sein Spiel wird von dem Italiener in Echzeit aufgenommen, getweakt, zerstört. Ende.

Danke für die Reise.

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