Immer noch Publikumsmagnet: Laurie Anderson


So eine Reise quer durch’s Land und in ein benachbartes ist immer eine gute Gelegenheit, seine kümmerlichen Geographiekenntnisse geradezurücken. Krems an der schönen blauen Donau liegt zwar nördlicher als München, aber ein gehöriges Stück weiter östlich als Berlin. Mit seinen knapp 24000 Einwohnern hat das Städchen nicht wirklich viel urbanes Flair, dafür eine sattgrüne Weinberg-Idylle und überraschend weitläufige, mittelalterliche Altstadtgässchen. Sehr hübsch. Darauf, dass hier schon seit letztem Wochenende ein ziemlich avanciertes Musik- und Kunstfestival stattfindet, deutet außer vereinzelten Bannern und Infopoints nicht viel hin. Und da hier nicht gecampt wird, trudeln die Massen erst gegen Abends ein, größtenteils aus Wien oder dem näheren Umland. Dabei könnte man sich hier ab 10 Uhr morgens dem Programm hingeben.

Tag 1

Aber Zugfahren schlaucht, deshalb erstmal runterkommen und Abends mit dem Musikprogramm einsteigen. Erster Termin und schon ein Höhepunkt: The Books führen ihr aktuelles Album in der Minoritenkirche auf, einem schon lange als Kunst- und Klangraum genutzten gotischen Bau. Ich ärgere mich, dass ich James Blake nicht sehen konnte, der zwischen diesen bunt illuminierten heiligen Steinmauern am Wochenende zuvor wohl die perfekte Bühne gefunden hat. Aber auch The Books schaffen eine so wunderbar sakrale Atmosphäre, die keine Konzerthalle hergibt. Danach ab Richtung Messegelände, zu Fuß durch die schmucke Stadt, wo die Omis neugierig am Fenster stehen und die vorbeiziehenden Grüppchen unter die Lupe nehmen. Ich sage absichtlich nicht “die jungen Leute”, denn am ersten Tag des zweiten Wochenendes ist der Altersdurchschnitt der Besucher etwas erhöht.

Nicht mehr ganz so schräg: Lydia Lunch und Band


Grund: Mit Laurie Anderson, Lydia Lunch und David Tibet (Current 93/Left Hand Path) steht eine Reihe von Legenden auf der Bühne, die schon seit bis zu 30 Jahren im Geschäft sind. Und nichts von ihrer Wirkungskraft verloren haben – die komplett gefüllte große Halle hängt Laurie Anderson und ihrem Spoken Word begeistert an den Lippen und die Post-Punk-Diva Lydia Lunch bringt die hypnotisierte Menge anschließend wieder ordentlich in Bewegung. Volles Programm, inklusive trötendem No-Wave-Saxophon und Jazz-Kakophonien auf dem Flügel, von wegen altes Eisen. Auch David Tibet hat seine widerspenstige Folkvariante noch nicht aufgegeben – barfüßig kräht er mit viel Streicher-Rückendeckung von der Bühne, was für den ein oder anderen Jungspund dann doch zu grotesk ist. Kulinarisches Fazit: Die als legendär angepriesene Schnitzelsemmel hat sein Prädikat verdient.

Tag 2

Tagsüber ist Schonen angesagt, denn der anstehende Abend hat es in sich. Ich schaue kurz bei der vom australischen Medienkünstler initiierten “Vinyl Rally” vorbei, bei der man vom Arcade-Rennwagen aus ferngesteuerte Autos über eine aus alten Platten gebastelte Bahn flitzen lässt. Der Clou dabei: Tonabnehmer an den Wagenunterseiten sorgen für eine Menge Krach, während sie über das Vinyl jagen.

Der Konzertabend beginnt wieder mit einem Kirchgang, denn die Orgel, die der Kanadier Tim Hecker für seine dröhnende Variante von Ambient benötigt, steht in einer evangelischen Rundkirche. Er hätte wirklich keinen besseren Ort finden können, als diesen unbeleuchteten Tempel in der Dämmerung: Augen zu und rein, die Schönheit im Lärm suchen, die göttliche Ordung im Chaos. Unfassbar genial.

Die Platten-Rennbahn der Vinyl Rally


Danach wird wieder konventionel in den Hallen abgeliefert: Gold Panda bringt die Kids zum tanzen (heute erheblich jüngeres Publikum, viele Wiener), Mount Kimbie spielen beeindruckend abgeklärt und Factory Floor klingen wie die Hacienda-Version von DAF auf E, ein echter Tip. Und dann der große Abriss: Die mit einer einzigen Platte schon legendär gewordenen Death From Above 1979 brettern los, Schwanzrock ohne Phallus, die dürfen alles und es ist großartig. Übringens: Nur eine handvoll Reunion-Konzerte spielen die zwei in diesem Jahr weltweit, eines davon in Krems. Danke dafür.

DAF auf E: Factory Floor

Tag 3

Mittag: Der Weg zu Chris Watsons Raum-Klang-Installation mit Field Recordings aus der Antarktis führt mich durch die Kunsthalle Krems und eine schöne Sonderausstellung des Berliner Malers Jonas Burgert. Merke: Die Apokalypse ist knallbunt. Die Live-Performance von Watson verpasse ich leider, denn zeitgleich gibt es etwas Theorie – Roger Behrens referiert über “Sound und Politik”, im Anschluss wird das Thema in vielversprechender Runde diskutiert, u.a. mit Tim Hecker und deswegen auf englisch. Leider kommt man nicht so recht auf den Punkt, verflixte Sprachbarriere. Beeindruckend dagegen ist die Theaterperformance “Kindertotenlieder”, ein düsteres Teenie-Psychogramm aus verschneiter Friedhofskulisse und passendem Doom-Sound (Stephen O’ Malley von Sunn O))) ist zuständig für donnerndes Gitarrenfeedback).

"Kindertotenlieder" von Gisèle Vienne

Die Wiener Future Fluxus Gruppe (die an jedem einzelnen Tag ein großes Performance-Programm aufgefahren hat, leider etwas an mir vorbeigezogen) spielt vor den Hallen noch Live-Techno auf einem Einkaufswagen-Soundsystem, bevor dann u.a. Ladytron und Kap Bambino den Abend und damit das diesjährige Festival würdig beschließen. Puh!

Eigentlich erstaunlich, dass dem Donaufestival (bis jetzt) nicht übermäßig die Türen eingerannt werden. Was in Krems geboten wird – so aktuell, verdichtet angehäuft und in alle Richtungen schauend, mit so viel Stil auf allen Seiten – das findet man wirklich nicht oft im deutschsprachigen Raum. Es ist außerdem ein Musterbeispiel an Kulturförderung, wie hier kulturelle Bemühungen finanziell vollends vom Land unterstützt werden und dabei die Organisatoren in ihren Entscheidungen weitgehend autonom bleiben können. Hoffen wir, dass es dabei auch im nächsten Jahr bleibt und sich die Macher noch mal selbst übertreffen.

Bilder: Florian Schulte
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