Anfang 2010 im Handel: Die Club/Label-Institution aus London feiert das Jubiläum mit Tracks von Hudson Mohawke, Zomby oder Joy Orbison. Martyn philosophierte mit uns zu diesem Anlass über 8 Jahre Fabric Records und die Tücken des Mixsets

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Der Markt für Compilations ist gesättigt. Mit dem Aufstieg von Plattformen wie Soundcloud und Download-Portalen in Rapidshare-Manier wird der elektronisch interessierte Musikliebhaber nahezu erschlagen von Mixsets, Mitschnitten und Bootlegs. Auf kommerzieller Ebene konnte sich in den letzten Jahren nur wenige Serien etablieren, allen voran die Sampler aus dem Hause Fabric. Seit 2001 folgt kontinuierlicher Output direkt aus dem Herzen des Londoner Clubs, bei der die Ahnengalerie mittlerweile alles versammelt, was innerhalb der letzten Dekade für Aufsehen gesorgt hat. Zum kleinen Jubiläum mit Ausgabe 50 und Katalognummer 99 darf Martyn ans Werk, der mit seiner Playlist einen großen Rundumschlag durch die europäische Musiklandschaft von four to the floor zu Dubstep vorlegt.

Debug: Die Fabric-Serie ist in zwei Reihen aufgeteilt: Auf der einen Seite Fabriclive – Mitschnitte von den Freitags-Performances im Londoner Club – und zum anderen Fabric, bei dem Künstler am Samstag ihr Set produzieren. Dein Mix erscheint in letzterer. Inwiefern hat dich dieses Setting bei der Gestaltung des Sets beeinflusst?

Martyn: Wie für das Label üblich, ist auch in meinem Fall das Management auf mich zugekommen mit der Anfrage. Kurioserweise werde ich sonst immer auf einen Freitag in diesem Club gebucht, also der Tag, an dem normalerweise das Fabriclive-Programm gestaltet wird, doch dieses Mal konnte ich auf einem regulären Fabric-Samstag spielen. Das war ein vollkommen neues Gefühl für mich, denn im Gegensatz zum Freitag gilt mehr der “four to the floor”-Ansatz, was für die unglaublich gute Recherchearbeit des Labels spricht: In letzter Zeit finden immer mehr 4/4 Platten Platz in meinen Sets und somit durfte ich mich sehr glücklich schätzen, auch im Fabric viel konkreter für den Dancefloor spielen zu können.

Debug: Beim ersten Blick auf die Tracklist fällt direkt auf, dass du dreimal Platz für Tracks von Zomby gefunden hast, was bei einer Gesamtspieldauer von 26 Stücken nicht ganz unbeachtlich ist. Passt seine Vorstellung von Sound einfach zu gut in deine Klangcollagen?

Martyn: Schon der erste Durchlauf des Sets sollte eigentlich dafür sorgen, dass du die drei Stücke komplett voneinander unabhängig wahrnimmst, auch wenn die Brücke zwischen den ersten beiden nur einen anderen Track umfasst. Jedes Element funktioniert sowohl für sich als auch im Gesamtgefüge – ohne Setlist in den Händen würde das doch nicht wirklich jemand bemerken, oder?

Debug: Das führt wiederum zu dem Gedanken, dass insgesamt sechs Stücke entweder eigene Produktionen oder Remixe von dir sind. Würde man dich dazu bewegen können wie Ricardo Villalobos oder Omar S. eine Fabric zu mixen, die nur aus eigenen Arbeiten besteht?

Martyn: Zunächst einmal musst du zwischen den vollkommen unterschiedlichen Ansätzen der beiden unterscheiden: Omar hat nur Platten verwendet, die bislang schon auf Vinyl veröffentlicht wurden, aber fast durchgehend vergriffen sind. Man könnte da schon fast unterstellen, dass er lediglich die verwendeten Stücke promoten und Liebhabern zum ersten Mal auf CD zugänglich machen wollte. Ricardo hingegen hat lediglich bislang unveröffentliches Material genutzt, was eher der Konzeption eines Albums entspricht, das sich in einem Mixset entfaltet. Trotz der vollkommen unterschiedlichen Idee hinter beiden Sets gehören sie zusammen zu meinen Favoriten der Serie.

Debug: Zu welcher Konzeption würdest du denn eher tendieren?

Martyn: Für mich wäre der Album-Ansatz interessanter, den ich bereits auf dieser Fabric 50 verfolgt habe, auch wenn nicht viele Tracks aus meiner Feder stammen. Ob man das dann noch Fabric nennen würde, wäre eine andere Frage, ist die Versuchung dabei doch zu groß, dass auf meinem eigenen Label zu veröffentlichen (lacht) … Wenn die Zusammenstellung stimmt, musst du die Stücke auch nicht krampfhaft mixtechnisch verbinden. Nehmen wir mal mein erstes Album: Das ist auch nicht gemixed, aber allein die Konstellation und Folge sorgt für eine Einheit, die die Stimmung und den Spannungsbogen eines Mixes aufgreift.

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Debug: Trotzdem hat es bis jetzt gedauert, dass du dich dazu überreden konntest ein Mixset zu veröffentlichen.

Martyn: Es gibt einfach nicht mehr die große Nische für solche Konzepte. Nur noch wenige Label können das auf Dauer erfolgreich durchziehen, weswegen ich auch schon seit längerem darauf gewartet habe, dass mich Fabric zu diesem Zweck endlich anrufen (lacht) … Und es ist jetzt sogar die Nummer 50 geworden, was dann doch eine große Ehre ist, wenn man bedenkt welche Größen sich schon vor mir verewigen durften.

Debug: Was wäre demzufolge der größte Unterschied, wenn du in Zukunft noch einmal ein Mixset veröffentlichen kannst?

Martyn: Allein die Rahmenbedingungen bei der Aufnahme prägen alle Fabric Mixe sehr stark. Die Art, wie der Club auf dich wirkt und die Menschen in ihm, das ist nur sehr schwer reproduzierbar und prägt dich nachhaltig. Interessant wäre vielleicht auch ein ungemixtes Format, auf dem ich meine Alltime-Favourites des HipHop versammeln könnte, da fällt es mir schwer nein zu sagen. Doch die Mixsets, bei denen du die Architektur und Aufnahmebedingungen beim Hören spüren kannst, bleiben etwas ganz besonderes.

Debug: Wie genau äußert sich das im Detail auf der Fabric 50?

Martyn: Zu Beginn habe ich direkt einen Part, der sehr stark auf Glasgow und somit den derzeit zu Recht gepushten Hudson Mohawke fokussiert ist. Später folgt eine Episode, die sich implizit mit Berlin beschäftigt, von Ben Klock über Redshape und sich in den UK auflöst – Zomby, Kode 9, Joy Orbison. Ein Rundumschlag des internationalen Angebots gewissermaßen.

Debug: Geschieht dies eher intuitiv oder gehört dazu ein gewisses Maß an Konzeption?

Martyn: Natürlich in erster Linie intuitiv, aber wenn ich nach einem Set auf die genaue Folge der gespielten Stücke gucke, finde ich es irgendwie bemerkenswert, wie sich da eine ziemlich klare Linie durchzieht, ohne das es im voraus beabsichtigt ist. Gibst du dich vollkommen dem Mix hin, verschwimmt alles in einer Ganzheit. Das ist doch letztenende das, was jeder mit seinem Set erreichen will.

Mehr Informationen zum Sampler gibt es bei fabriclondon.com, weitere Dates und Hörproben bei myspace.com/martyndnb.

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