Es war live, wir waren dabei
Text: Ji-Hun Kim

Fotos: Robert Richter

Fotos: Robert Richter

Die Nachtdigital wird allmählich erwachsen. Zumindest im späten Teenager-Alter ist sie jetzt. Ich frag mich, was ich mit 16 gemacht habe. Die erste Liebe, der erste Rausch, die erste Fahrt auf einem Moped, die erste Zigarette, vielleicht alles auch schon ein bisschen früher. Freitag Nachmittag. Es ist, wie zu erwarten, brüllend heiß. Die Sonne knackt am Schädel wie ein langsamer, steter Nussknacker. Die Schlange vor dem Ticketschalter behält unterdessen Haltung. Heißer Rosé aus der Flasche, weiße Sonnenschirme und schlingernder Schweiß lassen die Menschen geduldig sein. Schlagermusik zur Einstimmung: Wolfgang Petry, Gassenhauer aus den 70ern und Ost-Rock, der mir namentlich unbekannt ist und wohl auch bleiben wird. Das Nachtdigital blieb von Beginn an seiner 3.000-Leute-Politik treu. Eine rote Linie im Festivalgeschäft, wer die übertritt, hat es mit Problemen einer Großveranstaltung zu tun. Das beweist das ATP-Festival in England seit ähnlich langer Zeit. Wachstum ist nur was für großkapitalistische Schweine, nuschelt der verschwitzte Marx in mir, ist doch so.

Ich erinnere mich an das letzte Mal in Olganitz, dieses Sommercamp, wo sonst Kinder ihre Abschiebesommerferien verbringen und etwas für das Leben und die Welt lernen sollen. Damals war es kühl, windig, laut und irgendwie auch nylonjackenmäßig deutsch. Es war wohl vor vier Jahren. Die Hitzeglocke diesmal macht vieles anders. Ein Helm, der zur Sanftmut zwingt. Keine Energie zu stressen, keine Kraft zu nerven, ausfallend, geschweige denn ungeduldig zu werden. Tranquillo, piano, in größten europäischen Krisenzeiten und den heißesten Temperaturen seit langem, scheint man in Nordeuropa plötzlich das Südländische in sich zu entdecken. Anders hat man doch gar keine Wahl, denkt sich offenbar der Sombrero-tragende Niederländer vor mir und ruft ein besänftigendes “Arriba!“.

Gerd Janson

Gerd Janson

Das Nachtdigital ist auch ein Sommercamp. Nicht für Kinder, die gehen aufs Melt. Kinder wollen Abundanz, Megalomania, die feinen Obertöne erschließen sich nicht. Die Sommercamper hier suchen die Auflösung, die Zerstreuung, das Zusammensein, die protogeilen DJ-Sets oder auch nur die fehlende Teintbräune am Käse-Torso. Die Gedanken über solche Dinge verlassen einen aber ohnehin bald. Es ist 21 Uhr, die Musik fängt an. Manamana im liebevoll beleuchteten, aber auch schwülen Zelt und Lena Willikens (draußen) beginnen. Machen wir es kurz. Cinnaman war fein, Magic Mountain High (Move D/Juju&Jordash) in Sachen Live eine Referenz, Mark E bretterte derart konsequent Audions „Mouth To Mouth“ von 2007, als wolle er mit Slow House und Edits nun mehr so viel zu tun haben wie Underground Resistance mit dem Circo Loco auf Ibiza. Irgendwie schön. Barnt und Ame machen den Morgen auf der großen Bühne. Deeper, am Ende mit viel Akkorden und Melodie. Mal Füße und Arschbacke ins Wasser, Augen zu, bin das alles nicht mehr gewöhnt …

Am See spielen die Jungs des Lieblingslabels Giegling den Samstag Nachmittag. Der Versuch zu schlafen, wird aufgegeben. Schlafdeprivation als existentielle Sommercamp-Grundlage. Im kleinen Iglu-Zelt bekommt jeder gesunde Mensch nach einer Minute eine mittelschwere Panikattacke. Hinten am Hang sammeln sich die Menschen wie Gadget-Fans vorm iPhone-Launch. Sieben Grad weniger, Schatten spendende Waldlichtungen, ein surrealer Blick auf das Gelände. Es mäandert vor sich hin. Die Grooves und die Yeahs vom See verwässern. Zu Deadbeat sind wir wieder drin (er zelebriert die zeitgemäßeste Dub-Deklination). Zuvor bot das Liveset von Sven Kacirek eine Atem spendende, minimal-ambiente Zäsur. Beruhigend und erfrischend. Das Tiltshift-Treiben am Hügel zu beobachten und keine Bassdrum mal die schönste der Welt sein zu lassen.

Portico Quartet haben abgesagt, ganz schön blöd, dafür liefert Running Back-Chef Gerd Janson eine Leistung ab, die unter der Kategorie Weltklasse subsumiert werden dürfte. Ein Ausgleich zum souveränen Vierstunden-Set von Kölns Best Boy Michael Mayer, seine jahrelange Routine und Nonchalance kontert Janson mit einem discoiden, vor Funk zerberstenden Set. Impulsiv, direkt, positiv uncool. Bei „Unfinished Sympathy“ von Massive Attack zum Ende werden in den ersten Reihen Tränen vergossen. Rave darf im 21. Jahrhundert wieder alles sein, eine Lehre, die der Rest des Sonntags noch mit Nachdruck beweisen wird. In der Zwischenzeit Blawan mit eng geschnalltem Brett, Chymera mit klinisch-präziser Meisterschaft. Und dann, Regen. Was war das? Schnell weg.

Steffen Bennemann & James Holden

Steffen Bennemann & James Holden

Einige Stunden später spielt James Holden gemeinsam mit ND-Godfather Steffen Bennemann (seine ergrauten Haare stehen seiner Jeansweste heute besonders gut) im Ping Pong-Verfahren das finale Set der großen Bühne. Caribous „Sun“ versucht die letzten hartnäckigen Regenhuschen zu vertreiben, und schafft es auch. „Giorgio by Moroder“ vom viel geschimpften, aktuellen Daft Punk-Album gewinnt unter diesen Bedingungen etwas mantrahaft Großes. Spätestens bei “Broken Wings“ von Mr. Mister ist alles vorbei. Würden in der Panoramabar solche DJs öffentlich gesteinigt, fühlt sich das hier alles andere als hipster-zynisch oder ironisch an. Es ist auch nicht komisch oder gar witzig. Es ist wahrscheinlich eine rein gewaschene Freude, eine Form des Glücks, die man zu diesem Zeitpunkt auf der ganzen Welt so wohl nur hier in Olganitz erlebt. Weg von daheim, ein Nichtalltag, so kurz und brillant wie nachhallend. Die Menschen sind bei sich, schaukeln auf Holzpferden, spritzen mit Wasser, lassen sich auf aufblasbaren Discoinseln mit Palme auf dem See treiben …

Polchinger a.k.a. Robag Wruhme

Polchinger a.k.a. Robag Wruhme

Den Abschluss an der Seebühne bis um 15 Uhr spielen unter dem kruden Pseudonym Polchinger & Skydden Robag Wruhme und Markus Fink von Pampa Records. Eine Art selbstreferentielles Best-Of, Lieblingslieder für die Ewigkeit. Und später auch hier, kaum noch überraschend: Lambada. „Danca sol e mar guadarei no olhar/ O amor faz perder encontrar …“ Währenddessen, ein Mann hat im See extatischen Phantom-Sex a tergo mit einem Gummidelphin. Flachlandpiraten haben das Ruderboot gekentert und kämpfen um die Vorherrschaft an Deck. Die Nacken glühen. Große Dinge spielen sich ab, nur erklären kann es sich wohl keiner mehr. Die Nachtdigital ist ein Juwel, ein Geschenk, noch immer. Von tollen Menschen gemacht (Consti, dein Walkietalkie stand dir fast noch besser als Steffen seine Jeansweste) und von nicht minder tollem Publikum dankbar zelebriert. Und noch was. Wer diesen Bericht als prätentiös, kitschig und verspult verreißen will, der hat kein Herz und seine Seele hat er auch beim letzten Hurricane verkauft. Also von daher, bis zum nächsten Mal.

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