Constantin Köhncke über sein Wochenende beim Nachtdigital

Fährt man von der Autobahn 13 in Richtung Olganitz ab, liegen noch einige Kilometer auf Landstraßen vor einem. Landstraßen ohne Markierungen, gesäumt nur von alten Bäumen, scheinbar verlassenen Dörfern und wenigen Tankstellen. Es fällt einem hier sehr leicht, schon auf der Fahrt zum Nachtdigital alles hinter sich zu und wirklich loszulassen. Ohne Übertreibung ist das Nachtdigital das entspannteste, liebevollste und eins der geschmackvollsten elektronischen Festivals in Deutschland. Auch dieses Jahr, das bereits 14. Mal, waren die auf 3.000 Stück limitierten Tickets bereits kurz nach Bekanntgabe ausverkauft. Das spricht nicht nur für die Popularität des Festivals, oder das Vertrauen in das erst später bekannt gegebene Line-Up, sondern auch für die Menschen, die über die Landstraße in das Bungalowdorf Olganitz reisen, um ein Wochenende gemeinsam zusammen Musik und Natur zu genießen.

Am späten Freitag Nachmittag verschieben sich noch die Wolken zu einer dramatischen Drohkulisse und helle Blitze am Firmament kontrastieren den scheinbar künstlich orange leuchtenden Himmel. Die Wolken öffnen sich kurz, sodass wir die alljährliche Eröffnung durch die lokale Trommelkappelle um Punkt 21 Uhr verpassen, aber so finden wir auf dem kurzen Weg vom Campingplatz zum Festivalgelände Unterschlupf bei freundlichen Holländern mit bester Ausrüstung und zielsicherem Musikgeschmack. Überhaupt hat man das Gefühl, dass jeder, egal von wo er angereist ist, aus dem nahen Leipzig oder dem fernen Amsterdam, genau zu wissen scheint, warum er hier ist. Nach dem Wolkenbruch durchschreiten wir den kleinen Jägerzaun, der den Eingang zum Gelände markiert und schon ist man umgeben von vielen fröhlich feiernden und tanzenden Menschen, die pünktlich um 21 Uhr damit beginnen. Dass Gold Panda, sicherlich ein versteckter Headliner dieses Festivals, das allein schon in seiner grafischen Umsetzung Wörter wie Headliner gar nicht erst entstehen lässt, aufgrund von Krankheit absagen musste, stört keinen so richtig. Am wenigsten wohl Robag Wruhme, der deshalb statt 3 Stunden gleich mal beinahe 5 Stunden die Musik auf der Seebühne bestimmt, und gleich so richtig fröhlich und ohne Attitüde einige wirkliche Hits abfeuert. “Hier kommt die Sonne” heißt es da Richtung Ende in einem seiner Tracks, die er spielt, und es ist eine Huldigung an die Wettergötter. Es sollte sich noch gelohnt haben.

Umgeben von Sand und See schaffen es die Veranstalter auch dieses Jahr wieder, das Gelände rund um die Bungalows in ein wunderschönes Licht zu rücken. Schilder sind liebevoll handgezeichnet, der Gang nach draußen führt durch hängende Tücher, die Promenade am See ist durch weiße Lampenschirme gekennzeichnet, der Wald gegenüber vom See von Projektoren bestrahlt, und die Nachtdigital-Buchstaben spiegeln sich leuchtend im vom Mondschein weiß getauchten See. Aber auch die Gäste tragen zur Deko bei, besonders bemerkenswert wohl die Holländer mit ihren Leuchtluftballons, die über die Tanzfläche schweben. Der passende Soundtrack kommt nach Robag Wruhme von Shed, der ein Dub-Techno-Set abfeuert, das den richtigen Übergang zu Shackleton markiert, der Basskaskaden Richtung See feuert, dass sich die Wellen auftürmen. Im Zelt geht es nicht gerade ruhiger, aber doch langsamer zu, denn hier haben die Hamburger Houseliebhaber von Dial ihr Zelt aufgeschlagen. Und auch hier ist die Stimmung, wie sie sein sollte und man freut sich über jeden Übergang, jede Hi-Hat und jede Clap. Trotzdem: uns zieht es nach draußen, zurück zum See, und zum Strand, wo wir den meisten Teil der Nacht verbringen.

Währenddessen ist auch auf dem Campingplatz nebenan die Stimmung entspannt und man kann sich in Ruhe eine Verschnaufpause gönnen. Als die Sonne nach oben wandert, sind wir aber wieder am See, denn Prosumer sorgt für strahlende Gesichter bei strahlendem Sonnenschein. Wie hiess es gestern Nacht noch, “Hier kommt die Sonne”? Genau, hier ist sie. Lasst die Meteorologen doch sagen, was sie wollen. Prognosen braucht kein Mensch. Prosumer spielt ein klassisch angehauchtes und sehr eklektisches Set, von scheppernd trockenem House, zu Gänsehaut-Disco und am Ende, ja einfach Soul, inklusive zweier Zugaben. Das Publikum dankt ihm mit viel Applaus und während der Morgen zum Tag wird, die Leute sich im See waschen und erholen, ist rundherum nur noch Glück.

Auch das Rahmenprogramm ist dieses Jahr mit viel Liebe zusammengestellt: zum Beispiel die Waldwanderung mit dem freundlichen Mitarbeiter des Schullandheims, der sonst Wanderungen mit Kindern macht. Festes Schuhwerk und etwas Ausdauer ist die Voraussetzung um alles über die Kräuter der Region zu erfahren, Getreidearten zu bestimmen, über die verschiedenen Baumarten und das Harzen zu lernen. Wie groß ein Dachsbau ist, war wohl vorher auch keinem klar, und dass Wölfe eigentlich hier weniger willkommen sind, als es uns die Pro-Wolf-Kampagnen glauben machen wollen, eher auch nicht. Auch die Workshops zum Gestalten einer eigenen 10″ kommen wohl sehr gut an.

Musikalische Highlights am Samstag sind die Sets von Steffen Bennemann und Onetake gefolgt von Fairmont und dem fulminanten Ende von Ame und Dixon. Aber es zählt beim Nachtdigital nicht wirklich nur die Musik, sondern vor allem die in der deutschen Festivallandschaft einzigartige Atmosphäre, und die Durchmischung der Gäste, die das Nachtdigital weit strahlen lässt. Über Landstraßen und Autobahnen hinaus. Wenn man wieder zu Hause ist, dann strahlt es sogar noch mehr und man wünscht sich zurück an den See, mit den Füßen im Wasser und der Musik im Kopf. Bis zum nächsten Mal, ganz bestimmt. Jetzt heißt es: Augen auf für den nächsten Vorverkauf!

10 Responses

  1. Dominus

    Sehr schön eingefangen, wie es uns allen ergangen ist. Ein Hoch auf die Veranstalter!

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