Es war live und Roman war dabei

Die c/o pop muss man nicht mehr als legitimen Nachfolger der Popkomm vorstellen. Das fünftägige Parallelprogramm aus Festival und Convention ist mittlerweile Markenzeichen der Domstadt geworden, nach dem Vorgänger kräht kein halber Hahn mehr. Wir waren dort und haben uns nicht nur die dick beworbenen Gigs angeschaut.

Mittwochabend: Cómeme Records haben sich in den letzten 2 Jahren mit ihren Partys einen festen Platz in der Stadt erspielt, die Cómeme Night wird als inoffizielles Highlight der c/o pop gehandelt. Im Stadtgarten steht dankenswerterweise auch eine ausgesprochen fette Anlage bereit, die Korkut Elbay direkt ausnutzt. Köln kennt ihn eher discoid, aber die reduzierteren Tracks mit deftigem Bass stehen ihm auch gut. Auch schon am Tanzen: Lena Willikens, die am Freitag selbst auflegen wird. Ana Helder erhöht die Raumtemperatur, und mit Daniel Maloso an Pad und Mic wird es dann auch schön dreckig. Zu “Ritmo especial” wirft jemand ein paar Drums um. Matias Aguayo übernimmt, danach spielen Diegors und Philipp Gorbachev, die Bühne wird geentert, es ist ein Fest:

Cómeme Night

C’n’B Convention

Das Kontrastprogramm am Donnerstag läuft auf der Convention in Deutz. Von Moderator Peifer groß als “Star Wars” angekündigt, liefern sich der “Medienmann des Jahres 1992″ Dieter Gorny und der Prosumentenvertreter Andreas Gebhard ein eher einseitiges Battle. Gorny verteidigt wie immer sein “professionelles Angebot” gegen eine für ihn nur theoretische “Laienkultur”, Gebhard versucht vergeblich, ihn irgendwo abzuholen. Gorny wird laut. Der Prosumer bleibt für ihn eine “Schimäre” und Garageband generiert keine “großen künstlerischen Aussagen”. Auch Gebhard muss einsehen, dass sich auf dieser Basis schlecht reden lässt. Gornys “Deutsche Content Allianz” und Gebhards “Digitale Gesellschaft e. V.” wurden im April quasi gleichzeitig als komplementäre Interessenvertretungen gegründet, im Netz machten schon wechselseitige Kriegserklärungen die Runde. Alles Quatsch, wenigstens da sind sie sich einig.

Brandt Brauer Frick

Am Abend wird es dann wieder interessanter: Brandt Brauer Frick standen letztes Jahr noch zu dritt unter einem Plastikpavillon auf dem Dach des Museum Ludwig. Heute sitzt ein zehnköpfiges Brandt Brauer Frick Ensemble auf der Bühne des WDR-Sendesaals und spielt Songs vom Album “You Make Me Real”. Der Laden ist ausverkauft und die Sessel sind bequem. Als die Tuba auf das Mundstück klopft, ertönt aus dem Becher eine hohle Bassdrum. Nach und nach setzen alle zehn Instrumente ein und spielen einen orchestrierten Techno, der mit seiner Polyrhythmik auch den Hemdträgern sichtlich gefällt. Die Akustik ist berauschend, das Publikum andächtig, das Spiel ungemein erfrischend. Das Konzert ist viel zu schnell vorbei, am Ende steht der ganze Saal. Bravo, da capo.

Kulturdeck am Aachener Weiher & Owen Pallett DJ Set

Es ist frisch am Freitag, der Wind treibt Wolken über den Teich. Zu frisch für die meisten, denn viel los ist hier nicht. Der Zeitplan wurde umgebaut, Peter Abs und Michael Kerkmann schocken das junge Publikum mit feinster Käseprosa à la William Pitt. Der einzige Typ mit Sonnenbrille grölt “Techno!”, tanzt dann aber doch mit. Gewohnt souverän danach Lena Willikens mit einer Düsseldorfer Klangholz-Note, einer Prise Cómeme und einem Haufen Platten, die keiner kennt, aber jeder liebt.

Über das ausverkaufte Owen-Pallett-Konzert vom Vorabend hatte man nur Gutes gehört, auch Palletts DJ-Set im King Georg ist gut besucht. Die ersten Tracks sind noch etwas ziellos, bis irgendwann mit Mariah Carey auch hier die Cheese-Bombe platzt. Immerhin: Auch “Lose It” von Austra ist mit im Gepäck. Parallel dazu läuft übrigens die Kompakt-Party auf der anderen Rheinseite, aber man kann nicht alles haben.

Tourist

Samstag. Es hat den ganzen Tag geregnet, der Brüsseler Platz ist wie leergefegt. Für gewöhnlich wird hier die Botellón-Meute von genervten Anwohnern mit Eiern beworfen, heute ist trotz Chic Belgique tote Hose im belgischen Viertel. Um so schöner die Entdeckung des Abends: Tourist aus Köln, die im Blauen Montag Salon ihr Demo vorstellen. UK-Breaks und lupenreine Popsounds, die Vocals irgendwo bei Beth Gibbons und Moloko. Das Halbplayback ist kein Notbehelf, sondern bewusst gesetzter Effekt. Und dafür, dass es das Projekt erst seit fünf Monaten gibt, klingt das alles sehr vielversprechend. Naja, eigentlich nicht nur dafür.

http://www.youtube.com/watch?v=98_ikqc6rqg&feature=related

MIT & Austra

Klassische Venue-Panne. Was im WDR-Sendesaal wunderbar funktioniert hat, geht im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks komplett schief. Von allerlei Peinlichkeiten sei nur verraten: Auch der beste Catering-Service ist nutzlos, wenn auf den Stehplätzen im Saal weder gegessen noch getrunken werden darf. Grund: Beim DLF wird vorher geputzt, nicht hinterher.
MIT spielen Tracks von ihrem aktuellen Album “Nanonotes” und wecken vor allem Lust auf ein Solo-Werk von Tamer, der bereits die Beats für Dillons “Ludwig”-EP gebaut hat.

Die Bühnendeko trägt die Handschrift von Kraftwerk-Grafiker Emil Schult, der auch an “Nanonotes” mitwirkte. Der Sound ist dick, die Bässe rund. Was man von Austra kurz darauf leider nicht behaupten kann: Die ersten zwei Tracks müssen nachgesteuert werden, bis zum Ende bleibt alles zu leise – auch das eigentlich ein Fauxpas an diesem Ort. Katie Stelmanis spricht nicht viel, hat eine lange Tour hinter sich. Ihr Sopran klingt trotzdem frisch, Konsorten wie Zola Jesus hängt sie in der Lage locker ab. Nach einer Stunde inklusive zwei Zugaben ist Schluss.


Bild: Cosmotropia de Xam

Tracklist Austra:

1. Darken Her Horse
2. Young and gay
3. Hate Crime
4. Lose It
5. The Choke
6. The Villain
7. Beat & The Pulse
8. Spellwork
9. The Future
10. Woodstock

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5 Responses

  1. Max

    Hallo Roman (!?),

    vielen Dank für Deine Kritik und den Artikel über unser Festival.
    Anbetracht der Tatsache, dass jede Kritik nur auf subjektiven Ansichten und Erfahrungen basieren kann, möchte ich lediglich die Vermutung aussprechen, dass Du, bis auf das tolle Konzert von Tourist, herzlich wenig von den Chic Belgique Konzerten mitbekommen hast.

    “heute ist trotz Chic Belgique tote Hose im belgischen Viertel.”

    Diese Aussage lässt mich vermuten, dass Du bis auf dieses Konzert (welches, nebenbei erwähnt, nicht im “Blauen Salon”, sondern im “Blauen Montag” stattgefunden hat) den Umkreis deiner Recherche nicht über 100 m bzw. bis nach 19:00 erweitert hast.
    Die Konzerte von Touchy Mob im La Seda (200 Zuschauer), Jack Beauregard und Jeanelle im Monsieur Courbet (300 Zuschauer) sprechen für sich.

    Dazu kommen die komplett mit interessierten Zuschauern zugepackten Läden:
    La Kölsche Vita mit Like People On Train und Sweet Sweet Moon, Frau Kayser mit Hufschlag&Braun und nicht zuletzt auch das Konzert des Kanadiers Rich Aucoin im The Good WIll Out Sneakerstore. “tote Hose” sieht wirklich anders aus.
    Trotz schlechten Wetters musste die Maastrichter Str. aufgrund der Menschenmenge gesperrt werden. Das Line Up dieser traditionellen kostenlos Konzerte wurde von meinen Kollegen und mir liebevoll kuratiert und ich darf in diesem Fall eines von vielen Zitaten einfließen lassen, dass von einem Menschen stammt, der tatsächlich vor Ort war:

    “Trotz des Sauwetters -es regnete von morgens bis zum späten Nachmittag- und ganz wenig Leute waren anfangs unterwegs,
    war diese Veranstaltung für LA SEDA in mehreren Punkten die erfolgreichste in den ganzen drei Jahren! [...] es kamen knapp 200 Leute! Der überaus sympathische TOUCHY MOB gab ein Spitzen Konzert. Das Publikum war von seinem Auftritt total begeistert, die Stimmung war bei allen grandios!”

    Ich könnte so weiter zitieren, bin umheimlich stolz auf unseren Erfolg – das belgische Viertel war voller Menschen – und habe auf eine so unqualifizierte Rückmeldung, wie ich sie hier lesen muss, grundsätzlich einfach einen Bock.

    Viele Grüße

    Max

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  2. Roman Lehnhof

    Touchy Mob hätte ich auch gerne gesehen, der Gig lief aber wegen Verzögerung parallel zu Tourist – weißt Du sicher. Habe aber nur Gutes gehört. Das Viertel war im Vergleich zu den Vorjahren trotzdem recht leer – wer will es den Leuten verübeln? Nächstes Jahr scheint die Sonne.
    Schönen Dank übrigens noch mal an die Damen vom Blauen Montag, war ein schöner Abend. Was den fälschlichen “Salon” angeht: Habe wohl zu viel Musik aus Düsseldorf gehört. Schadet aber nicht!

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