Notown Recordings ist der Name des noch jungen Labels von Produktions-Wunderkind Derwin Dicker, wohl besser bekannt als Gold Panda. Nachdem der Panda mit zwei EPs auf Various Productions und seiner Debüt-LP “Lucky Shiner” beim dem Eastcoast-Beat-Giganten Ghostly International brilliert hatte, machte er sich für den Vetrieb in Großbritannien mit Notown Records selbstständig und versammelte dort Luke Abbott, Dam Mantle und bald auch Hannes Rasmus zu einer beschaulichen Label-Community. Als der Wahlberliner Luke Abbott und Nathan Fake für Live-Sets nach Berlin holte, haben wir uns uns zu den Dreien an den abendlichen Restauranttisch geschmissen und nachgefragt: über Notown, Luke Abbotts kommende EP “Objekt is a Navigator” und Nathan Fakes fantastisches Album “Steam Days”.

Debug: Notown Recordings ist ja ein sehr ambitionierter Name. Wie kam es dazu, und was genau hat Detroit mit dem Label zu tun?

Gold Panda: Das begann eigentlich als Scherz, zuerst hieß das Label Notime. Ein Freund schlug vor, man sollte es Notown nennen und sehen, ob man damit durchkommt, das ganze Artwork von Motown zu kopieren. Das habe ich dann mal lieber gelassen, aber den Namen behalten. Mit Detroit hat das auch insofern etwas zu tun, dass es ja eine verlassene Stadt ist, in die gerade aber wieder viele Musiker und Künstler ziehen. Es ist also eine Analogie dafür, kreative Energie zu bündeln und etwas starten.

Debug: Was genau war deine Motivation das Label zu gründen?

Panda:Im Grunde genommen wollte ich unabhängig mit meiner Musik sein und einfach auch ein bisschen Geld damit verdienen. Vor allem die Kontrolle über jeden Aspekt der Produktion, von Artwork bis zu Mastering zu haben und dafür soviel ausgeben zu können, wie man selbst will, ist von großem Vorteil. Deshalb habe ich zuerst nur meine eigenen Platten in Großbritannien veröffentlicht, und da mir das irgendwann als zu eitel erschien, habe ich Luke von Border Community ausgeliehen. Im Anschluss daran ist Dam Mantle dazu gestoßen, und jetzt wird das langsam zu einem Selbstläufer.

Debug: Suchst du denn nach einem spezifischen Sound?

Panda: Anfangs gab es die Idee, dass alle Veröffentlichungen analoge Homeproduktionen sein sollten. Musik, die meiner eigenen ähnelt, sodass es einen organischen Zusammenhalt gibt. Generell würde ich sagen, ich suche nach melodischen Tracks, die jetzt weder die krassen Banger, noch zu ambient sind. Ich habe Luke und Dam Mantle durch die Live Sets mit Gold Panda kennen gelernt und schätze ihre Arbeit sehr. Ich würde sagen, dass ich die “shit-version” von dem produziere, was die anderen machen. Ich schäme mich auch ein bisschen, heute im gleichen Club aufzutreten wie Luke und Nathan.

Du hast ja vergangenen Herbst deinen “DJ Kicks”-Mix herausgebracht und im März die EP “Mountain/Financial District”. Willst du dich in Zukunft mehr auf die Labelarbeit konzentrieren?

Panda: Ich versuche da viel Energie zu investieren, aber ich arbeite auch an einem neuen Album, das im Laufe des nächsten Jahres herauskommen soll. Ich setze mir ständig neue Deadlines, aber bin nie vollkommen zufrieden. Das würde ich nicht unbedingt als Perfektionismus bezeichnen, eher als Faulheit und die Unfähigkeit, Dinge fertig zu machen. Ich bringe Anfang nächsten Jahres auch noch eine EP auf Ghostly International raus. “Trust”, ganz kurz, nur drei Tracks und ein kleines Intro. Ich halte es für sinnvoll, ein Label zu haben, es ist jetzt aber nicht mein Traumjob. Es ermöglicht mir einfach, Geld zu verdienen und mir davon neue Hardware zu kaufen, um damit bessere Musik zu produzieren. Notown ermöglicht und erleichtert mir also mein Hobby.

Lukes “Modern Driveway” war also die erste Nicht-Panda-Produktion auf Notown. Wie habt ihr beiden denn zusammen gefunden?

Luke Abbott: Wir haben tatsächlich einfach abends gechattet. Ich habe Derwin geschrieben, dass ich darüber nachdenke, eine neue EP zu produzieren, aber Border Community war da gerade mit Nathans Album beschäftigt. Da schlug er vor, sie auf Notown zu veröffentlichen, was mir perfekt erschien. Es ist ja immer viel besser, wenn man mit Freunden arbeiten kann, die man schätzt und die auch die eigene Arbeit schätzen. Mit der eigenen Musik bei Labels zu hausieren ist sehr hart, und meiner Meinung nach auch schlecht für die Seele.

Inwiefern unterscheidet sich “Modern Driveway” von deinen Veröffentlichungen auf Border Community?

Luke: Ich versuche jeder EP eine eigene Identität zu geben, deshalb unterscheidet sich “Modern Driveway” schon von Natur aus von meinen vorherigen Produktionen. Gleichzeitig ist das meiner Meinung nach auch immer mal mehr, mal weniger beabsichtigt. Border Community hat sicherlich eine eigene, spezifische Ästhetik, die von einer geteilten Mentalität und musikalischen Präferenzen hergeht. Zu der Zeit vor “Modern Driveway” hatte ich mehrere relativ melodische Tracks, von denen ich dachte, dass sie gut zusammenpassen, da war es super, dass ich auf Notown ein wenig experimentieren konnte. Mit der nächsten EP gehe ich wieder in eine ganz andere Richtung, die wird weniger melodisch, eher dysfunktional und experimentell. Ich bin also immer noch am suchen und gleichzeitig ist das natürlich auch Prokrastination, da ich einfach zu faul bin ein Album zu produzieren. Vor einem Jahr dachte ich noch, ich hätte genug Ideen für eine LP, dann waren es aber doch nur sechs Tracks, und nun sind es nur noch zwei. Ich entwickle mich da also rückwärts.

Panda: Bereust du manchmal, dass du die Tracks nicht einfach zu einem Album gemacht hast?

Luke: Nein, ich finde ich es schwer genug, fünf Tracks zu finden, die eine schlüssige EP ergeben. Gleichzeitig sind EPs einfach viel weniger Druck und mehr Freiheit. Bei einem Album braucht man immer gleich ein Konzept und hat das Gefühl ein Statement abliefern zu müssen.

Debug: Suchst du dir also für deine EPs ein Konzept?

Luke: Ich produziere sehr intuitiv, und suche dann aus den hundert unfertigen Sachen heraus, was zusammenpasst. Das ist also eher ein Prozess der Kristallisation, als der bewussten Autorschaft. Ich finde es auch sinnvoll, der Musik eine gewisse Mehrdeutigkeit zu lassen. Tracktitel und Artwork sollten da immer zu einem gewissen Grad vage und offen sein, sodass sich der Hörer leicht damit identifizieren kann. Die Verbindung zur realen Welt sollte vorhanden, jedoch nicht zu offensichtlich sein.

Luke Abbott: “Musik produzieren ist eher ein Prozess der Kristallisation.”

Debug: Da wir gerade bei der realen Welt sind: Luke und Nathan, ihr veröffentlicht beide auf Border Community und kommt zudem auch noch aus der selben Gegend, Norfolk an der Ostküste Englands.

Nathan Fake: Ja, das ist richtig, obwohl wir beide auch schon vorher produziert haben, haben wir uns aber erst über Border Community kennen gelernt.

Luke: Beim Fondue Abend!

Nathan: Norfolk ist eine wunderschöne Gegend, aber man sollte das jetzt nicht romantisieren. Das ist sicher nicht der Hotspot für junge und talentierte Produzenten.

Debug: Dein Album “Steam Days” ist schon im September erschienen. Wie hat sich deine Arbeit und dein Stil seit “Drowning in a Sea of Love” von 2006 und “Hard Islands” von 2009, die ja sehr unterschiedlich waren, entwickelt?

Nathan: Ja, die beiden Alben waren tatsächlich sehr unterschiedlich. Während “Drowning in a Sea of Love” noch softer war, ist “Hard Islands” das Gegenteil davon. Aber wie Luke auch schon erwähnte, mache ich das sehr intuitiv. “Drowning in a Sea of Love” war auf jeden Fall das bedachteste Album, davor hatte ich nur klassische Techno-Platten produziert und wollte mal melodischere Dinge mit mehr Synthese probieren. Vor “Hard Islands” hatte ich sehr viele Live Gigs gespielt, sodass die Stücke darauf eher improvisiert, rhythmischer und clublastiger waren.

Debug: Würdest du sagen, dass “Steam Days” die Synthese aus den beiden Alben ist?

Nathan: Wahrscheinlich kommen alle diese Dinge zusammen, “Steam Days” ist aber trotzdem das intuitivste Album, das ich bisher produziert habe. Um ehrlich zu sein steht dahinter auch kein allzu großes Konzept. Wie gesagt, alles sehr intuitiv. Es ist eher ein Schnappschuss aus allem, was ich in den letzten beiden Jahren so gemacht habe.

Panda: Steampunk!

Debug: Was steht als nächstes an?

Nathan: Ich toure gerade sehr viel, und im nächsten Jahr werde ich dann wieder neue Musik schreiben. Das wird dann auf jeden Fall experimenteller, sehr weird wahrscheinlich.

Nathan Fake: “Steam Days ist ein Schnappschuss aus allem, was ich in den letzten beiden Jahre so gemacht habe.”

Debug: Wie überträgst du die Studioproduktion in deine Live-Sets?

Nathan: Das ist nach wie vor alles sehr improvisiert. Die Arrangements der verschiedenen Tracks verändern sich natürlich, dadurch wird jedes Set unterschiedlich.

Luke: Ich empfinde das auch als extreme Herausforderung. Ich habe leider noch keine natürliche Übersetzung vom Studio zur Live Show gefunden. Im Studio muss es mir ja nur selbst gefallen, aber live kommen da noch ganz andere Kriterien hinzu, vor allem wenn man wie wir meistens im Club auftritt. Da muss man dem Publikum automatisch Funktionalität bieten.

Nathan: Dadurch ändert sich oft auch die gesamte musikalische Ästhetik. Man macht ja im Studio keine funktionale Musik, aber im Club gibt es da immer Druck, egal wie groß oder klein der ist.

Luke: Ganz ehrlich, das ist wirklich sehr schwierig. Ich suche da nach wie vor nach dem besten Weg. Heute Abend zum Beispiel besteht die Hälfte meines Live-Sets vollkommen aus neuen Sachen. Einerseits ist dadurch natürlich alles neu und einzigartig, andererseits sind viele Sachen auch nicht zu hundert Prozent fertig. Es wird also spannend.

Gold Panda: Ich bin mir da auch noch nicht sicher, ob ich gerne live auftrete. Ich tue mir nach wie vor schwer mit der Reaktion der Gäste. Ich kann mit Kritik einfach nicht umgehen, aber das gehört eben auch dazu, man muss die Sachen ja der Welt zeigen.

Debug: Was passiert denn als nächstes auf Notown Recordings?

Panda: Wie gesagt, im Dezember kommt Lukes EP raus, und je nachdem wie stressig Weihnachten und Neujahr werden, veröffentlichen wir hoffentlich im Januar eine EP von Hannes Rasmus, sehr analoger Techno aus Hamburg. Und dann sehen wir weiter, was passiert. In Notown.

Luke Abbots EP “Modern Driveway” ist auf Gold Pandas Label Notown Recordings erschienen, “Object is a Navigator” erscheint im Dezember.

Nathan Fakes Album “Steam Days” erschien vergangenen September auf Border Community.

Und noch eine gute Nachricht! In Bremen steigt am 17.11.2012 das Time and Place Spezial mit einem Live-Set von Luke Abbott. Statt im Plattenladen wird jedoch in der Belle Etage am Güterbahnhof gefeiert. Im Vorfeld der Party kann man sich mit unseren Freunden von LeafAudio den Noisefoc-Deluxe zusammenlöten. Dafür braucht ihr nichts weiter als einen eigenen Lötkolben und könnt morgens euren eigenen kleinen Synthesizer in der Brotdose nach Hause zu nehmen. Mehr Infos und den direkten Anmeldelink findet ihr hier.

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Elektronische Lebensaspekte.

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