Demo vor dem GEMA-Mitgliederfest gestern im Frannz Club

Gestern hat im Berliner Frannz Club das GEMA-Mitgliederfest stattgefunden. Womit sie wohl nicht gerechnet haben: dass rund 5.000 Anhänger der Clubkultur gegen die Anstehende Tarifreform vor der Kulturbrauerei demonstrieren würden. In Reden von Politikern, Musikschaffenden und Clubbetreibern wurden die Folgen und Ausmaße der Reform abgeklopft und die GEMA-Mitglieder empfangen. “Unser Protest ist Party”, hat es Klaus Lederer von den Linken passend formuliert. Noch mal zur Erinnerung: im März hatte die GEMA ihr neues Tarifmodell vorgestellt, in dem es nicht mehr wie gewohnt elf, sondern nur noch zwei Tarife geben soll, die dann nach Fläche, Eintrittspreis und Dauer der Veranstaltung abgerechnet werden und nicht mehr, wie bisher, einen Pauschalpreis vorsehen. Bei dieser Berechnung müssen viele Clubs also in Zukunft zwischen 600 und 1.200 Prozent mehr Abgaben zahlen, was für einige nicht tragbar sein wird und Schließungen zur Folge haben könnte.

Bruno Kramm, Urheberrechtsbeauftragter der Piraten Partei, hat die Konsequenzen dargelegt: “Musikveranstaltungen, die eine Nischenkultur bedienen und daher sowieso mit geringen Profiten rechnen müssen, werden durch diese Erhöhungen nicht mehr realisierbar sein.” Dass Berlin gerade auf Clubkultur und Tourismus angewiesen ist, hat die Verwertungsgesellschaft bei ihrer Reform wohl nicht bedacht. “Eine Kultur des kreativen Nachtlebens, wie sie Berlin in den letzten 20 Jahren weltweit berühmt gemacht hat, ist unter diesen Bedingungen nicht mehr vorstellbar. Nach der neuen GEMA-Reform müssen Clubs wie das Berghain nicht wie bisher 30.000 Euro bezahlen, sondern sollen 300.000 Euro blechen. Das ist alles andere als fair, da kann man den Club auch gleich zu machen”, fügt Katrin Schmidberger von den Grünen später hinzu. Tatsächlich haben Berghain, Cookies und co. bereits angekündigt mit der Silvester-Party 2012 zu schließen, sollte die Wucher-Reform ab dem nächsten Jahr in Kraft treten. Denn diese Abgaben landen nicht etwa bei den Musikschaffenden, deren Musik in diesen Clubs gespielt wird, sondern bei Großverdienern à la Herbert Grönemeyer. Ein Schild mit der Aufschrift “Koks & Nutten für Dieter Bohlen” beschreibt den Unmut über die unfaire Ausschüttung wohl am Besten.

Zum ersten Mal scheinen die Parteien geschlossen gegen eine Tarifreform vorzugehen und fordern ein klares Erfassungssystem der Playlisten, eine faire Ausschüttung an die Künstler und Transparenz anstatt Lobbyarbeit. Besonders beharren sie jedoch auf einen erneuten Dialog zwischen Urhebern, Clubbetreibern und Verwertern. Mit dem von der GEMA selbst eingeleiteten Schiedsrichtverfahren wird nun geprüft, ob diese gefühlt “brutale” Erhöhung zulässig und tragbar ist. Vielleicht war das auch von Anfang an der Plan, eine schwindelerregende Tariferhöhnung, die für niemanden tragbar ist, um dann in den Verhandlungen den eigentlich angestrebten Betrag rauszuholen; zumindest aber den höchst möglichen.

Neben Schildern und Polizei darf natürlich eine Person beim Befreiungsschlag nicht fehlen: Martin Reiter, im ewigen Kampf gegen den Kapitalismus. Kann er aber auch ganz gut, dem Mitbegründer des Tacheles drohte nämlich schon unzählige Male die Zwangsräumung. Ihren Zenit fand die Auseinandersetzung um das Tacheles im letzten Jahr, als eine Mauer auf dem Gelände des ehemaligen Einkaufszentrums erbaut wurde. Trotzdem ist der antikapitalistische Wuschelkopf immer noch im Tacheles und damit der wahrscheinlich hartnäckigste Hausbesetzer Berlins. “Wir sollten das tun, was uns die ganze Zeit geraten wird: Mehr verschiedene Leistungsschutzgesellschaften!”, fordert er und stellt zum Schluss die berechtigte Frage: “Liebe GEMA-Mitglieder, habt ihr eure Veranstaltung bei der GEMA angemeldet?” Noch einige Male wird die GEMA als “Monopolist”, “nicht zeitgemäß” und “ignorant” gegenüber der elektronischen Musik betitelt. Der Soziologe Jan Kühn des Berlin Mitte Instituts hat sich dem Thema schließlich von wissenschaftlicher Seite genährt: “Elektronische Tanzmusik wird von der GEMA nicht ausreichend berücksichtigt, sondern strukturell stark benachteiligt.”

Als die Busse der GEMA-Mitglieder dann einfuhren hat Motte, der die Berliner Rave-Kultur nach der Wende mitgeprägt hat, das Wort übernommen. Seine Rede richtete sich direkt an die Mitglieder, die er dann dazu aufforderte: “Stoppt die GEMA-Tarifreform”.
Alles ganz revolutionär, genau wie der Aufruf des Betreibers einer Karaokebar: “Sing together, fight the power.” Ob sich damit die GEMA erweichen lässt ist jedoch fragwürdig, denn jetzt fordert die GVL auch noch mehr Geld. Die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten übernimmt das Inkasso der GEMA und fordert nun 80 Prozent mehr Abgaben, die dann wahrscheinlich auf die ohnehin schwer zu schluckenden Tarife aufgeschlagen werden.

Man wurde gesehen und gehört, zumindest von den Anwohnern. Es war nämlich doch sehr laut, so laut sogar, dass zwischendurch ein wütender Anwohner auf die Bühne stürmte und das Mikrofon an sich riss. Dass die GEMA sich wieder an den Tisch setzt, kann man nur hoffen.

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