Im Test: microKORG XL
Eine schizophrene Sache, die Zweitversion zum Kultsynthie microKORG. Wer keinen Schampus mit Penny-Cola mag, sollte besser die Hände von ihm lassen.

Kaum ein Synthesizer hat in den vergangenen Jahren so viel ikonische Credits gesammelt wie der microKORG. Die putzige, kleine Kombination aus solider Klangsynthese mit einfacher Handhabung inklusive überzeugender Vocoder-Sektion hatte vor allem Liveacts und diversesten Bands sichtlich Spaß gemacht, was die wachsende Präsenz auf den Bühnen dieser Erde mehr als untermauerte. Wie soll man so was besser machen? Was ist nun XL am neuen Korg, wo gehört er hin und wer wird den größten Nutzen aus dieser Maschine ziehen? Der Versuch einer Ableitung.
von Ji-Hun Kim aus De:Bug 132
Unboxing
Der microKORG XL wurde vom Design her einem kompletten Relaunch unterzogen, wenig erinnert vom Äußeren an den Vorgänger. Wo dieser nämlich noch mit Holzseitenleisten die Referenzmarke Richtung Roland- oder Moog-Klassiker steuern wollte, scheint der XL vom Phänotyp einem ganz anderen Meilenstein gewidmet: dem Fender Rhodes. Schwarzes Plastik umrahmt die gebürstete Aluminiumfront, die mit insgesamt acht Potis auskommt, wo die beiden massiven Soundbank-Potis den Großteil einnehmen, da ist nichts mikro, selbst im dunkelsten Keller auf vier Promille sind die nicht zu verfehlen. Zwei Modulationsrädchen an der Seite sind obligatorisch, neben Volume und Tempo links können rechts Filter, Amp, Effekte und Arpeggios editiert werden. Hinzu kommen zwei Kippschalter. Einer für die Transposition und ein Timbre-Schalter. Der neue microKORG ist leicht, sehr leicht, klopft man auf der Oberfläche herum, klingt das Ganze extrem scheppernd und hohl, wie soll man da bloß das Gefühl bekommen, dass man es mit einem ernsthaften Tool zu tun hat? Doch nur wieder ein Gadget für pubertierende Electro-Clash-Bands? Kinderspielzeug? Die Verarbeitung lässt Schlimmes vermuten.
Connect
Der neue Korg ist u.a. als Stand-Alone konzipiert, das macht das Batteriefach deutlich, das mit sechs AA-Batterien gefüttert werden kann. Die 128 Presets bzw. Sounds, die zur Verfügung stehen, sind weit gefächert und lassen sich intuitiv modifizieren. Das MMT-Modeling, das aus anderen Korg-Produkten bekannt ist, gesellt sich zu Effekten aus dem Kaoss Pad 3. Die Vocoder-Sektion mit bis zu 16 Spuren kennt man vom Radias/R3. Ein kleiner speckiger Bastard also. Spannend wird das Soundschrauben mit dem Sound Editor am Computer. Per USB kann man so am Rechner alle möglichen Parameter komplex und kontrolliert bearbeiten und speichern.
Die Sounds – Das kleine Kraftwerk
Wieso auch diesmal die Soundbanks in Alleinunterhalter-Kategorien wie House/Disco, Rock/Pop oder Jazz/Fusion unterteilt sind, bleibt ein Rätsel. Zwar sollte man laut Synthese-Ideologen ohnehin nicht mit Presets arbeiten, dennoch kann eine gute Preset-Quelle auch inspirativ sein. Man hat hier wohl bewusst auf Konsens gesetzt und nicht auf sophisticated Sounddesign ab Werk. Setzt man sich mit den Oszillatoren und den Timbres aber erst mal auseinander, so tun sich jedoch bald erquickende Erfolgserlebnisse auf. Gerade im Zusammenhang mit dem legendären Vocoder lässt sich eine Menge machen. Kraftwerk und Power Disco winken mit dem Vorschlaghammer und in der Gesamtheit handelt es sich hierbei um ein durchaus mächtiges Soundtool. Unter der klapprigen Hülle steckt weitaus mehr, als man denken mag. Im Allgemeinen klingt der kleine Korg laut, direkt und präsent, nicht immer kann er aber mit warmer, ”analoger“ Deep-Grandesse aufwarten.
Und, wer bist du?
Genau, wer oder was bist du eigentlich, lieber microKORG XL? Die Korgbüchse ist schizophren, als würde Norman Bates in Malcolm mittendrin spielen, ein Toyota-Motor in einer Schwalbe rattern, Schampus mit Penny-Cola serviert werden. Einen konsistenten Eindruck erzeugt er nicht. Ohne Zweifel ist der neue Babyjapaner potent. Der Vocoder ist mehr als amtlich und im Vergleich zum Vorgänger wurde ein satter Sprung nach vorne gemacht, was die Möglichkeiten anbetrifft. So schwingt der XL zwischen Hello-Kitty-Synthie und Patch-Panzer wie ein zackiger Sägezahn. Für Ein- oder Aufsteiger durchaus die Variante schlechthin, für Minimalst-Livesetter ebenso, Keyboard-Alibi-Seitenscheitel in Indie-Bands steht er zur Lederjacke auch sehr gut. Das softwarebasierte Arbeiten überzeugt, macht in dem Kontext aber absurderweise die Hardware wieder gewissermaßen obsolet. Für ernsthaftes Arbeiten reicht die Mini-Tastatur weiterhin nicht aus, auch wenn diese wohl zu den Besten zählt, was im Moment zu haben ist. Das Prinzip Kult wurde hier weitestgehend ausgekostet. So lange Lambretta-Fahrer ihre Matten frisieren, hat die Ducati-Fraktion ihre Ruhe. Dabei könnte das Gerät so groß sein. Leider schenkt mir die trashige Verarbeitung bei dem Preis keinen Seelenfrieden. Auf die neue Synthesizer-Jugend! Der microKORG XL ist mit Sicherheit vorne dabei.
Preis: 490 Euro
Anschlüsse
Eingänge: 2 x Audio In (Eingang an der Rückseite, Line/MIC umschaltbar)
Ausgänge: L/Mono, R, Kopfhörer
MIDI: In/Out/Thru
USB
Auch gut:


