Nerd goes marchin' in



Auf der Berliner Oberbaumbrücke tauchte im Sommer ein Cyborg-Straßenmusiker auf, der per Ganzkörpersteuerung elektronische Livesets aus Loops und Filterimprovisationen zur Aufführung brachte. Passend zum Ort zwischen Kreuzberg und Friedrichshain schien die drahtige Gestalt einem endzeitlichen Mad-Max-Szenario entsprungen, knöpfchenstarrende, dreieckige Apparaturen aus schwarzem Karton an beide Hände geschnallt und ein Headset samt Mundstück auf dem Kopf, von dem ein dicker Kabelstrang zu einer auf den Rücken geschnallten Box führt.

Ganz offensichtlich war bei der Performance des Techno-Borgs zudem Gestensteuerung im Spiel und ein Laptop die Sound-Quelle – genug, um gründlich unsere Aufmerksamkeit zu wecken und der Erscheinung auf den Grund zu gehen: Woher kommt dieser Cyborg? Was sind das für Höllenmaschinen am Kopf und an den Händen? Und seit wann stellen Straßenmusiker ihren Laptop aufs Trottoir?

Wir nehmen vorsichtig Kontakt mit dem Cyborg auf, der sich als herzliche Person mit fragwürdigem Pseudonym entpuppt. Schnell werden wir uns handelseinig und verabreden einen Studiobesuch für die kommende Woche.

Mad Professor
An das Tempo eines Onyx Ashanti muss man sich erst mal gewöhnen. Mit unglaublicher Geschwindigkeit redet der US-Amerikaner über Ideen und Konzepte. Jeder Muskel seines Körpers scheint angespannt, aufgedreht wippt er auf seinem quietschenden Bürostuhl, dabei wirkt er mit seinem Iro und den Schaltkreis-Tattoos auf den Unterarmen wie die Cyperpunk-Inkarnation des verrückten Professors, zudem seine Einzimmerwohnung in einem altmodisch abgerockten Kreuzberger Hinterhaus wie die Werkstatt eines High-Tech-Bombenlegers wirkt:

In dem Raum drängen sich neben Bett, Sofa und Schreibtisch noch eine Hantelbank und Hobby-Keller-Bar, die inklusive 2-Liter-Flasche Asbach wie das Abziehbild eines 70er-Jahre-Klischees wirkt – nur dass dieser Spießertraum von Partyspaß als Werkstatt dient und sich auf dem Tresen Lötkolben, Einzelteile, Kabel, Platine, Skizzen und halbfertige Prototypen türmen.

Drexicyan Lullaby-Beatjazz Blip-OberbaumBruke-Berlin-april 28 2010 by onyxashanti

Während wir noch leicht ungläubig die Szenerie betrachten, erklärt der Hausherr das Konzept seines Controller-Systems, das auf den Namen Beatjazz hört: “Beat ist für mich das Synonym für Rhythmus-Loops aus der elektronischen Tanzmusik, der Jazz-Aspekt beschreibt eine Methodologie, die es ermöglicht, mit Akkord-Wechseln, verschiedenen Tempi und Motiv-Variationen immer wieder neue Geschichten zu erzählen.” Vereinfacht gesagt, will Onyx die Improvisations-Tradition des Jazz auf elektronische Sounds und Beats übersetzen, live per Bewegungssteuerung.

DIY-Sound-Terminator
Onyx hat die ersten Beatjazz-Entwürfe ganz traditionell mit Bleistift und Papier skizziert, dann folgten Spiralblöcke voller Schaltkreis-Pläne und schließlich eine strikt DIY-mäßige Realisierung mit Lötkolben, meterweise Kabel, Kartonboxen, Widerständen, Sensoren aller Couleur, Schaltern und Joysticks aus dem Elektronikversand. Am Ende hat sich unser Mad Scientist ein Headset auf den Kopf geschneidert, dessen Mundstück einen Druck-Sensor beherbergt, der via WiFi 8-Bit-Signale an eine Basisstation sendet, wo sie mit den Daten der Hand-Controller zusammenlaufen, für die wiederum das Saxofon Pate stand, weshalb es jeweils vier dynamische Drucksensoren gibt.

Dazu kommt jeweils ein Joystick, mit dem man per Daumen durch einzelne Sound-Bibliotheken flickern, Loops setzen, Effekte zuschalten oder den Bewegungssensoren einzelne Parameter zuweisen kann – von denen sich je einer in den Hand-Apparaturen findet. So werden die Handbewegungen dreidimensional erfasst, wobei jeder Achse bestimmte Parameter zugeordnet werden können: während die Y-Achse der linken Hand beispielsweise Post-Effekte steuert, kümmert sich die X-Achse um alles was davor passiert. Eine Reihe farbiger LEDs signalisiert derweil die Funktions- und Modiwechsel und soll die Performance nachvollziehbar machen.

Derweil laufen die Daten von der Basisstation in den Laptop, wo die Entwicklungsumgebung PureData die Parameter sortiert und für Native Instruments‘ Sound- und Effekt-Software aufbereitet. Herzstück der Hardware ist unterdessen ein Arduino-Board, mit dem sich die analoge und digitale Welt vergleichsweise einfach verschränken lassen. Arduinos Open-Source-Status ermöglicht Beatjazz nicht nur technisch.

Die Community diente auch als Motor und Ideen-Katalysator für das gesamte Projekt: “Beatjazz ist insgesamt vom Arduino-Universum inspiriert: den Terabytes an Tutorials, den verschiedene Foren und vor allem den unzähligen Leuten, die gewillt sind, dir zu helfen. Nicht dass ich das alles ohne Arduino nicht gebastelt hätte, aber es wäre viel schwieriger, aufwendiger und teurer gewesen.”

Marching-Band-Spektakel
Wie zur Hölle kommt man aber überhaupt auf die Idee, eine solche Sound-Höllenmaschine zu bauen? So abseitig Beatjazz als Controller-Konzept zunächst anmuten mag, scheint es vor dem Hintergrund von Onyx’ Biografie ziemlich logisch, fast schon zwingend: Aufgewachsen im Süden der USA, schlagen zwei Herzen in seiner Brust: “Als Kind wollte ich entweder Musiker oder Ingenieur werden. Ich ging damals zwar auf all diese Wissenschaftsmessen, aber dann wurden irgendwann Mädchen interessant und ich dachte mir, vielleicht sollte ich lieber Musik machen und habe schließlich angefangen Querflöte zu spielen.

Als sich die Pubertät so richtig bemerkbar machte, bin ich aufs Saxofon umgestiegen.” Die klassische Macker-Mucker-Nummer also. Football spielt Onyx nicht, stattdessen bläst er am Wochenende mit seiner Marching Band dem Publikum in der Halbzeit-Pause Classic-Rock-Cover um die Ohren und bekommt dafür sogar ein Stipendium an der Grambling State University.

Marching Band also – nicht gerade unähnlich zu dem, was der Herr heute macht. Ein Orchester von 20 bis 500 Musikern bewegt sich synchron zur Musik in Formationen – Bewegung und Musik als Gesamtkunstwerk also. Besonders im Süden der USA ist die Wichtigkeit dieses Spektakels kaum zu unterschätzen: “Wenn die Leute dort zu einem Football-Match gehen, dann wegen der Halbzeit-Shows.

Das Spiel ist eigentlich nur Beiwerk für die Marching Band.” Trotzdem wächst Ashanti irgendwann aus dem Kostüm des Halbzeit-Clowns heraus und wendet sich frustriert von der Musik ab. Er verkauft sogar sein heiliges Instrument und jobbt stattdessen in einem Candy Shop in Atlanta. “Dort sah ich eines Tages einen Typen, der mit Straßenmusik während meiner Mittagspause mehr Geld machte, als ich am ganzen Tag. Da dachte ich, ich sollte meine Vorurteile gegenüber Straßenmusik noch einmal gründlich überdenken.

Solar Flares-Onyx Ashanti Beatjazz Blip by onyxashanti

MIDI Wind Controller
In einem Leihaus fällt Onyx etwas später ein Yamaha WX7 in die Hände, “so etwas, wie ein elektronisches Saxofon oder eine dünne Klarinette”. Ein eher obskures Gerät, das den merkwürdig verschwurbelten Untertitel “MIDI Wind Controller” trägt und seinem Besitzer heute selbst ein bisschen rätselhaft erscheint: “Auf einmal war da dieses Teil und alles war digital.

Es war als würde man einen sehr billigen FM-Synthesizer spielen. 1987 wäre das Teil noch ziemlich futuristisch gewesen aber selbst 1992 war das schon vollkommen daneben.” Aber ohne die Möglichkeiten und Grenzen des Yamaha-Plastik-Gadgets wäre Onyx wohl weitaus später auf den Trichter gekommen, dass man das Zusammenspiel von Bewegung und Klangerzeugung noch wesentlich weiter treiben kann.

Heute steht Onyx an U-Bahn-Stationen, unter Brücken oder in Fußgängerzonen und spielt Sounds, die im weitesten Sinne als Techno zu klassifizieren sind. Gegenüber all den klampfenden, Blockflöte spielenden Traditionalisten hebt er sich mit seinem fiepsenden SciFi-Geschirr natürlich ab, aber um das Exoten-Label geht es Onyx dabei nicht: “Mit all meinen Basteleien und der ganzen Beatjazz-Sache wollte ich etwas schaffen, das nicht nur ich bauen konnte, sondern mit dem ich andere Leute davon überzeugen kann es nachzubauen.

Das ist sehr wichtig für mich, weil ich dieses Solo-Weirdo-Ding lange genug durchgezogen habe.” Beatjazz ist daher natürlich Open Source und Onyx’ größter Traum ist es, dass irgendein Kiddo am Quellcode rumfummelt und am Ende eine noch krassere Version zusammenlötet und damit seinen “Meister” an die Wand spielt.

Hirnwellen-Feedback
Bis dahin dürfte dieser allerdings schon wieder in komplett anderen Sphären unterwegs sein. Zum Abschluss unseres Gesprächs holt der verrückte Professor nämlich die wirklich großen Ideen-Kaliber aus weiteren Spiralblöcken hervor. Momentan arbeitet Onyx an einer Augmented-Reality-Brille, mit der es endgültig synästhetisch zur Sache gehen soll.

Dazu tüftelt Onyx an Plänen für einen Carbonhelm, der an einen Afro erinnert und nicht nur ein weiterer Controller sein soll, sondern mit Elektroden auf der Kopfhaut bestimmte Hirnregionen triggern und dadurch Emotionen erzeugen soll. So entsteht im besten Fall ein geschlossener Psycho-Kreislauf, in dem Sound-Produktion und dessen Rezeption, Bewegung mit Bild und Ton und am Ende alles mit allem verschmilzt.

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