Mouse On Mars und Múm lieben sie, unserem Autor wurde sie in Köln bei einem Gig gestohlen: Die Crackle Box vom Amsterdamer Steim-Institut träumt sich in die Frühphase der Synthesizer zurück, als die Klaviatur als Standard-Interface noch Zukunftsmusik war. Dass der Oszillator der Crackle Box nicht stimmstabil ist, freut alle Digital-Gelangweilten ungemein.
von Andreas Otto

Dass ein Synthesizer nicht unbedingt durch eine Tastatur gespielt werden muss, sondern auch auf Midi- und Triggerdaten von woher auch immer hören kann, ist nichts Neues. Aber die Klaviatur abzuschrauben und mit den bloßen Fingern auf die Kontakte zu packen, ist eine Triggertechnik, die mal etwas frischer rüberkommt. Nicht nur weil es “so schön in den Fingern kribbelt“ (Michel Waisvisz), sondern auch speziell und definitiv nicht wohltemperiert klingt. Eher cracklig. Am STEIM in Amsterdam, wo seit über 40 Jahren an der Bühnentauglichkeit elektronischer Livemusik gearbeitet wird, schraubte der eben zitierte Waisvisz schon in den 70ern seine ersten Synthies auseinander, um ihre Schaltungen per Handgriff in die Eingeweide zum Klingen zu bringen. Schließlich baute er den “Crackle Synth” und die kompakte “Crackle Box”, die ersten Synthies mit begrabschbarer Oberfläche als einladende Schnittstelle. Die Kontakte liegen nicht im Gehäuse, sondern außen auf dem Instrument und produzieren bei Fingerdruck komplexe Sounds, die gerne nach kaputtem Radio klingen, je nach Druck- und Positionsvariation aber auch alle Vögel zwischen Rotkehlchen und Basstölpel imitieren können. Die Instabilität der Spannungskreise, ein sonst unerwünschtes Phänomen, das zugunsten der Stimmsicherheit in Klangerzeugern vermieden wird, dient hier als erklärtes Grundprinzip.

Oszillator in Zigarrenkiste
Das Instrument im Gehäuse einer Zigarrenkiste besteht aus sechs Kontakten, einer Batterie, einem Oszillator mit eingebautem Lautsprecher und einem Schalter, der das Gerät anschaltet. Der Lautsprecher selbst ist für den Quäk-Faktor im Sound verantwortlich, deswegen macht es auch Sinn, dass es keinen Klinken-Output an Bord hat. Wer live auf der Bühne cracklen will, braucht halt ein Mikrofon. Improvisieren lässt sich mit dem Instrument sehr gut, davon kann man sich zum Beispiel bei aktuellen Múm- oder Mouse-On-Mars-Shows überzeugen.
Die neue Liebe zu analogen Geräten und ihren Fehlern, Spontanitäten und Unvorhersehbarkeiten, die das “Glitch“ nennt, was die “Crackle Box” so von sich gibt, lässt das Gerät 30 Jahre nach seinem Debut heute im Relaunch wieder aufkommen und wird sicher neue Fans wie Virtuosen finden. Rund 500 Stück baute das STEIM 2003 nach. Der Reiz der “Crackle Box” liegt einerseits in ihrem Retro-Charme, andererseits in ihrer Aktualität, was die Frage nach Bedienungsoberflächen für Musikinstrumente angeht. Seit die Synthesizer nicht nur digital wurden, sondern sich auch in der Software auflösten, ist das Interface zum Musizieren immer häufiger die Maus / Tastatur oder ein Midi-Controller. So könnte man die “Crackle Box” auch als Großvater des Touch-Pads verstehen, quäkend grüßend aus den analogen 70ern. Ein minimales, simples und intuitives Interface. Interessant wäre sicher, wenn die Oberfläche nicht nur den eigenen Crackle-Oszillator bedienen würde, sondern auch Midi-Daten ausgeben könnte, um andere Geräte zu steuern.

Steim Cracklebox
Original Cracklebox

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