Zurück in die Zeit, als Presets noch nicht erfunden waren. Kabel stecken und Sounds austüfteln ist beim Cwejman die Devise. Benjamin Weiss hat gepatcht.

cw_s1a.jpg

Der polnische Entwickler Wowa Cwejman baut schon seit den frühen Siebzigern analoge Synths und hat die erste Version des S1 bereits 2003 vorgestellt. Der S1 ist ein halbmodularer monophoner Analogsynthesizer in Rackbauweise, der auf ein aufwendiges Äußeres verzichtet und stattdessen so aussieht wie das, was er ist: eine präzise Maschine mit vielen Knöpfen und Buchsen ohne Schnörkel.

von Nerk aka Benjamin Weiss aus De:Bug 113

Übersicht
Der Cwejman S1 MK2 nun steckt in einem 5HE-Rack-Gehäuse, das relativ unspektakulär aussieht, mal abgesehen von den sage und schreibe 65 Patchbuchsen im Miniklinkenformat. Die Zutaten sind auf den ersten Blick eher klassischer Natur: drei Oszillatoren, zwei Filter, ein VCA, ein LFO und zwei Hüllkurven. Zusätzlich zu den allesamt als Miniklinken ausgeführten Buchsen für die Steuersignale und externen Audioinputs gibt es auch ein Midi-Trio, das als Midi-CV-Gate-Interface ausgelegt ist. Der Audioausgang ist sowohl als große Klinke als auch als symmetrischer XLR-Stecker ausgeführt.

cw_s1b.jpg

Oszillatoren
Drei Oszillatoren bieten jeweils die üppige Auswahl von sieben verschiedenen Wellenformen. Pro Oszillator kann man die Pulsbreite separat einstellen und die Oszillatoren zwei und drei lassen sich bei Bedarf zueinander synchronisieren. Oszillator eins kann auch als zusätzlicher LFO genutzt werden, dazu kommen noch ein Ringmodulator und ein Rauschgenerator. Für jeden Oszillator gibt es noch die Möglichkeit einer zumischbaren Frequenzmodulation, die vom LFO oder einem der Oszillatoren kommen kann.

Filter
Die Filtersektion besteht aus einem Tiefpass- und einem Multimodefilter, denen der Sound zur Bearbeitung über zwei Drehregler zugeführt wird. Im Tiefpassfilter stehen drei verschiedene Filtermodi bereit: ein 4-Pol, ein 6-Pol und ein kombinierter Bandpass aus 4-poligem Tiefpass und einem Bandpass. Der Multimodefilter bietet 2, 4 oder 6 Pole und kann als Hoch-, Tief- oder Bandpass geschaltet werden. Im Ausgang der Filtersektion lassen sich die Signale der beiden Filter noch mal miteinander mischen. Wer will, kann die Filter natürlich auch per Patchkabel hintereinander schalten, wodurch sich ein Filter mit bis zu 72 dB Flankensteilheit realisieren lässt.

Modulation
Der erste Oszillator kann bei Bedarf auch als LFO genutzt werden. Der LFO selbst kommt mit sieben Wellenformen und kann mit seinen Ein- und Ausgängen alles steuern, was entsprechende Eingänge bietet. Die zwei Hüllkurven, die sehr schnell, aber auch extrem langsam gestellt werden können, lassen sich wahlweise linear oder algorithmisch skalieren und auch invertieren, darüber hinaus natürlich auch an vielen Punkten abgreifen.
Im Nebenberuf ist der Cwejman natürlich auch ein Effektgerät, denn an diversesten Stellen lassen sich Audiosignale einschliefen.

Bedienung
Das Patchen komplexer Sounds ist immer auch eine Denksportaufgabe, aber durch die farbliche Kennzeichnung der Buchsen (alles, was etwas rausschickt, hat eine rote Buchse) kann man auch gut intuitiv mit dem Cwejman arbeiten, ohne sich allzu viel Gedanken machen zu müssen. Übersichtlich bleibt er aber auch durch seine klare Aufteilung der Bedienoberfläche, problemlos kann man immer alles im Blick behalten. Auch die Parametrisierung der Drehregler ist in den allermeisten Fällen genau richtig, so dass sich einmal Gepatchtes und Eingestelltes, vorausgesetzt man hat es richtig in die mitgelieferten Sheets eingetragen oder (schneller und präziser) mit der Digitalkamera fotografiert, problemlos wiederherstellen lässt.

Sound
Erwartungsgemäß ist der Cwejman S1 MK2 ein Soundmonster, das eine beinahe unendlich große Bandbreite an Sounds liefert. Der Ansatz, keinem analogen Vorbild nachäffen zu wollen, resultiert in einem sehr eigenen, charaktervollen Sound, der von ultrahart und schneidend-metallisch über perkussiv (hier machen sich die schnellen Hüllkurven bemerkbar) bis hin zu vollen Bässen geht, die zuweilen auch Erdbebencharakter annehmen können. Die sehr gut klingenden Filter und eine Distortionstufe im Ausgang runden das Ganze ab.

Fazit
Der Cwejman S1 MK2 ist der Rolls Royce unter den monophonen Analogsynthesizern, was sich natürlich auch in einem satten Preis äußert. Die Fülle der Möglichkeiten ist überwältigend und das auch schon ohne die Einbindung anderer Synthesizer über die vielen möglichen Abgriffe. Die Kombination mit einem MS-20, anderen Synths oder externen Klangquellen eröffnet dann ein weiteres Sounduniversum. Ein bisschen über analoge Synthese sollte man aber schon Bescheid wissen, da man jeden Sound erst mal von Hand selbst einstellen und patchen muss, anders als andere Hersteller liefert Cwejman nämlich auch im gut und verständlich geschriebenen Handbuch keinerlei Patches, anhand derer man sich orientieren könnte.
Unspektakulär von außen, aber sehr vielseitig und durchaus süchtig machend in der Benutzung, vor allem für Fans modularer Klangerzeugung.
Mir fiel es jedenfalls extrem schwer, das gute Stück wieder herzugeben.

Übrigens: Wowa Cwejman stellt am 6. Juli in Schneiders Büro in Berlin sämtliche seiner Geräte in einem Workshop vor, Interessenten sollten sich über die Webseite anmelden!

Preis. 2758,- Euro

Cwejman
Schneiders Büro (deutscher Vertrieb)

[ratings]

7 Responses

  1. dr-w

    das teil klingt so BRRRRRRRRRREEEEEEEEEEEEEEEEETTTTTTTT!!!!!!
    wenn man doch nur mehr kleingeld haett….
    :S

    Reply
  2. automake

    Cwejman kommt aus Schweden. Wowa selbst ist Pole

    Reply
  3. elias

    ohne frage, dass ist echt ne gift-kiste.

    aber, kann jemand etwas über die midi-implementation beim s1 mk2 schreiben?

    Reply

Leave a Reply