Eric Schneider hat die größte Sammlung elektronischer Kindermusikinstrumente weltweit

Eric Schneider sammelt elektrische Kindermusikinstrumente. Aus dieser Passion sind nun eine Samplebank, ein Buch und mehrere große Austellungen gewachsen. Wir haben ihn besucht.

von Leon Krenz aus De:Bug 145

Weihnachten 1980. Die Familie Connor sitzt in Lincoln, Nebraska um den Tannenbaum, Pakete werden geöffnet. Eine kleine elektronische Spielzeuggitarre hat ihren Platz unter den Christbaum gefunden: Sie wird mit gierigen Fingern ausgepackt, die sich sofort daran machen, fieberhaft in die Saite zu hauen. Auf die verstörenden Klänge der Mattel Starmaker Guitar folgen die schmerzverzerrten Gesichter der Eltern und blanker Hass auf die Verwandten, die dieses Geschenk verbrochen haben. Die Gitarre kommt zurück in die Packung und ab in den Schrank. Dort verfällt sie in einen Dornröschenschlaf und sammelt einiges an Staub an. So oder so ähnlich wird es sich abgespielt haben.

Dass aber nun 30 Jahre später und 7440 Kilometer entfernt in Köln-Nippes ein 40-jähriger Kommunikationsdesigner eben dieses Weihnachtsgeschenk wieder wach küssen und auf seinem Sofa verzückt dronige Flächen damit im Raum erklingen lassen würde – das hätte sich sicher keiner der nordamerikanischen Durchschnittsfamilie an dem geschenkreichen Weihnachtstag träumen lassen.

Dieser erwachsene Mann mit einer ausgeprägten Sammelleidenschaft und der größten Sammlung elektronischer Kindermusikinstrumente weltweit ist Eric Schneider. In einer kleinen Ecke seiner Wohnung in einem Nippeser Mehrfamilienhaus stehen zwei Stahlregale, in denen ca. 270 bunte Kartons ordentlich einsortiert ruhen. Die Sammlung umfasst Klassiker wie das Stylophone, das Casio VL-1 Keyboard und den SpeakandSpell-Lerncomputer von Texas Instruments, aber auch echte Raritäten und noch nie Gesehenes. Die Pappkartons dieser Schmuckstücke tragen oft japanische Schriftzüge, sind pastellfarben und mit Fotos von lachenden kleinen Kindern bedruckt. Eins haben sie alle gemeinsam: Von der Front jeder Verpackung prangert ein Bild des im Karton verborgenen Musikinstruments. Es ist das Objekt der Begierde. Die Sehnsüchte wahrscheinlich tausender Kinder hingen an jeder einzelnen dieser Hüllen. Langes Warten bis zum Geburtstag oder zum bereits erwähnten Weihnachtsfest wurde zur Feuerprobe. Auch Eric Schneider musste oft sehr lange auf einzelne Objekte warten. Das Sammeln hat bei ihm mit Handhelds angefangen, kleinen Spielcomputern, Vorläufern des Game Boys. Dieses Sammelgebiet war ihm aber zu umfangreich und die Geräte einfach zu teuer.

Eric Schneider erklärt, wie er dann zu den Instrumenten kam: “Das Sammelgebiet war sehr ähnlich, deswegen bin ich immer wieder über elektronische Musikinstrumente für Kinder gestolpert. Die Casio VL-1 habe ich mir dann mal gekauft und danach eine Bee Gees Rhythm Machine, weil die auch ziemlich oft auftauchte. Dann fiel mir ein, dass ich als Kind selber mal eine kleine Orgel hatte, die Lite’n Learn von der Firma Concept 2000 bekam ich Weihnachten 1980 geschenkt. Da dachte ich, es wäre toll, das Ding noch einmal zu finden. Denn wenn man schon einmal in so einem Sammelrausch ist, dann ist es eine extra Herausforderung, nach einem bestimmten Objekt zu suchen.” Und während Eric Schneider die Sammlung der Handheld-Spielcomputer auflöste, begann er, immer neue Kinderinstrumente zu kaufen: ein fließender Übergang. Immer auf der Suche nach der Orgel seiner Kindheit, stolperte er wieder über neue interessante Objekte.

Dabei spielte seine Arbeit als Kommunikationsdesigner sicherlich auch eine große Rolle: “Ich hätte sicherlich nicht so eine starke Affinität zu solchen Dingen, wenn ich nicht vom Visuellen her kommen würde. Mich hat an der Sammlung oft das Ästhetische angesprochen, also die Formen der Geräte und ihrer Verpackungen. Aber vor allem auch die Konzepte, die hinter den einzelnen Produkten stehen – die Lernideen beispielsweise.” Aber auch die Tatsache, dass die Kinderinstrumente für Mädchen genauso wie für Jungen gedacht sind, findet Schneider sehr interessant. Auf manchen Verpackungen singen die Jungen und die Mädchen spielen die Instrumente. Auf anderen werden die Rollen dann wieder getauscht, Unisex eben. “Als Kommunikationsdesigner ist man solchen Blickwinkeln wahrscheinlich näher als wenn man so etwas aus purer Nostalgie sammeln würde. Es ist bei mir zwar auch irgendwie ein Sammeltick, aber mir geht es weniger um Vollständigkeit, als einfach um das Interesse, was es da noch für verschiedene Ideen und damit verbundene merkwürdige Geräte gibt”, erzählt Schneider.

Plastik-Nostalgie
Ein kleines bisschen Nostalgie kann sich der Sammler dann aber doch nicht verkneifen: “Man könnte schon sagen, dass jedes Gerät für sich eine Art von Aura hat. Das kommt daher, dass manchmal noch alte Zettel oder Notizen mit im Karton liegen, zum Beispiel von Kinderhand in die Anleitung geschrieben: “Christmas 1980″. Man bekommt mit jedem Gerät also auch immer eine kleine Geschichte mitgeliefert. Die Geräte haben ja teilweise über 20 Jahre im Schrank rumgelegen, bis sie dann verkauft wurden. Das ist dann doch ein kleiner Nostalgiefaktor. Gleichzeitig hat jedes Gerät aber auch immer seinen ganz eigenen Charakter und Charme. Manche erscheinen sehr traurig, weil sie so grauenhaft klingen, andere sind sehr aggressiv – die scheppern nur laut – und wieder andere sind einfach von der Gesamtkonzeption sehr interessant und außergewöhnlich. Mir stellt sich dann immer die Frage, wie Designer überhaupt auf die Idee kamen, so etwas zu entwickeln.”

So umfasst seine Sammlung Bausätze für kleine Heimorgeln und Mini-Synthesizer, schweinsfarbene skateboardförmige Tasteninstrumente und schrille Kleinstkeyboards in Zitronenform, mannigfaltige Sampler, Looper und Rhythmusmaschinen mit dumpfen, verzerrten und rasselnden Klängen. Die Preise für die Geräte reichen von 1 bis 400 Euro. Sie stammen aus den unterschiedlichsten Ländern: Die meisten kommen aus Nordamerika, gefolgt von Hongkong, Deutschland, England, Japan, Korea, Taiwan, Mexiko und der ehemaligen Sowjetunion. Sie kommen aber auch aus ganz verschiedenen Epochen. Das älteste Gerät ist aus den Fünfzigern und das neueste aus den frühen Neunzigern des 20. Jahrhunderts. Dabei sind die seltensten Musikinstrumente auch meistens die mit den ehemals schlechtesten Verkaufszahlen.

“Ab 1991 gibt es, was die elektronischen Musikinstrumente angeht, eigentlich nur noch Trash und Schrottkeyboards mit Standardsounds”

Die 90er Jahre sind für Eric Schneider die Sammelgrenze: “Ab 1991 gibt es, was die elektronischen Musikinstrumente angeht, eigentlich nur noch Trash und Schrottkeyboards mit Standardsounds, die haben mich dann nicht mehr interessiert. Außerdem fing für mich ab da auch das Design an, uninteressant zu werden. In der Gesamtheit nicht mehr liebevoll genug, da fehlt mir irgendwie die Innovationsfreude. Das hatte man eher in den späten 70er und frühen 80er Jahren, als die ersten Microchips entwickelt wurden, die integrierten die Entwickler direkt in die Spielzeuginstrumente. Da hat man gesehen, die hatten wirklich Lust darauf, merkwürdige Geräte zu entwickeln. Diese Ansätze sind dann später wieder total abhanden gekommen.” Anfangs suchte Schneider ausschließlich über eBay nach Instrumenten, das begann im Jahr 2000. Nach dem Start seiner eigenen Homepage 2004 – auf der er auch Teile seiner Sammlung mit Klangbeispielen präsentiert – bekam er dann auch private Angebote. Die Concept-2000-Orgel seiner Kindheit fand er dann eines Tages endlich, da war es aber längst zu spät, um mit dem Sammeln wieder aufzuhören.

Der große Durchbruch entwickelte sich, als Schneider zufällig den japanischen Heimorgel-Fan Hiromichi Oohashi über eine nordamerikanische eBay-Auktion kennenlernte: Man bot auf das selbe Instrument, schrieb sich danach an, und so entstand eine bereits seit sechs Jahren andauernde Freundschaft. Oohashi ist ebenfalls Designer, er wohnt in Tokio und sammelt deutsche Selbstbau-Synthesizer und Heimorgeln der Marken Dr. Böhm und Wersi, die nicht selten Schrankwandformat haben. Zwar haben sich die beiden noch nie getroffen, aber das Sammlerinteresse schmiedete eine sympathische Brieffreundschaft. Eric Schneider erzählt, wie das Ganze funktioniert hat: “Da es in Japan kein eBay gibt, ersteigerte er für mich auf Yahoo-Auktionen in Japan. Ich habe die Musikinstrumente, da ich kein Japanisch verstehe, über die Bildergalerie ausgewählt. Er hat mir dann immer halbjährlich einen großen Karton mit japanischen Spielzeugraritäten nach Deutschland geschickt. Ich habe ihm im Gegenzug gigantische Geräte in Deutschland ersteigert und nach Japan gesendet. Allein der Versand hat da schon ein kleines Vermögen gekostet. Zwischen uns besteht schon eine außergewöhnliche Art der Geistesverwandtschaft.”

Dass gerade Japan das Ursprungsland vieler besonders verrückter, elektrischer Kinderinstrumente ist, stellt für Schneider keinen Zufall dar: “Ich habe das Gefühl, dass Japaner in ihrer ganzen Ästhetik sehr verspielt sind. Diese Verspieltheit übertragen sie dann auch auf die Kinderinstrumente. Die Eleconga von Nintendo zum Beispiel ist ein Experiment für sich, da wurde einfach viel ausprobiert. Ein weiterer Grund ist die japanische Karaoke-Kultur. Es gibt viele Geräte in meiner Sammlung, die genau darauf ausgerichtet sind: eben Karaoke zu singen. Diese Geräte sind dann meist Orgeln und Spielzeuge, die ein Mikrofon eingebaut haben.”

Eric Schneider hat seine Instrumente bereits in mehreren Städten ausgestellt. Unter anderem in Paris im Musée des Arts décoratifs, einem Teil des Louvre, in dem extra eine Ausstellung für Kindermusikinstrumente eingerichtet ist. Durch seine Internet-Präsenz und die Ausstellungen sind auch Verleger auf ihn aufmerksam geworden. Anfang des Jahres brachte der New Yorker Mark-Batty-Verlag ein Buch mit Fotografien seiner Musikinstrumente heraus.

Aber auch Produzenten von Musiksoftware interessieren sich für Schneiders Kinderplattenspieler, Voice Changer und sprechende Taschenrechner. Erst steuerte er ein paar Sounds zu Native Instruments’ Kontakt 3 bei. Dann meldete sich Alain Etchart, Inhaber der französischen Firma Univers Sons, die unter anderem Software-Sample-Banken produziert. Kurzerhand wurden knapp 100 Instrumente aus Schneiders Sammlung nach Paris gebracht, um ihnen in einem Tonstudio zwei Monate lang den kleinsten Bleep, das winzigste Zischen und den noch so ungewöhnlichsten Loop zu entlocken. Der direkte Vergleich mit den Originalen in Schneiders Kölner Wohnung zeigt: Die Toningenieure und Sound-Designer bei Univers Sons haben ganze Arbeit geleistet. Der Klang aus der Software-Büchse kann gut mit den Originalen mithalten. So kann mit 97 Spielzeuginstrumenten geklimpert werden, als würde man jedes einzelne selbst in den Händen halten. Seine Sammlung ist also, auch wenn nur zu einem knappen Drittel, als Software für die Nachwelt in Nullen und Einsen gebannt.

Damit ist für Eric Schneider die Sammlerei dann aber auch abgeschlossen. Die Tage des Herumtreibens in japanischen Auktionsbörsen gehören der Vergangenheit an. Er hat endgültig aufgehört zu suchen und seine Sammlung ist damit vollständig : “Ein großer Traum wurde mir mit den Ausstellungen, dem Buch und der Software erfüllt, was soll ich da noch weiter sammeln”, fasst Schneider abschließend zusammen. Nur noch ab und an wird er in Zukunft eine seiner drei Mattel Starmaker Guitars aus der bunten Verpackung nehmen, sich auf sein Sofa setzen und dem dröhnend oszillierendem Klang des Jahrzehnte alten Microchips lauschen.

Eric Schneiders Homepage

Weitere Informationen zum Buch Toy Instruments

Infos zur Samplebank Software Electric Toy Museum

Soundbeispiele:

Funny Toys

Funky Toys

Loopy Toys

8 Responses

  1. kindgerecht « E-BEATS

    […] In der aktuellen De:Bug (145) gibt es einen schönen Artikel über Eric Schneider und dessen Sammelleidenschaft für Spielzeuginstrumente. Ich bestelle mir […]

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  2. Himsen simsen

    Das ist schön irre. Wir brauchen mehr solche Leute!

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  3. Leon Krenz

    Da gibt es noch viel viel mehr Enthusiasten…..keine Sorge. Falls sich Jemand outen möchte – ich nehme Anregungen gerne entgegen.

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  4. ugufugu

    bischen teuer is das aber schon.. sonst hätt ich da sofort zugeschlagen!

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