Friedemann Becker von Native Instruments ist seit Jahren an der Entwicklung von Traktor maßgeblich beteiligt. Über die neue Pro-Version haben wir mit ihm gesprochen.

friedemann01Foto: Andreas Chudowski

von Thaddeus Herrmann aus De:Bug 128

Alles neu, alles besser

Debug: Ihr geht mit dem Slogan “DJs are so overrated” an den Start für die neue Traktor-Version. Ist “Traktor Pro” wirklich die definitive Demokratisierung des Musikauflegens oder einfach die Erzwingung eines neuen Quasi-Standards?

Friedemann Becker: Das ist natürlich ganz stark humoristisch. Traktor ist ein Tool, ein Instrument, und jedes Tool muss beherrscht werden. Das ist ein Lernprozess. Traktor ist nicht der einfache Einstieg ins DJing, es ist die Reaktion auf die zunehmende Digitalisierung des Auflegens. Dass es die gibt, ist eine Tatsache. Es geht uns vielmehr um Standards. Das heißt: Wir wollen die User da abholen, wo sie sich bereits ohne Traktor wohlgefühlt haben. Beispiel: Die Pioneer-CDJs. Man muss sich für Traktor Pro nicht umgewöhnen, sondern kann einfach weitermachen. Weil Traktor die Arbeitsweise dieser CD-Player aufnimmt. Dasselbe gilt für die Vinyl-DJs. Es geht vor allem um Integration alter Arbeitsweisen in ein neues System. Optimierung des Workflows. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass jeder, der sich Traktor kauft, sofort ein Profi-DJ ist.

Debug: Die neue Version trägt das Kürzel “Pro” im Namen. Das ist eine klare Neuorientierung.

Friedemann Becker: Es hat sich im letzten Jahr wahnsinnig viel getan bei Traktor. Seit wir die Vinyl-Variante auf den Markt gebracht haben, gibt es eine ganz neue Aufmerksamkeit, Traktor wird viel ernster genommen, gerade von DJs, die schon lange dabei sind und mit dem Auflegen ihr Geld verdienen. Die Bedürfnisse dieser Profis standen bei der Entwicklung der neuen Version im Mittelpunkt. Das heißt nicht, dass nicht auch Hobby-DJs die neue Version benutzen können, im Gegenteil. Aber Traktor ist erwachsen geworden und wird von Profis verwendet, deshalb das “Pro” im Namen und eine radikale Optimierung des Workflows.

Debug: Worauf kam es dir persönlich bei der neuen Version an?

Friedemann Becker: Konvergenz. Traktor hat im Laufe der Jahre und Versionen immer mehr Features bekommen und wurde dadurch auch immer unübersichtlicher. Das hat sich vor allem im Workflow widergespiegelt. Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht rauszufinden, wie man die Funktionen am besten verortet, wo welcher Knopf am sinnvollsten ist, welche Features sofort und immer direkt zugänglich sein müssen. Der andere Schwerpunkt waren die Controller. Die Bedienung von Traktor durch MIDI-Controller ist nach wie vor auf dem Vormarsch und diese User standen bei der neuen Version im Mittelpunkt.

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Debug: Dann bleiben wir doch gleich beim Thema MIDI. Da gibt es radikale Veränderungen, die unter anderem auch dazu führen, dass die Controller-Belegungen nicht mehr mit der neuen Version kompatibel sind …

Friedemann Becker: Bei Traktor 3 hatten wir hier intern den Begriff “Controller-Zoo”, damit meine ich die intern belegbaren Controller, also zum Beispiel die Lautstärke eines Decks. Diese Controller waren mit der Zeit immer mehr geworden und dadurch nicht mehr wirklich in jeder Situation nachvollziehbar. Das wurde jetzt geordnet, wir haben aufgeräumt und geclustered. Ganz wichtig: Wir haben auch vereinheitlicht. Stell dir fünf MIDI-Controller mit Jogwheel vor. Du kannst dir sicher sein, dass alle Jogwheels eine andere Range haben, unterschiedliche Auflösungen. Das haben wir jetzt alles intern angeglichen und gleichzeitig noch mehr Controller integriert. Wir liefern jetzt Presets für die 20 beliebtesten Controller mit, damit sind wir erst mal auf der sicheren Seite. Leider heißt das auch, dass die Controller, die von uns nicht gleich mit einem Preset bedacht wurden, jetzt vom User neu gemappt werden müssen. Im Beta-Test haben wir aber schnell gemerkt, dass die Benutzer damit durchaus einverstanden sind. Die neuen Möglichkeiten wiegen schwerer als die Arbeit des neuen Mappings.

Debug: Traktor ist Software-seitig zwar eine Art Quasi-Standard, auf der Hardware-Seite sieht das ja aber ganz anders aus, das hast du selber gerade beschrieben. Im Club und auf der Bühne führt das zu Irritationen, weil die alte Weisheit: Aha, da kommt ein DJ, der braucht zwei Technics, einfach nicht mehr gilt.

Friedemann Becker: Stimmt. Es liegt uns aber fern zu sagen: So und so hat es zu funktionieren. Wir wollen keinen Standard festlegen. Mit welcher Hardware man arbeitet, ob man nur auflegt oder aber DJ- und eigenes Live-Set mischt … das kann man nicht vorhersagen. Diese Grenzen lösen sich sowieso immer mehr auf. Wir wollen einfach ausreichend Schnittstellen anbieten, damit jeder mit Traktor so kreativ sein kann, wie er es will. Es geht um die Unterstützung von Kreativität und Individualität und nicht um den Native-Instruments-Standard.

Debug: Schauen wir uns die neue Benutzeroberfläche an …

Friedemann Becker: Das Deck steht nach wie vor im Vordergrund. Es ist also keine neue Eingewöhnung nötig. Die Detail-Sektion war in Traktor 3 aber eine große Baustelle, da haben wir vieles geändert. In der alten Version war das der Auffang-Pool für alle Zusatzfunktionen für alle Decks. Das hatte Folgen, wir mussten zum Beispiel mit bestimmten Farben für bestimmte Decks arbeiten, um die Zuordnungen klar zu machen. Nicht ideal im Club. Jetzt sind alle Deck-Funktionen wieder im jeweiligen Deck, in einem ein- und ausklappbaren Menü unterhalb der Wellenform. Loops, Cues, Beatjumps sind jetzt da, wo sie hingehören. Außerdem behandeln wir Loops und Cues jetzt gleichberechtigt. Will sagen: Ein Loop ist im Traktor Pro nichts anderes als ein Cue-Punkt mit einer bestimmten Länge und spricht auch auf den gleichen Hotkey an. Das dritte Untermenü haben wir für Beatmatching und das Grid reserviert. Hier kann man ein Grid erstellen, editieren und auch als Standard definieren, damit es mir nicht verloren geht. Wir haben all diese Funktionen thematisch geordnet und ihnen auch nach ihrem Aufkommen in der DJ-Kultur eine entsprechende Priorität gegeben. Einiges muss man einfach nur einmal einstellen und will sich dann damit auch nicht mehr beschäftigen. Oberhalb der Decks gibt es nur noch globale Funktionen, das Master-Panel, Effekte etc.

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Debug: Bei den Effekten hat sich auch eine Menge getan.

Friedemann Becker: Ja. Zunächst ist das Routing anders. Effekte werden jetzt global eingestellt und dann auf die Decks geroutet, außerdem sind zahlreiche neue dazugekommen. Dabei kann jedes Deck auf beide Effekt-Racks gleichzeitig zugreifen. Auch die Ansicht der Effekte wurde neu gestaltet. Das hängt auch wieder mit den MIDI-Controllern zusammen, man hat ja immer nur eine bestimmte Anzahl von Potis zur Verfügung, um die Effekte zu verändern. Hier gibt es jetzt verschiedene Möglichkeiten.

Debug: Heikles Thema: Der Klang von Effekten. Wir erinnern uns alle an den Pioneer DJM-500, weil da die Effekte eben einen so charakteristischen Klang hatten. Nach welchen Modalitäten entscheidet ihr, welche Effekte mit an Bord sollen, und wie stellt man sicher, dass man nicht schon aus sicherer Entfernung hört: Aha, das ist Traktor …

Friedemann Becker: Es gibt bestimmte Standards, die muss man abdecken. Und wir haben uns in der Tat Pioneer-Geräte angeschaut, um uns an einem weit verbreiteten Standard zu orientieren. Einige Effekte bei Traktor Pro gehen aber weiter: Rhythmisches orientiert sich nicht nur an der BPM-Zahl, sondern auch an den Transienten, ist also noch präziser. Die folgen dem Beatgrid und das ist tight. Unsere User schätzen Traktor-Effekte sehr und haben deshalb hohe Priorität bei uns. Ich will keinen charakteristischen Traktor-Effekt-Sound, deshalb arbeiten wir vermehrt an Effekten, die sich mit Beat-Slicing etc. auseinander setzen. Da kann es dann nicht so schnell zu eindeutig identifizierbaren Sounds kommen.

Debug: In der Mitte thront nach wie vor der Mixer …

Friedemann Becker: … der aber auch angepasst wurde. Arbeitet man mit einem externen Mixer, wird der in Traktor Pro gleich ausgeblendet, man hat dann nur noch Funktionen, die eine Art AddOns sind. Zum Beispiel: ein Filter für jedes Deck. Gain natürlich und auch der Kopfhörer, weil man auf dem das Beatgrid abhören kann.

Debug: Essenziell für ein System wie Traktor ist der Browser … da sehe ich in der neuen Version Cover-Art!

Friedemann Becker: Ganz genau, Cover-Art ist die eine Neuerung. Wir kooperieren ja mit Beatport und der Plan ist, dass Beatport zeitnah auch alle Tracks mit dem Artwork ausliefert. Und komplett mit allen Tags und auch schon mit dem Traktor-Beatgrid. An der Darstellung der Artworks haben wir eine ganze Weile gearbeitet. Wie bekommt man das in der Listen-Ansicht des Browsers hin? Ohne Ladezeiten und tatsächlich für die gesamte Ansicht im Browser … das war knifflig.

Debug: Ich war überrascht, denn man sieht vom Artwork ja nur den oberen Teil, wenn man in einer längeren Liste operiert …

Friedemann Becker: Aber eigentlich entspricht es ja genau der Plattenkiste. Man skippt da schnell durch und sieht eben nur die obere Kante der Platten. Ich finde, das ist eine gute Adaption. DJs arbeiten genau so. Ebenfalls eine wichtige Neuerung im File-Management: Sämtliche Veränderungen in Dateien werden direkt ins File geschrieben. Das erleichtert den Daten-Austausch ungemein. Bei Traktor 3 wurden diese Einstellungen im Programm abgelegt. Diese neue Art erleichtert auch den Austausch mit iTunes, einem Standard, dem wir uns stellen mussten.

Debug: Wie wichtig ist die Unterstützung solcher Quasi-Standards wie iTunes?

Friedemann Becker: Extrem wichtig. Viele Menschen verwalten ihre digitale Musik mit iTunes, sind an Features gewöhnt, die sie dann auch in anderen Programmen erwarten. Genau, wie jedes Tabellenkalkulations-Programm immer einen Excel-Im- und Export haben wird, müssen wir da auf akzeptierte Schnittstellen achten.

Debug: Was ist sonst noch neu?

Friedemann Becker: Zum Beispiel Dinge, über die man so bewusst gar nicht nachdenkt. Lesbarkeit der Schrift im Interface, Farbverhältnisse zwischen Schrift und Hintergrund, die Möglichkeit, den Font größer zu machen … die Lichtverhältnisse in Clubs und auf Bühnen sind einfach selten ideal, da haben wir versucht zu reagieren.

Debug: Rechner werden ja immer kleiner, immer portabler. Programme aber immer komplexer. Wie geht ihr mit dem Widerspruch um, auf einem kleinen Display unglaublich viel kommunizieren zu müssen?

Friedemann Becker: Die Neugestaltung des Interface war unter anderem eine Reaktion auf genau diesen Trend. Außerdem: Die Auflösungen der Displays werden immer kleiner. Wenn man da keine Tools hat, um ein sanftes Resizing zu implementieren, hat man plötzlich ein Interface mit völlig falschen Proportionen. Das ist eine Herausforderung, klar. Der Trend zu immer kleineren Displays widerspricht auch dem, was wir von unseren Usern wissen: Die wollen während des Gigs keine Untermenüs aufrufen oder Ebenen wechseln.

Debug: Lass uns zum Abschluss noch mal technisch werden: Beatgrid und Beatjump wurden auch neu gestaltet.

Friedemann Becker: Ja, zum Beispiel der Quantize-Modus ist neu, das geht ganz stark in Richtung Remixing und Sequenzing. Jegliche Sprünge können quantisiert durchgeführt werden. Traktor Pro springt dabei, anders als bei Ableton, sofort, aber eben nicht an den Startpunkt des Loops, sondern immer an die entsprechende Stelle im neuen Abschnitt, es wird als exakter Versatz eingefügt, wir bleiben im Raster. Gerade in Verbindung mit unseren vier Decks kann man sich so richtige Loop-Tracks vorbereiten und die entsprechend einsetzen. Das ist ein richtiger Sample-Player. Auch überarbeitet wurde der Sync-Modus. Dabei gibt es eine Art semi-intelligente Master-Clock, die sich immer an dem Deck orientiert, das straight läuft. Sobald gesprungen wird, sucht sie sich die nächst-beste Referenz. So hat man immer eine tighte Synchronisation. Das ist ein Kann-Feature, man kann es auch ausblenden, wenn man will. Harte Tempo-Sprünge werden “gesmootht” ausgegeben, wenn man Traktor als Master in einem SetUp mit mehreren Programmen verwendet. Große Neuerung: automatisches Beatgrid, neue Tracks werden automatisch analysiert. Das war ein großer Wunsch unserer User, funktioniert bei 4/4 sehr gut. Bei anderen Rhythmus-Strukuturen kann schnell per Hand nachgebessert werden …

Debug: DJs are so overrated. Warum sind solche Features so wichtig? Das, was man beim klassischen DJing so schmerzvoll erlernen musste, aber letztendlich auch den Spaß ausmacht, wird jetzt komplett automatisiert.

Friedemann Becker: Das Handwerkliche verschiebt sich auf andere Funktionen, bleibt somit aber erhalten. Man hat viel mehr Möglichkeiten, kann mehr Quellen gleichzeitig spielen, mit mehr Spaß tricksen. Und es ist nicht so, dass wir dem User diese Features aufzwängen. Es wird immer so sein, dass zwei Tracks zwar rein rechnerisch perfekt aufeinander liegen, es aber einfach nicht groovt. Das ist bei uns ein zentrales Konzept. All diese Features sind immer nur Referenz und können ignoriert oder getuned werden, sobald man merkt, dass es einfach nicht groovt. Im Umkehrschluss hoffen wir, dass durch diese Features den DJs viel Arbeit und Zeit abgenommen wird, die sie dann in verfeinerte und detailreichere Sets investieren können.

Debug: Wir haben viel gesprochen über Traktor Pro und wenig über Traktor Scratch Pro. Wie wichtig sind deiner Meinung nach das Timecode-Vinyl und auch die Timecode-CDs noch und wie lange wird es sie noch geben.

Friedemann Becker: Ich bin mir relativ sicher, dass sich das in ein paar Jahren erledigt haben wird, weil das, was die User mit dem Vinyl heute noch erleben, bald auch mit Controllern erlebbar sein wird. Dieses “Hands On” ist aber sehr, sehr relevant und zurzeit mit MIDI einfach noch nicht umsetzbar, da gewinnt der Timecode. Das “Anfassen” der Musik wird wichtig bleiben, immer.

Native Instruments

2 Responses

  1. //++^^

    “Traktor Pro springt dabei, anders als bei Ableton, sofort, aber eben nicht an den Startpunkt des Loops, sondern immer an die entsprechende Stelle im neuen Abschnitt, es wird als exakter Versatz eingefügt, …”

    da hat aber einer nicht richtig recherchiert.

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