Ein Blick auf die fast fertige Beta-Version

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Nach fast drei Jahren kommt die langersehnte neue Version von Live dann bald um die Ecke, wir haben die Fast-Fertig-Beta für euch getestet und wurden angenehm überrascht: Ableton schafft den dreifachen Spagat zwischen mehr Features, schnellerem und vereinfachtem Workflow und direkterer Interaktion und verfeinert gleichzeitig die Edit-Funktionen.

von Benjamin Weiss aus De:Bug 169

Live 9 kommt mit weiter reduziertem Interface, das den Blick aufs Wesentliche lenken und ermüdugsfreies Arbeiten erleichtern soll: klare Strukturen, viel Grau, weniger Kontrast, keine Spur Eye Candy weit und breit. Die neue Version gibt es in drei Varianten, die jeweils mit aufgestockter Library kommen: die neue Einsteigerversion Live 9 Intro, Live 9 Standard mit allen Funktionen außer Max for Live und schließlich die Live 9 Suite mit Max for Live und fetter 50 GB Library. Unser Preview/Test beruht auf einer der letzten Betas, die aber mit ein paar Abstrichen schon alle Features hatte, also weitestgehend der Release-Version entsprechen dürfte.

Convert Audio to Midi
Live 9 bietet drei Möglichkeiten, aus Audiofiles MIDI zu generieren: “Melody to MIDI” für monophone Quellen, “Harmony to MIDI” für Chords und “Drums to MIDI”. Das Prinzip ist mit Melodyne vergleichbar, verlangt aber deutlich weniger CPU-Leistung, dafür gibt es weniger Optionen und es passiert offline. Das Umrechnen dauert auf einem MacBook Pro von 2010 etwa so lang, wie das Audiofile dauert und resultiert bei den ersten zwei Modi in einer MIDI-Spur mit Noten und einem klanglich ähnlichen Instrument-Rack, bei der Schlagzeug-Variante in einem Default Drum Rack aus der Live-Library. Die Qualität der Übersetzung ist bisweilen fast erschreckend gut, gerade mit klar definiertem Ausgangsmaterial (Piano, Synthesizer oder Bass mit relativ wenig Modulationen und Tonhöhenschwankungen, Drumloops ohne verwaschene Attacks) landet man ziemlich nahe bei der Vorlage. House-Pianos, Basslines und Chords lassen sich so schnell rippen und verwursten. Je komplexer, dynamikärmer und gemischter das Material wird, desto höher steigt die Fehlerquote. Nachbessern lässt sich das Ergebnis in allen Modi durchs zusätzliche Setzen von Attack-Markern. Der Drum-Modus konzentriert sich weitgehend auf die Frequenzbereiche von Bassdrum, Snare und HiHat, ist aber auch gut dafür geeignet, das Timing eines Audiofiles zu extrahieren. Überhaupt ist der kreative Einsatz des Features ziemlich ergiebig: Einfach mal den Groove von prasselndem Regen in Drums übersetzen oder das Maunzen der Katze in eine Acid-Bassline. Convert Audio to MIDI ist, wenn man sich vom unrealistischen Gedanken verabschiedet hat, dass es immer perfekt funktionieren muss, ein extrem ergiebiges Tool zum Remixen, Rippen und Groove-Extrahieren oder um auf die Schnelle Ideen einzusingen/summen/klopfen/beatboxen.

Session-Arrangement-Hopping
“Session View Automation” ist ein Feature, das von Live-Usern lange ersehnt wurde: Auch im Session View mal eben ein paar Clip-Automationen realisieren, ohne dass man dabei lange aufgehalten wird. Einfach die Automation aktivieren und die Session-Aufnahme-Taste drücken, schon werden alle Parameterbewegungen im aktuell laufenden Clip aufgenommen. Das lässt sich optional auch auf alle laufenden Clips erweitern, ist ebenso unkompliziert wie praktisch gelöst und erlaubt es, schnell mal ein paar Improvisationen auszuprobieren, ohne sie per Maus malen zu müssen und damit direkt einen Track zu entwickeln. Dabei ist es egal, wie die Parameteränderungen zustande kommen, sowohl Mauskommandos als auch Controller-Bewegungen werden aufgezeichnet. Auch der Rückweg vom Arrangement zur Session, die aus Scenes besteht, ist jetzt schneller. Im Arrangement View besteht durch das Kontextmenü die Möglichkeit, einen Bereich als Scene in den Session View zu bouncen. Dabei werden auch die Automationen aus dem Arrangement mitgenommen und in Clip-basierte Automationen umgewandelt. So kann man einen Track noch einmal komplett neu arrangieren, einen Remix machen oder ihn schnell, aber mit allen Feinheiten ins Liveset übertragen.

Editing und Finetuning
In Sachen Editing gibt es an vielen Stellen kleine Verbesserungen, die nicht immer sofort ins Auge fallen, aber in der Summe die Arbeit mit Live wirklich beschleunigen. So lässt sich in MIDI-Clips per Klick die Sequenz verdoppeln, umdrehen und das Tempo verändern, ohne die einzelnen Noten selektieren zu müssen. Es können mehrere Noten gemeinsam proportional verändert und automatisch Legatos erzeugt werden. Die Quantisierung greift im MIDI-Editor nur dann, wenn man nahe genug am Raster ist, die Automatisierungshüllkurven passen sich den Änderungen der Warp-Marker an und die Tastaturkürzel erlauben das schnelle Wechseln zum Draw-Mode und das Deaktivieren von Clips mit einem Klick.

Neuer Browser
Der Browser wurde von Grund auf renoviert und vereinfacht: In zwei Spalten aufgeteilt sieht man links oben die Kategorien wie Sounds, Samples, Drums, PlugIns oder Max for Live, darunter im Places-Bereich den Speicherort, der sich mit eigenen Ordnern erweitern lässt. Das ist grundsätzlich wesentlich konsistenter und logischer als bei Live 8, man muss sich jedoch daran gewöhnen, dass nur die angegebenen Verzeichnisse durchsucht werden. Hier und dort führt die Vereinfachung aber auch zu unpraktischen Ergebnissen: So werden zum Beispiel in der Sample-Kategorie sämtliche Samples der Library angezeigt, was schon mit der mitgelieferten Library eine schier endlos lange Liste produziert. Das ließe sich verhindern, wenn man selbst Tags und Kategorien vergeben könnte. Die oft quälend langsame Suche von Live 8 wurde auf Trab gebracht: In Live 9 ist sie nicht nur deutlich schneller, sondern beginnt beim Tippen und vervollständigt das Suchergebnis automatisch, wie man das von einem braven Browser erwartet.

Devices, neu und renoviert
Allen voran ist der EQ Eight verbessert worden: Er zeigt jetzt das Frequenzspektrum grafisch an und nutzt SVF-Filter mit weniger Artefakten, wodurch er deutlich transparenter und direkter klingt. Außerdem verhält er sich bei Bedarf eher wie ein analoger EQ, je mehr Verstärkung oder Abschwächung ein Band erfährt, desto schmaler wird es, was beim schnellen Isolieren problematischer Frequenzen hilft. Zusammen mit der Clip-Automation kann man ihn so auch für komplexe Filterverläufe wie eine Filterbank benutzen, ohne dass er künstlich klingt. Im Dynamikbereich gibt es den neuen Glue Kompressor, der einem nicht näher genannten analogen Original nachempfunden wurde und trotz der Fähigkeit, ordentlich zu pumpen auch für subtilere Eingriffe geeignet ist. Weitere Verbesserungen gibt es beim Standard-Compressor, bei Multiband und Gate. Insgesamt wurde an der klanglichen Qualität der Devices viel gefeilt, was deutlich hörbar ist, ohne in Sachen CPU-Last Nachteile mit sich zu bringen. Max-for-Live-Nutzer können sich mit dem Convolution Reverb zusätzlich über einen guten Faltungshall freuen, der sich mit eigenen Impulsantworten füttern lässt und auch der neue Drum Synth klingt ziemlich fett.

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Fazit
Live 9 erfüllt eine Vielzahl von Nutzerwünschen, einige wenige bleiben trotzdem auf der Strecke. Dazu gehört die Unterstützung von mehreren Monitoren für eine bessere Übersicht im Studio. An den neuen Browser kann man sich gewöhnen, hier sollte Ableton aber ein paar mehr Eingriffe durch den User ermöglichen, um die Funktionalität nicht der neuen Einfachheit zu opfern. Er war allerdings auch eine der letzten Baustellen in der Beta, an der noch eifrig geschraubt wurde

Insgesamt ist Ableton mit Live 9 eine ziemlich überzeugende neue Version gelungen, die den dreifachen Spagat zwischen mehr Features, schnellerem und vereinfachtem Workflow und direkterer Interaktion schafft, aber gleichzeitig die Edit-Funktionen verfeinert. Dabei ist es trotz offensichtlichen Highlights wie den “Convert Audio to MIDI”-Features und der Clip-Automation vor allem eine konsequente Weiterentwicklung und Verbesserung in vielen Details, die die Usability und Zugänglichkeit erhöhen. Durch die neuen PlugIns, vor allem den EQ Eight und den auch als Standardkompressor nützlichen Glue Compressor klingt es besser und klarer definiert, auch wenn die Audio Engine nicht geändert wurde. Dabei bleibt Live 9 in Sachen CPU-Belastung im Rahmen von Live 8, so dass man es getrost auch mit älteren Rechnern nutzen kann.

Preise:
Live 9 Intro: 79 Euro
Live 9 Standard: 349 Euro
Live 9 Suite: 599 Euro

Bis zum Release von Live 9 gibt es 25% Rabatt auf Live 8 und ein kostenloses Upgrade.

Ableton

8 Responses

  1. Kashmir

    Scheiß auf Ableton…WIR WOLLEN BITWIG STUDIO!!!111elf =P

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  2. Niklas Beinghaus

    @Kashmir:
    Was ist das denn bitte für ein unqualifizierter Kommentar? Bitwig wird nicht halten können was es verspricht – und noch dazu ist es eine nicht ausgereifte Software – ich bleibe bei Live und freue mich über kommende Features.

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  3. Salvi

    Bitwig mit Ableton zu vergleichen, ist ein Witz!
    Freue mich sehr auf das Live 9, finde es jedoch ebenfalls schade (wie hier im Fazit zu lesen), dass die Unterstützung von mehreren Monitoren für eine bessere Übersicht im Studio wieder nicht gegeben ist :o(
    Ansonsten wird es bestimmt wieder viel zu entdecken geben ;o)

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  4. Monsterhouse

    Update Preis Politik ist ein Witz!
    Benutzer welche die Suite 8 und Max4live seit Erscheinungsdatum besitzen sollen jetzt für das Update wie in meinem Fall 169€ Zahlen.
    Benutzer die vor kurzem aktualisiert haben bekommem das Update gratis !!!???
    Ganz zu schweigen von “the Glue” wofür man quasi beim Update mitbezahlt und es keine Möglichkeit gibt sich dem zu verwehren wenn man schon eine ” the Glue” Lizenz besitzt.

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  5. Al

    Hi,

    eine Frage: Ist Live und Push Einsteigerfreundlich?
    Ich hab noch nie Musik gemacht, aber träume schon ewig davon…

    Vielen Dank!

    Grüße

    Al

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  6. Benjamin Weiss

    Hi Al, schwer zu sagen, probiers doch mal aus mit einer Trialversion, gibts auf der Abletonseite.

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  7. JUJU

    Hi Al,

    ich schließe mich Benjamin an. Ich fand damals recht schnell und gut den Einstieg in die Software. Mit der Benutzeroberfläche von “Reason” z.B. war ich damals etwas überfordert. Viel Spaß bei ausprobieren.

    Ach so… “Push”. Für den Einstieg würde ich dir erst einmal raten, dich mit dem grundsätzlichen Prinzip von Ableton auseinander zu setzten und/oder dir evtl. eine AKAI APC40 zu zu legen. Super Controller.

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