Mit dem Origin steckt Arturia die gesammelten Erfahrungen der Software-Emulation analoger Synths in ein amtliches Stück Hardware. Doch das ist nur der Anfang der Geschichte.

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von Thaddeus Herrmann aus De:Bug 134

Synthesizer: Arturia Origin

Der Arturia Origin sorgte seit der ersten Produktankündigung für große Wellen in der Produzenten-Szene. Die PlugIns der Firma hatten einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Roland, Arp, Sequential, Yamaha, Moog … schillernde Namen des Synthesizer-Baus, analoge Schlachtschiffe längst vergangener Zeiten, die sich aber nach wie vor größter Beliebtheit erfreuen und teuer gehandelt werden. Doch Arturia hat die geschichtsträchtigen Geräte nicht nur perfekt auf Software-Basis emuliert, sondern die Features auch immer an aktuelle Bedürfnisse angepasst und auch, im Falle von Sequential, mit dem Prophet 5 und dem Prophet VS gleich zwei Geräte in einem PlugIn realisiert. Grob gesagt soll der Origin die emulierte Klangerzeugung einiger der Dinosaurier in einer Portion wertiger Hardware zusammenfassen. Doch das ist erst der Anfang der Erfolgsgeschichte. Der Origin ist kein einfacher PlugIn-Host für den Desktop, das Gerät bietet viel mehr Möglichkeiten. Konkret die Verschaltung unterschiedlicher Komponenten der Software-Produkte. Der Origin ist also eine Art digitales Modularsystem, bei dem man sich wie in einem Klangsynthese-Fachgeschäft nach Herzenslust bedienen kann. Und genau das könnte eine Rechner-basierte Lösung nie leisten, egal wie viele Prozessor-Kerne in welchem Rechner auch immer vor sich hin schwitzen. Nach einem exklusiven ersten Hands-On mit einem Vorserienmodell (in De:Bug 125) ist der Origin inzwischen regulär lieferbar: Zeit also für einen zweiten genauen Blick.

Basics
Im Origin verrichten zwei TigerSHARC-DSPs die zahlreichen Rechenaufgaben. “Standard”-Technologien wie TAE (True Analog Emulation), Algorithmen, die wir aus den Software-Produkten bereits gut kennen, kommen natürlich auch im Origin zum Einsatz. Mit TAE wird eine bis ins letzte getreue Umsetzung der analogen Originale in der digitalen Welt garantiert, etwaige Fehlerquellen umgangen bzw. ausgemerzt. Wer schon mal mit einem “echten” Modularsystem gearbeitet hat, weiß, wie fisselig es sein kann, in dem Patch-Wirrwarr den Überblick zu behalten. Arturia löst dieses Interface-Problem. Das übersichtliche Layout des Geräts wird von einem großen Farbdisplay dominiert, umrahmt von einer ganzen Heerschar von Potis. So haben alle Standard-Abteilungen eines Synthesizers ihre eigene Einheit, außerdem steht ein Step-Sequenzer zur Verfügung, ein Joystick, wie wir ihn vom Prophet VS kennen, und zahlreiche Standard-Knöpfe. Um das Display herum gruppieren sich acht Endlosregler mit Druckfunktion, die einem den Einstieg in die Tiefen der Synthese ermöglichen. Generell ist das Arbeiten mit dem Origin schnell verständlich. Die Kombination aus Display und Endlosreglern funktioniert gut und alle Grundfunktionen lassen sich problemlos erreichen. Auf der Oberfläche fühlt sich alles extrem gut verarbeitet an, Potis rocken ist die reine Freude.

Sound
Aus dem umfangreichen Software-Portfolio hat Arturia vier Produkte für den Origin gewählt: Roland Jupiter 8, Yamaha CS80, Arp 2600 und Minimoog. Sowohl als Oszillator als auch als Filter stehen die Originale hier zur Verfügung. Hinzu kommt ein spezieller Origin-Oszillator und ein Origin-Multimode-Filter (Hoch-, Tief-, Bandpass und Notch mit 6, 12 oder 24dB). Weiterhin kann man auf einen Ring Modulator zugreifen und auch einen Frequenz-Shifter. Der Clou am Origin: Hier kann durch Software-Updates das Angebot jederzeit erweitert werden: clever! Aus diesen Modulen kann man sich nun seine eigenen Patches bauen. Die Rechenleistung der DSPs setzt hier das Limit. Würde man das theoretische Potential voll ausnutzen … wir garantieren, dass sich niemand zurecht finden würde. Positiv formuliert bieten die DSPs so viel Kraft, dass man alle nur erdenklichen und arbeitsfähigen Patches problemlos bauen kann. Oder möchte jemand wirklich ein Patch mit mehr als neun Oszillatoren bauen? Eben. Das Ganze macht derart Spaß, dass man sich plötzlich wieder bewusst wird, wie einschränkend die Arbeit in einer DAW doch manchmal sein kann.

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MashUp
Ein umfangreicher Grundsound ist die beste Voraussetzung für Killer-Synthese, aber richtig interessant wird es erst durch die Modulation. Hier stehen beim Origin zahlreiche Tools zur Verfügung. Herzstück natürlich: die grafische Modulationsmatrix. Hier hat man alles gut im Überblick, wenn es um die Grundverschaltung der Module geht. Mit dem Joystick steht ein weiteres intuitives (haptisches) Werkzeug bereit: Hier können bis zu vier Signale miteinander verwoben werden. Gleichzeitig kann man sich zwischen drei verschiedenen Modi entscheiden, die bis zu sechs Ausgänge ansprechen. Durch die vier möglichen Eingangssignale ist auch Vektorsynthese möglich. Weitere Killer-Tools: Der Galaxy-LFO und die 2D-Hüllkurve. Galaxy kombiniert drei LFOs und kam schon bei der Emulation des Jupiter 8 zum Einsatz. Die 2D-Hüllkurve erinnert an die Vektor-Hüllkurve des VS, nur werden hier keine Audiosignale, sondern Modulations-Muster angeboten. Hier lassen sich über den Joystick Eingriffe an der entsprechenden Hüllkurve vornehmen, der Spaß hört also nicht beim fein abgestimmten Mischverhältnis der Quellen auf. Schließlich kann mit dem Step-Sequenzer alles durchgeknetet werden. 32 Steps stehen hier bereit. Auch zeigt sich hier der große Vorteil von Hardware. Gegen eine funky blinkende Lauflichtprogrammierung kommt eben keine Software-Emulation an. Mit den 16 Endlosreglern kann detailliert in das Geschehen eingegriffen werden. Ziel des Sequenzer-Programms bleibt dem User vorbehalten und kann allen im Patch verwendeten Modulen zugewiesen werden. 256 Patterns können gespeichert werden: Standards wie Gate, Trigger, Slide und Accent verstehen sich von selbst. Am Ende der Kette kann man immer noch den gebauten Sound mit Effekten glattschmirgeln. Drei Slots stehen hier bereit. Die Effekt-Sektion ist im Moment mit Hall, Distortion, Delay, Chorus und Phaser noch etwas schwach auf der Brust, wir vermuten aber, dass hier auch bei kommenden Software-Updates aufgerüstet wird.

Raus
Bei diesen ganzen Details darf man die Alltagstauglichkeit des Origin nicht aus den Augen verlieren. Die vierfache Multitimbralität garantiert umfangreiche Möglichkeiten im Studio-Alltag, alle vier Signale können auch über die Einzelausgänge abgegriffen werden. In der Mixer-Sektion können die vier Klänge auch komfortabel einzeln in Lautstärke geregelt werden, auch eine Bypass-Funktion ist vorgesehen, per “Edit” ist man gleich wieder mitten im Makro.
Der Origin von Arturia kann ohne weiteres als Meilenstein der Synthesizer-Evolution bezeichnet werden. Ein System, dass schon jetzt in einer noch recht frühen Software-Version komplett überzeugt. Und doch spürt man an allen Ecken und Enden das Potenzial, das durch ein paar Zeilen Code in der Zukunft immer weiter ausgeschöpft werden wird. Die wertige Verarbeitung schafft Respekt und Freude, das Interface lässt einen so gut wie nie im Stich und die klanglichen Möglichkeiten sind schlicht und einfach erschütternd. Der Software-Editor für Mac und PC ermöglicht darüber hinaus die Ordnung der Klangerzeugnisse bequem am Rechner. Dabei tut uns Arturia noch den Gefallen, die unvermeidlichen Demo-Tracks eines solchen Synthesizers so derartig trashig programmiert zu haben, dass selbst Synthese-Neulinge gar nicht anders können, als zu sagen: Das kann ich besser … viel besser. Mit 2.500 Euro ist der Origin zwar nicht ganz billig. Preiswerter scheint uns eine solch komplexe Wollmilchsau aber einfach nicht realisierbar zu sein. Mit Software-Updates am Horizont ist der Kauf dieser Wunderwaffe nicht nur Investition in die Zukunft, sondern auch ein Statement zum Status Quo der Musikproduktion. Touch your music … das kann man nicht mit dem iPhone, sondern mit dem Origin von Arturia.

Arturia
Tomeso (deutscher Vertrieb)

Preis: 2500 Euro
Anschlüsse: Input (l/r), Output (l/r), acht Einzelouts, Kopfhörer-Ausgang, S/PDIF, MIDI-Trio, USB, 2 x Fußpedal

3 Responses

    • Dieter Schmalz

      Ich finde, nach mehr als 6 Jahren keine weiteren Updates nachzureichen, sollte mal einer der Testter dem Arsch in der Hise haben und Arturia mal gehörig den Marsch blasen. Es finden sich masig Fehler, die es auszumerzen gilt. Hier hat Arturia die Käufer wirklich im Stich gelassen. Der Origin findet sich nach wie vor auf deren Webseite. Es wird aber nichts mehr entwickelt. Wieso verliert niemand ein Wort darüber ?

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