Boomchick“. Unter diesem Namen kursierten 2007 die ersten Gerüchte, dass Roger Linn und Dave Smith an einer Groovebox arbeiten würden. Eine grandiose Vorstellung: die besten Features der MPC, einer LinnDrum und Dave Smiths Synthesizern in einem Gerät. Die Erwartungshaltung war da naturgemäß ziemlich hoch. Jetzt ist die Tempest da – und leider noch nicht fertig.

von Benjamin Weiss aus De:Bug 159

Die Tempest ist solide gebaut, verhältnismäßig kompakt und ein wenig kleiner als eine TR 808.  Ihre sechzehn hintergrundbeleuchteten Pads sind in zwei Achterreihen angeordnet und dienen zum Einspielen, Setzen der Steps im Sequenzer und zur Anwahl der Beats und Sounds, die sich dann auch gleich wieder über sie muten lassen. Links neben den Pads gibt es zwei Touchstrips zur Modulation von Sounds, darüber die Tasten für die verschiedenen Modi, die Synthesesektion und sechzehn Drehregler für Syntheseparameter, Filter, Modulation, den Mixer und das Delay. Auf der rechten Seite schließlich das Transportfeld, ein hell leuchtendes OLED-Display mit Navigationstasten und vier Soft-Endlosreglern sowie die Master-Sektion mit Distortion, Kompressor und Master-Volume.

Struktur
Wie jede Groovebox hat die Tempest ihre eigene Terminologie: Ganz oben stehen die Projects (also alle Pattern inklusive Sounds), danach kommen die Beats und schließlich die Sounds. Ein Beat umfasst das Pattern für alle in ihm benutzten sechzehn Sounds und die entsprechenden Einstellungen. Insgesamt soll die Tempest einmal pro Beat 32 gleichzeitig spielbare Sounds haben, bisher sind aber nur 16 implementiert. Jeder Beat kann bis zu vier Takte lang sein, insgesamt sind sechzehn Beats gleichzeitig im RAM, alle weiteren müssen (leider verbunden mit dem Stoppen des Sequenzers) nachgeladen werden.

Klangerzeugung, Modulation, Filter und Effekte
Die Tempest hat eine sechsstimmige analoge Klangerzeugung mit digitaler Steuerung: Pro Sound gibt es zwei analoge und zwei digitale Oszillatoren, wovon die digitalen mit kurzen Drumsamples bestückt sind. Die können noch nicht geändert werden, was aber eventuell in einer späteren Softwareversion ermöglicht werden soll. Das sollte man aber nicht als bevorstehende Sample-Funktion verstehen, denn sie sind sehr kurz und dienen lediglich als Grundmaterial für die digitalen VCOs. Die wichtigsten Parameter der Klangerzeugung lassen sich direkt über die Drehregler und Tasten bedienen, für den Rest muss man sich durch ein paar Menüs auf dem Display arbeiten, was meist relativ logisch, zuweilen aber auch etwas zufällig wirkt. Der Tiefpassfilter kann zwischen 4-Pol- und 2-Pol-Charakteristik umgeschaltet werden, hat ordentlich Hub und klingt gut, als Ergänzung gibt es noch einen Hochpassfilter. Zum Modulieren stehen fünf sechstufige Hüllkurven zur Verfügung, drei davon sind fest auf VCA, Oszillator-Pitch und Tiefpassfilter geroutet, zwei weitere frei einstellbar auf beliebige Modulationsziele. Für perkussivere Sounds kann die Hüllkurve auf Attack und Decay verkürzt werden. Schließlich gibt es noch zwei synchronisierbare LFOs, die als Modulationsziele die Klangerzeugung, die Filter, die Hüllkurven und sich selbst haben können.

Auch auf Beat-Ebene lässt sich der Klang ausführlich formen: Pitch, Frequenz und Resonanz des Tiefpassfilters, Audio Mod, Frequenz des Hochpassfilters, VCA Feedback und Attack und Decay des VCA lassen sich tweaken, sind allerdings im Gegensatz zu den Sounds nicht automatisierbar.
Der Mixer an sich ist recht spartanisch gehalten: Pro Sound stehen Volume, Panning, Amp Feedback und Delay-Send zur Verfügung, darüber hinaus gibt es für jeden Beat noch Lautstärke, eine einfache Distortion und einen Kompressor. Das Delay arbeitet nach digitalem Vorbild, erzeugt aber stattdessen zusätzliche Noten des entsprechenden Sounds, wodurch die Möglichkeiten etwas beschränkt sind, so gibt es zum Beispiel kein Feedback. Auch wenn die Effektsektion etwas untermotorisiert erscheint, machen das die vielfältigen Möglichkeiten der Klangformung mehr als wett.

Live-Einsatz
Der Sequenzer ist ganz auf Live Performance getrimmt und bietet die klassischen Möglichkeiten: einen Stepsequenzer mit Lauflichtprogrammierung, das direkte quantisierte oder unquantisierte Einspielen der Sounds über die Pads und auch das tonale Spielen von Sounds über die Pads sind möglich, ebenso wie das Muten und das Solo- Schalten einzelner Sounds. Die eingespielten Steps lassen sich dank OLED-Display in einer Pianorollenanzeige mit den Softkeys und Drehreglern editieren. Note Repeat, das bei der Tempest Roll heißt, kann praktischerweise nicht nur, wie man es von der MPC kennt, auf einzelne Sounds, sondern auch auf Beats angewendet werden. Dadurch lassen sich klassische Stutter-Effekte erzeugen, aber auch interessante neue Beatkombinationen. Die Beatwechsel können quantisiert oder wie bei NIs Maschine wahlweise auch unquantisiert direkt umschalten. Im Hold-Modus kann man den Beat im wahrsten Sinne des Wortes droppen: Er spielt dann nur solange, wie man das Pad gedrückt hält. Über die zwei berührungsempfindlichen Touchstrips kann je ein Parameter aus der Klangerzeugung automatisiert werden, was sich auf der Sound-Ebene auch gleich aufnehmen lässt, zusätzlich kann man zwischen zwei Belegungen pro Sound und Beat umschalten. Die Touchstrips reagieren ziemlich direkt und präzise und lassen sich latchen, so dass sie beim Loslassen den letzten Wert kontinuierlich senden. Das angekündigte Playlist-Feature, mit dem sich mehrere Beats hintereinander spielen lassen sollen, ist noch nicht implementiert, so muss man bislang mit sechzehn Beats ohne Nachladen auskommen muss.

Update
Getestet habe ich die Groovebox mit Software-Version 1.0, inzwischen ist aber die 1.1 verfügbar, die viele (wenn auch noch lange nicht alle) fehlenden Features nachliefert: Die angesprochenen Playlists such man weiterhin vergeblich, nach wie stehen nur 16 der 32 Sounds zur Verfügung, der Sequenzer versteht nur 4/4. Dafür ist MIDI In jetzt zumindest zum Teil an Bord, Sounds können extern über MIDI angetriggert werden (nur CCs und NRPNs gehen noch nicht) und auch MIDI-Clock wird empfangen. Der USB-Port ist aber immer noch ohne Funktion, diverse Bugs wurden zwar gefixt, dafür kommen prompt einige neue dazu.

Import/Export
Hier setzt Tempest auf ein sehr oldschooliges Verfahren: SysEx-Dumps. Ein Datentransfer über den USB-Port ist nicht geplant. Die Prozedur funktioniert auch von Tempest zu Tempest, so dass sich einzelne Sounds, Beats und Projects austauschen lassen. Das ist alles in allem nicht wirklich komfortabel, bleibt zu hoffen, dass jemand sich erbarmt und einen Software-Editor schreibt.

Sound
Trotz all ihrer Unfertigkeiten gibt es neben dem Sequenzer mit seinen Livefeatures einen weiteren Bereich, indem die Tempest ziemlich überzeugend ist: Der Sound ist druckvoll, fett, variabel und durchsetzungsfähig, dabei auf angenehme Weise klar definiert, ohne nach HiFi zu klingen. Dave Smiths Synth-Vorlieben klingen hier durch, aber auch der durchsetzungsfähige MPC-Sound. Hier gibt es meiner Meinung nach wirklich nichts zu meckern.

Fazit
Wer ein fertiggestelltes, voll funktionierendes Instrument haben will, sollte tunlichst die Finger von der Tempest lassen. Wie schon beim Octatrack ist das Gerät zum Marktstart noch nicht fertig, aber Linn und Smith haben den strategischen Fehler begangen, die Tempest nicht als Betaversion, sondern als 1.0 zu verkaufen, was zu einiger Enttäuschung und zum Teil ziemlich harschen Tests geführt hat. Dass aber auch als Beta gestartete Tools recht schnell erwachsen werden können, hat Elektron mit dem Octatrack gezeigt und die Tempest hat definitiv das Zeug dazu, ein großartiges Instrument zu werden.
Der europäische Preis ist mit 1.800 Euro recht happig. Bei aktuellem Umrechnungskurs wären rund 1.400 Euro fällig: vertretbar, aber dennoch deutlich an der oberen Grenze.
Ein bisschen wundert einen der Zustand des Betriebssystems schon. Obwohl hier zwei nun wirklich ziemlich erfahrene Instrumentenbastler mit zusammen über siebzig Jahren Entwicklererfahrung zusammengearbeitet haben, wirkt das OS an manchen Stellen, z.B. den Menüs, noch merkwürdig roh, unfertig und ungeschliffen, an anderen dann wieder sehr durchdacht, praxisnah und geradeaus, vor allem bei den Livefeatures des Sequenzers und der Klangerzeugung. Es fällt schwer, die Tempest zu empfehlen, aber genauso schwer, sie nicht zu empfehlen: auf der einen Seite noch im späten Beta-Stadium mit jeder Menge Lücken in der Funktionalität, auf der anderen Seite klingt sie prima, lädt mit ihren Livefeatures zum Jammen ein, und groovt wie Hölle.

Das Testgerät wurde uns freundlicherweise von Just Music Berlin zur Verfügung gestellt.

DSI

Roger Linn Design

Preis: 1800 Euro

11 Responses

  1. Hans

    Es überrascht mich nicht, dass die Tempest-Software fehlerhaft und unfertig ist, das kenne ich schon vom DSI Tetra – Die ersten paar Versionen waren frustrierend schlecht, und obwohl es inzwischen ein bisschen besser geworden ist, ist Software augenscheinlich nicht Dave Smith’s größte Stärke. Schade, denn soundmäßig geht bei DSI so einiges.

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  2. Tricky

    stimme ich Hans zu …
    DSI hat es einfach nicht drauf, softwareseitig bugfrei und modern zu sein.
    Auch die Verarbeitungs-Qualität lässt bei den DSI-Produkten zu wünschen übrig,
    wie schon zu seinerzeit mit Sequential Circuits.
    Klanglich wirklich klasse, nur am ganz zu Ende gedacht sind die Produkte nicht
    wirklich, um sagen zu können … “klasse Maschine”.

    Preis von 1800€ finde ich heutzutage auch noch etwas überzogen, da hat man
    mit dem Budget andere Möglichkeiten und Auswahl.

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  3. Zeh Lichtenberga

    ich habe die Tempest, und man kann damit auch jetzt schon gut arbeiten, auch wennn noch nicht alles geht. aus dieser maschine kommt lebendiger professioneller sound raus. punkt.

    ich finde sie auch nicht zu teuer, wenn ich an die preise von spectralis, mpc5000,virusoderanderendingern denke. Verarbeitung, Pads, potis: alles prima !!

    hier kriegt man einen 6 stimmigen ANALOG synthesizer mit sehr gutem sequencer, dazu die digital sounds, man kann damit zeitgemässe sounds und latest school produzieren,
    und die grundsoundqualität ist meiner meinung nach sehr hoch und sehr gelungen.
    ich habe nie das gefühl, irgendwie ok aber muss ich noch nachbearbeiten ( siehe machinedrum…)

    ich habe sie auch günstiger bekommen als bei JUSTMUSIC und es war keines der grossen musikhäuser !

    das JM preislich nicht mit sich reden lässt selbst wenn man seit jahren stammkunde ist,
    DAS ist ärgerlich.

    das dave smith und roger linn sich die jahrelange arbeit an dem “ambitioniertesten projekt das sie je gemacht haben” (steht so ganz vorne im manual !!!) , das finde ich vollkommen ok, denn der maschine hört man auch die liebe an, die reingesteckt wurde.
    alle anderen können sich ja arturia spack kaufen ;)

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  4. Yucatec Analogic Morillon

    djyucatec

    Xpensive like it s made of Gold? Hey Grand pa ,we have a crisis out there ,and we r not rich BH (2000 dollars is annual salary in roumania!)…The price of this TOY is way ,way too xpensive specially in the day where software are barely free…Even Akai mpc are way cheaper..I suggest you change your price strategy,You will have to anyway! Otherwise this product will have no Future!!You seems to forget the Future are the kids out there,and the kids do not have 2000 dollars just to experiment !!!!

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  5. Andy N.

    Hey DJ Yucatec,

    If you find me an analogue drummachine with 6 almost fully featured Evolvers or Mophos (kind of) inside
    for the prize of an almost free (while illegally installed?) plug-in, please get in touch with me.

    I don’t own a Tempest yet but I am really tempted to get one because I trust what those “Grandpas” are capable of, this thing will blow your mind in a few months time.. If not already now.

    And considering Akai: I don’t find MPCs that cheap either considering what an Octatrack is capable of these days…
    Monaco isn’t that cheap either ! ;-)

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    • Yucatec Morillon

      The machine is not ready,manu bugs as u can read on many forums….friend of mine just send it back after 3 days,,it s nice experimental machine,but it s too xpensive and not working properly, anyway they will ut the price down soon before they run out of business..try the Arturia spark (download the vst free to try) it cost 485 Euros,is updated and work really good.

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  6. Andy N.

    I highly doubt they run out of business. Is that your main concern? Why so angry at them?

    Elektron would have been out of business then too, considering the OS for the Octatrack on release day was only a beta.
    Check it out now, it’s insane. And it’s not cheap either..

    The same will happen to the Tempest as well, it’s a machine that will grow with your ongoing skills…
    and they will add things slowly but make it a future classic. (sorry, I took this last sentence out of another review ;) ).

    And to be honest, ithe Tempest can’t be that bad if I look at all the cool stuff people are already doing with it…

    And comparing the Arturia Spark to the Tempest is like comparing Traktor / Serato to Vinyl anyway.
    Nothing can beat real analog. Especially not for people that want exactly THAT :)

    I can’t wait for the time when I be able to hold this machine in my hands…. if I had the money…

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