Monster-Groovebox als Embedded System

In den letzten Jahren haben sich die Laptops überall durchgesetzt: es gibt kaum noch Live Acts, die ohne Rechner auftreten und auch die DJs ohne Rechner werden immer seltener. Nach wie vor hat dedizierte Hardware natürlich ihre Vorteile, was auch nach und nach zu immer neuen Versuchen geführt hat, Rechner in livetaugliche Hardware zu integrieren. So richtig gelungen ist das bisher nur wenigen (Open Labs zum Teil), schiefgegangen ist es öfter Mal (zum Beispiel V-Machine). Feeltune, eine neue Hardwareschmiede aus Frankreich, hat sich nun auch daran versucht und mit Rhizome eine neue Monstergroovebox herausgebracht.

von Benjamin Weiss aka Nerk aus De:Bug 150

Anschalten
Mit einem kräftigen Röhren des Lüfters und einer Lightshow der LEDs unter den Pads startet die Rhizome hoch. Nach einer guten halben Stunde Ausprobieren und im Trüben fischen (das Handbuch war noch nicht fertig), beginnt sich das Konzept so langsam zu erschliessen, was nicht unbedingt selbstverständlich ist bei einer doch recht komplexen Groovebox. Gut dass es eine Help-Funktion gibt, die per Sprechblase alle auf dem Screen gerade editierbaren Parameter erklärt.

Software
Rhizome läuft auf Windows XP E (Windows XP Embedded) was gleichzeitig Vor- und Nachteile hat. Der größte Vorteil ist, dass das System sehr stabil ist und schon seit fast zehn Jahren auch in Fabriken eingesetzt wird, um Maschinen zu steuern. Außerdem gibt es noch immer eine Menge VST-Plugins, die problemlos auf Windows XP laufen. Womit wir bei den Nachteilen wären: neuere Plugins laufen oft nicht mehr unter XP (auch wenn man es immer ausprobieren sollte, weil sie es trotz mangelnder offizieller Unterstützung gelegentlich doch tun). Könnte natürlich sein, dass es von Feeltune irgendwann ein Update auf Windows 7 Embedded gibt, davon ist zur Zeit aber noch nicht die Rede.
Das Herzstück von Rhizome ist der an die Hardware angepasste VST Host, der bis zu 64 Stereospuren erlaubt und alle VST-Plugins unterstützt, die unter Windows XP laufen. Mitgeliefert wird eine Auswahl von 15 VST Plugins, darunter die G-Force Emulationen von Minimoog (Minimonsta) und Arp Odyssey (Oddity), ein paar Ohmforce-Effekte und ein paar von Feeltune selbstentwickelte Effekte und Drumsets. Die Installation von weiteren Plugins gestaltet sich ziemlich unkompliziert (testweise habe ich unter anderem sämtliche Freeware Plugins von Togu Audio Line installiert), allerdings sollte man einen weiteren Bildschirm anschliessen, da der unterteilte Bildschirm sonst wichtige Infos verdeckt. Andere Hosts können problemlos installiert und benutzt werden, aber auch hier gilt: ein externer Bildschirm ist für die Nutzung Pflicht. Bisher kann der Host noch keine Audiotracks, auch automatisches Timestretching ist mit dem integrierten Sampler nicht drin. Das könnte man theoretisch mit einem über Rewire mitlaufenden Live ändern, aber leider unterstützt der Rhizome-Host das noch nicht.

Verbindung zur Außenwelt
Mit Anschlüssen ist Rhizome reichlich ausgestattet: neben sechs USB-Anschlüssen, einmal Firewire 400, DVI, HDMI, Gigabit Ethernet, ADAT, SPDIF/AES und einmal MIDI In und Out gibt es sogar noch einen PS2-Anschluss. In der kleinsten und der hier getesteten mittleren Ausstattung kommen dazu noch zwei analoge Eingänge und zwei (kleinste Variante) bzw sechs Klinkenausgänge, die Soundkarte ist von RME.

Oberfläche
Rhizomes Oberfläche ist aufgeteilt in vier schmale Displays unter und über denen sich die Bedienelemente finden: ganz unten 16 beleuchtete, MPC-artige Pads, darüber das erste Display, dann 16 gerasterte klickbare Endlosdrehregler, ein weiteres Display, sechzehn rechteckige Buttons, das dritte Display, eine weitere Reihe mit 16 Endlosdrehreglern und schliesslich das vierte und größte Display. Ganz oben befindet sich das übliche Transportfeld und je eine Undo und Redo Taste. Links und rechts am Rand nochmal je fünfzehn kleine Buttons zur Navigation zwischen den einzelnen Modi und Fenstern. Das sieht auf den ersten Blick zwar ziemlich unübersichtlich und überfrachtet aus, ist aber im Gebrauch dann doch sehr praktisch und ergonomisch sinnvoll. Die Verarbeitung der Hardware ist vorbildlich solide, die Pads und Drehregler fassen sich gut an und haben einen angenehmen Abstand voneinander, das Display ist gut lesbar und sicher hinter einer dicken Glasscheibe untergebracht.

Sequenzer und Song Environment
Rhizomes Sequenzer erlaubt pro Projekt 64 Patterns, die wiederum je 64 Tracks enthalten können. Jeder dieser Tracks kann wahlweise ein VST Instrument oder über MIDI auch ein externes Gerät steuern. Die Tracks lassen sich wahlweise im Step Editor mit den Pads setzen oder frei einspielen über das interne Keyboard (das aus den Pads besteht) oder ein über MIDI angeschlossenes. Editieren kann man sie dann im Grid Editor, der im Prinzip nichts anderes ist, als die klassische Pianorolle. Wie und ob die einzelnen Patterns zueinander synchronisiert werden, lässt sich pro Pattern bestimmen.

Sampler
Ein ganzes Environment wird dem integrierten Sampler spendiert, der auf Aufnahmen in Echtzeit spezialisiert ist, also jederzeit externe Signale aufnehmen und editieren kann, ohne dass der Sequenzer gestoppt werden müsste. Er hat keine besonderen Spezialitäten zu hieten, kann aber alles, was man üblicherweise zum Sampeln braucht: schneiden, normalisieren, filtern und loopen, schnell und unkompliziert.

Perf Live Environment
Das Perf Live Environment dient der Live Performance und erlaubt genau das, woran andere Grooveboxen gerne mal unnötigerweise grandios scheitern: bequemes Nachladen von weiteren Tracks (Projekten), ohne dass der Sequenzer gestoppt werden müsste. Dabei kann man auch an einem neuen Track basteln, während der alte läuft oder schonmal ein paar Spuren des neuen einmixen. Die Oberfläche erinnert an ein Digital-DJ-Setup: pro Track gibt es eine Transportsektion, einer der beiden kann der Master sein und sie lassen sich synchronisiert und unsynchronisiert spielen. Das ist die gelungenste Lösung für das Nachladeproblem, die mir bisher untergekommen ist.

Mixer Environment
Der Mixer bietet den Zugriff auf sämtliche verfügbaren 64 Kanäle inklusive Sends (bis zu 6), Inserts (ebenfalls 6) und die acht Stereobusse. Zusätzlich zu den VST-Effekten gibt es ein paar Standardtools pro Kanal: ein vierbandiger parametrischer Equalizer, ein Kompressor und ein Stereoverbreiter.

Performance
Angesichts der nicht wirklich aktuellen Prozessoren (Intel Core 2 Duo) könnte man ein wenig Angst bekommen, wenn es um die Performance geht, mir ist es aber (noch) nicht gelungen trotz exzessivem Einsatz von Plugins und mit 32 Spuren gleichzeitig der Soundkarte ein Knacksen zu entlocken, obwohl Rhizome derzeit softwareseitig noch am Anfang steht und dauernd Updates bekommt, was ja schonmal ein gutes Zeichen ist.

Mobil?
Rhizome ist mit seiner robusten Bauweise durchaus für den mobilen Einsatz geeignet, der Aufsteller an der Unterseite lässt sich mit zwei Handgriffen zum Tragehenkel umfunktionieren. Mit 12,5 Kilo ist das Teil aber nicht gerade ein Leichtgewicht und auch wenn Feeltune damit wirbt, dass es kabinentauglich ist (was von den Maßen her hinkommt), ist es doppelt so schwer, wie derzeit eigentlich für Handgepäck erlaubt.

Fazit
Das Konzept der Embedded Groovebox geht auf, vor allem wegen dem übersichtlichen User Interface, das gut an die Software angepasst wurde. Klar, hier und dort ist die Hardware/Software-Integration noch nicht perfekt, aber Rhizome hat ja gerade erst angefangen und kann per Update kontinierlich besser werden. Wünschenswert wären auf jeden Fall noch Audiotracks und Echtzeit-Timestretching, Rewire wäre auch nicht schlecht.
Der Vergleich mit einem schnellen Laptop mit guter Soundkarte und einem Controller liegt nahe und diese Kombination dürfte bei mehr Prozessorleistung und Arbeitsspeicher weniger kosten, dafür hat Rhizome eine ziemlich perfekt auf die Software angepasste Hardware, die viel mehr und direktere Eingriffsmöglichkeiten bietet und vor allem eine Menge Spass macht. Bleibt zu hoffen, dass sie dranbleiben und die Rhizome kontinuierlich weiterentwickelt wird. Wer auf der Suche nach einer gut bedienbaren Monstergroovebox ist und das nötige Kleingeld hat, sollte Rhizome auf jeden Fall ausprobieren.

Feeltune

Preis: 3021 Euro (XE-Variante mit Intel Core 2 Duo™, 2 Gb RAM, 250 G HDD, 28 I/O)

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