Klein, stark, billig und funky

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Mit den Volcas hat Korg die Hardware-Überraschung des Jahres geschafft und das nach der Neuveröffentlichung des MS-20 als MS-20 mini: noch nie gab es für so wenig Geld so viel Livemaschine.
Dabei erfinden die Volcas das Rad nicht neu: Alle Zutaten haben in Sachen Funktionalität reichlich Patina und bedienen sich frank und frei einerseits in Korgs eigener Gerätegeschichte (monotribe, Electribe, monotrons und Filterschaltung des miniKORG700S) und an den Klassikern der Konkurrenz (808, 303, Space Delay) andererseits. Immer im Fokus: intuitive Spielbarkeit.

von Benjamin Weiss aus De:Bug 176


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Gemeinsamkeiten
Allen gemeinsam ist der Betrieb über 6 AA-Batterien, das Netzteil muss dazu gekauft werden. Dazu gibt es einen MIDI-Eingang sowie Sync In und Out als Miniklinke und den Kopfhörerausgang (der gleichzeitig auch der Main Out ist); alle Anschlüsse sitzen auf der Gehäuseoberseite. Mit dem Sync können die Volcas ins Modularsystem eingebunden werden oder sich gegenseitig steuern. Das klappt zuverlässig und tight auch in der Kette: So lässt sich beispielsweise der Volca Beats per externer MIDI Clock synchronisieren, Bass und Keys hängen dann über Sync hinten dran. Alle Volcas kommen mit einer direkt reagierenden Multitouch-fähigen Folientastatur, die sich gut, aber ohne Anschlagsdynamik spielen lässt.

Der Sequenzer ist bei allen Volcas ein klassischer 16-Stepsequenzer, bei dem sich mit Active Step (wie schon bei der monotribe) einzelne Schritte deaktivieren lassen, wodurch sich einfach und schnell und vor allem immer im Sync rhythmische Variationen erstellen lassen. Dabei quantisiert der Sequenzer (abgesehen vom Keys im Flux-Modus) immer hart auf Sechzehntel.
Egal was man mit dem Sequenzer macht, die Volcas bleiben immer vorbildlich synchron – keine Selbstverständlichkeit, zumal Korg damit wirbt, den im Slave-Modus notorisch zu spät kommenden Electribe-Sequenzer zu nutzen. Einen Song-Modus gibt es nicht, jeder Volca kann bis zu acht Patterns speichern. Diverse Parameter können automatisiert und aufgenommen werden, wobei die Anzahl ziemlich unterschiedlich ausfällt: So sind es beim Keys fast alle klangformenden Parameter, beim Bass und Beats deutlich weniger.

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Volca Beats
Die Drummachine unter den Volcas ist lose angelehnt an die 808 und kommt mit analoger Bassdrum, Low Tom und Hi Tom Open und Closed Hihat; Clap, Claves, Agogo und Crash basieren dagegen auf PCM-Samples. Die Bassdrum kommt mit den Parametern Click, Pitch und Decay und kann von warmem Wummern bis hin zu klickigen Tackersounds all das, was man von einer klassichen analogen Drummachine erwartet, alllerdings ohne die Härte à la 909 oder Xbase 09. Die Snare hat statt Click Snappy und klingt ein bisschen fiepsig, selbst wenn Snappy und Decay voll aufgedreht sind. Die Toms können separat in der Tonhöhe eingestellt werden und besitzen ein gemeinsames Decay; auch hier gibt es klanglich keine großen Überraschungen. Die HiHats kommen ohne Pitch, aber mit jeweils eigenem Decay, via Grain lässt sich der Sound etwas metallischer drehen. Die vier PCM-Sounds klingen ziemlich Lo-fi und auf angenehme Weise roh; sie lassen sich ausschließlich mit PCM-Speed (Abspielgeschwindigkeit) editieren, das jedoch in so einem weiten Bereich, dass man damit im Prinzip Decay und Pitch auf einem Regler hat.
Der Sequenzer des Beats lässt sich wie ein klassischer Stepsequenzer editieren, alternativ kann man aber auch im Livemodus die Drumsounds unquantisiert direkt spielen und aufnehmen. Als Spezialität bietet der Beats-Sequenzer Step Jump: Damit lässt sich während des Abspielens der Startpunkt des Patterns verschieben, indem man über die Folientastatur wischt, was eine sehr spielerische Möglichkeit ist, Variationen aus einem Pattern herauszukitzeln. Schließlich ist da noch der Stutter-Effekt, wahlweise global oder separat pro Instrument nutzbar. Der funktioniert über die Parameter Time (Geschwindigkeit) und Depth (Intensität) und lässt sich mit einem einfachen Delay vergleichen, kann aber bei kurzen Einstellungen auch wie ein Ringmodulator klingen.
Dass es weder Swing noch Accent gibt, ist zu verschmerzen und zumindest beim Swing mit einer geshuffleten externen Clock über Sync umgehbar.

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Volca Bass
Der Volca Bass macht schon von außen klar, dass es hier um eine Bassline à la 303 gehen soll und bedient sich auch nicht nur im Aussehen und klangtechnisch an der Acidkiste schlechthin. Anders als die 303 bietet er aber drei VCOs, die sich einzeln muten lassen und wahlweise mit Sägezahn oder Rechteck als Wellenform laufen. Dazu haben alle Oszillatoren einen eigenen Pitch-Parameter, der den Wert beim Drehen praktischerweise in Halbtonschritten (und Cents im Bereich um die Mitte) im kleinen Display anzeigt; ein Beispiel für die vielen durchdachten und praktischen Details, die man so bei vielen deutlich teureren Analogsynths nicht zu sehen bekommt. Die VCOs können über VCO-Group zusammengefasst werden (wahlweise 2+1, alle drei zusammen oder alle drei monophon), um so Unison-artige Effekte und Verstimmungen zu erzeugen oder tatsächlich drei rudimentäre monophone Synths gleichzeitig zu haben, jeder mit seinem eigenen Sequenzer.
Ein bisschen 303 muss es dann doch noch sein: So gibt es auch einen programmierbaren Slide, automatisierbar ist sonst allerdings kein Parameter im internen Sequenzer.
Neben dem LFO, der auf Amp, Pitch oder Cutoff geroutet werden kann und wahlweise mit Rechteck oder Sägezahn läuft, gibt es zur Modulation noch eine einfache zuschaltbare ADR-Hüllkurve, die zusätzlich auch auf den Cutoff gelegt werden kann.

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Volca Keys
Der Volca Keys ist der zweite Synth der Reihe und orientiert sich auch vom Styling her nicht unbedingt an irgendeinem Vorbild. Er besitzt als einziger eine breitere Tastatur mit schwarzen Tasten, die sich, kleine geschickte Finger vorausgesetzt, auch ansatzweise wie ein Keyboard spielen lässt. Das hat den einfachen Grund, dass der Keys dreistimmig polyphon spielbar ist. Für die drei Stimmen gibt es verschiedene Modi: neben Poly und Unison noch Octave und Fifth, sowie Unison Ring und Poly Ring. Schon allein das schlichte Wechseln zwischen den Modi offenbart die Vielfältigkeit im Sound, mit Detune und Portamento lässt er sich weiter formen.

Zur Modulation gibt es einen wahlweise frei laufenden oder pro Step neu getriggerten LFO (mit Sägezahn, Dreieck und Rechteck als Wellenformen), der Pitch und Cutoff steuern kann, sowie eine ADRS-Hüllkurve, die sich auf den Filter und den VCO routen lässt.

Das Delay ist im Vergleich mit dem des monotron eher zahm und daher weniger für ausgiebige Feedback-Orgien geeignet, aber durchaus, um dem Sound mehr Ausdruck zu verleihen. Es lässt sich synchronisiert und freilaufend nutzen. Im Sequenzer lassen sich beim Keys alle klangformenden Parameter inklusive des Delay automatisieren; zusätzlich gibt es hier auch den Flux-Mode wie bei der monotribe, der aufgenommene Sequenzen mit Modulationen aber ohne Quantisierung wiedergibt und die Möglichkeit, das Pattern in halber oder viertel Geschwindigkeit zu nutzen und so deutlich zu verlängern.

Der Sound der Volcas ist grundsätzlich eher auf der warmen, etwas dreckig aufgerauhten Seite, außerdem rauschen sie hörbar, wenn auch nicht störend.
Die Filter der Synthesizer gehören nicht zu den markigsten und besten, tun ihren Job aber solide und verhältnismäßig unauffällig. Die Möglichkeit, fast alle Parameter auch via MIDI CCs zu steuern, erweitert die drei kleinen Maschinchen noch mal deutlich und macht sie auch als reine Klangerzeuger interessant (Freeware-Max4Live-Remotes dafür findet ihr hier). Die Bedienung ist extrem durchdacht und intuitiv. Die etwas unpraktisch und unübersichtlich gestalteten Manuals erübrigen sich eigentlich.

Alles in allem haben die Volcas natürlich hier und da auch kleine Schwächen, aber es ist erstaunlich, was man für so wenig Geld an zum Jammen einladender, einfach bedienbarer Funktionalität bekommt.
Korg könnte die Volcas durchaus als Plattform etablieren und noch großzügig erweitern, indem weitere Klassiker miteinander verrührt und neu kombiniert werden: Ein samplebasierter Drumcomputer wäre denkbar, aber auch ein Effektgerät mit Sequenzer mit diesem Formfaktor könnte ziemlich ergiebig sein. Ich könnte mir auf Anhieb mindestens fünf weitere Volcas vorstellen (und Tatsuya Takahashi, Haupt-Entwickler der Volcas, deutet so etwas in unserem Interview auch an)
Mir persönlich gefällt der Keys am besten, weil er die weitreichendsten Sequenzermöglichkeiten und Automationen bietet und vom Sound her einen sehr eigenen Charakter hat, aber auch der Bass und der Beats sind für den Preis eigentlich unschlagbar. Die Verarbeitungsqualität der weitestgehend aus Plastik gefertigten Volcas hat zwar keine Panzerqualitäten, sie sind aber durchaus robust genug, um sie auch ohne Hülle mal eben in den Rucksack zu stecken.

Preis: je 139 Euro

Korg

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