DAW, generalüberholt

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Entwarnung. Apple hat entgegen vieler Vermutungen die DAW nicht in den Software-Himmel geschossen. Die neue Version bringt zwar vor allem Features, mit denen die Mitbewerber schon lange angeben. Mit neuem Interface, durchdachter iPad-Fernbedienung und der Möglichkeit, eigene PlugIns zu schreiben, legt Cupertino gut vor. Das Herz von Logic, die über alle Zweifel erhabene Audio Engine, bleibt derweil unangetastet.

von Benjamin Weiss aus De:Bug 175

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Neuer Look
Gleich beim Starten zeigt sich deutlich, dass Apple das Interface generalüberholt hat: viel Platz, das Farbschema erinnert an Final Cut Pro X, alles wirkt klarer und ist einfacher ablesbar. Die Transport-Sektion ist nach oben gewandert, die Toolbar lässt sich einklappen, bleibt aber voll anpassbar. Auf der linken Seite wird die Bibliothek aktiviert und durchstöbert, unten Mixer, Noten/Audio-Editor und Smart Controls eingeblendet, rechts zwischen Listeneditor, Browser und Loops gewählt. Das alles macht die Oberfläche schonmal grundsätzlich übersichtlicher. Dazu tragen aber auch kleine Details bei wie zum Beispiel das automatische Ausgrauen von gemuteten Spuren oder die Multifunktionsoberfläche der Buttons im Channelstrip, die den Zugriff auf drei Funktionen gleichzeitig ermöglichen.

Track Stacks & Alternativen
Gruppen haben in Logic Pro X einen neuen Namen bekommen: Track Stacks. Die gibt es in zwei Varianten, einmal die einfachen “Ordnerstapel” mit Lautstärke, Solo und Mute, sowie die etwas umfangreicheren “Summenstapel”, die sich auch als Presets abspeichern lassen und automatisch einen eigenen Bus samt aller damit einhergehenden Optionen bekommen. Mit den Alternativen lassen sich verschiedene Versionen eines Projekts, unterschiedliche Mixes, Cuts und so weiter sichern.

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Bleibt kompatibel
Logic Pro X sieht zwar fundamental anders aus, die Engine bleibt aber gleich. Die Preferences von alten Versionen werden direkt übernommen; Logic Pro X ist weitestgehend abwärtskompatibel. Tatsächlich geht das sogar soweit, dass auch sämtliche Legacy-PlugIns der bisherigen Version mit dabei sind, inklusive derer identischer grafischer Oberfläche. Das ergibt dann gerade mit dem ansonsten sehr auf Übersichtlichkeit bedachten UI der neuen Version einen teilweise recht krassen Kontrast. Aber ich gehe mal davon aus, dass eines der nächsten kleineren Updates auch die Oberfläche der alten PlugIns glattziehen wird. Die Abwärtskompatibilität erstreckt sich sogar auf den Audio-Content, der selbst die alten Apple Loops umfasst.

64 Bit bitte
Schon 2010 hatte Apple deutlich gemacht, dass in Zukunft 32-Bit-PlugIns nicht mehr unterstützt würden. Jetzt ist es soweit: Obwohl die Engine theoretisch (weil zur alten identisch) dazu mit der 32-Bit-Bridge noch fähig wäre, fällt die jetzt weg. Ansonsten dürften sich alle Fans der internen PlugIns darüber freuen, dass die allesamt noch vorhanden sind, inklusive dem inzwischen etwas angestaubten Design.

Smart Controls
Mit den Smart Controls sind erweiterte Macros mit an Bord. Die sind für die Fülle an mitgelieferten Effekten und Instrumenten schon vordefiniert, können aber editiert und auch für alle anderen Audio Units genutzt werden. Hinter dem naturrealistischen Interface versteckt sich eine sehr genau anpassbare Editieroberfläche. So lassen sich nicht nur die Wertebereiche genau bestimmen, sondern praktischer Weise auch das Ansprechverhalten über eigens definierbare Kurven. Mit dem “Vergleichen”-Feature kann man dann schnell ausprobieren, ob die neue Kreation eine Verbesserung ist oder nicht. Die Smart Controls lassen sich auch aus verschiedenen PlugIns zusammenstellen und erlauben so eine perfekt auf die eigenen Bedürfnisse angepasste Fernsteuerung, die sich auch für externes MIDI-Equipment nutzen lässt, ohne dass man sich dazu ins Environment (das es übrigens auch noch gibt) stürzen müsste.

Logic Remote
Mit Logic Remote gibt es erwartungsgemäß eine iPad-App, mit der sich Logic in vielen Bereichen fernsteuern lässt. Da ist einmal das Mixer-Interface, mit dem sich die meisten Features (Lautstärke, Panning, Sends, Aktivierung der verschiedenen Automationsmodi) bequem steuern und automatisieren lassen, inklusive der Möglichkeit, die Transport-Position zu steuern, zwischen Locators hin und her zu springen und den Transportbereich zu zoomen. Leider gibt es noch keinen Überblick über das Arrangement (wie das zum Beispiel die Remote von Cubase, Cubase IC Pro bietet).
Wer die iPad-App “Actions” kennt, wird sich bei den Keyboard-Shortcuts gleich zurechtfinden: Hier lassen sich pro Page Achtzehn Keyboard-Kürzel definieren, die Transport-Sektion ist zusätzlich auf jeder Page vorhanden. Sehr praktisch, wenn man gerade nicht direkt vor dem Rechner sitzt, oft aber auch schneller als die entsprechende Tastenkombination.
Von der iPad-Version von Garage Band wurden die Spielweisen übernommen, so dass sich zwischen diversen Keyboard-Versionen und Größen, Skalen, der Gitarrenoberfläche und Pads wählen lässt, unabhängig davon, was damit gespielt werden soll. Zusätzlich tauchen hier bei Bedarf auch immer gleich die entsprechenden Smart Controls auf, die sich so komfortabel per Wisch automatisieren lassen. Dazu gibt es eine interaktive Hilfe, die auf dem iPad Informationen zu den Funktionen liefert, über denen sich gerade der Mauszeiger befindet.

Flex Pitch
So heißt die neue Tonhöhen-/Timing-Korrektur in Logic Pro X. Mit einem sehr aufgeräumten und übersichtlichen Interface lassen sich monophone Signale korrigieren, wobei verschiedene Anfasspunkte für unterschiedliche Parameter zuständig sind. Das ist grafisch eine sehr clevere, wenn nicht aktuell sogar die beste Visualisierung eines solchen Tools. Die Audioqualität ist in maßvollen Grenzen gut, kommt aber (wie bei anderen DAWs auch) nicht an die Qualität von Spezialisten wie Celemonys Melodyne heran. Von FlexPitch analysierte Audiospuren lassen sich auch als MIDI exportieren. Praktisch für Begleitungen und harmoniegerechte, komplexere Korrekturen.

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Drummer, Drum Kit Designer
Der virtuelle Schlagzeuger hält Einzug in Logic. Drummer bietet eine Reihe von verschiedenen Stilen, die von fünfzehn verschiedenen Studiodrummern eingespielt wurden, aber auf sehr vielfältige Arten (Groove, Anzahl und Art der Fills, benutzte Drums usw.) angepasst und in der Spielweise modifiziert werden können. Kein “echter” Drummer, dabei aber deutlich näher dran als Drumloops und viele andere virtuelle Drummer, denn er kann auch einer beliebigen Spur im Timing folgen. Dazu kommt mit dem Drum Kit Designer ein Editor, mit dem man sich aus bekannten Komponenten ein maßgeschneidertes Kit zusammenstellen kann.

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Neue MIDI-PlugIns und der Script Editor
Die MIDI-Neulinge präsentieren sich im sehr aufgeräumt-großflächigen neuen Design, das, so wie es aussieht, auch für Touch vorbereitet ist: viel Platz zwischen den Parametern, großzügig-flächige Buttons; das Gegenteil der mit Parametern überfrachteten alten PlugIns. Der Arpeggiator beherrscht dabei nicht nur alle handelsüblichen Skills, sondern hat auch ein paar Extras auf dem Kasten, zum Beispiel äußerst komplexe, akkordgesteuerte Stepsequenzen. Weitere Neuheiten: diverse Modulationstools und auch einfache Werkzeuge zur Velocity-Manipulation.
Zusätzlich lassen sich erstmals eigene MIDI-PlugIns mit einem Script Editor erstellen, vorausgesetzt man bringt Grundkenntnisse in JavaScript mit. Das Feature ist ziemlich interessant, aber leider noch etwas unterdokumentiert; mal sehen was da die nächsten Updates bringen.

Logic Pro X ist für alle, die keine 32-Bit-PlugIns brauchen, ein lohnendes Update: übersichtlicher, aber abwärtskompatibel und mit nützlichen neuen Features wie den Smart Controls, der Remote fürs iPad, Flex Pitch und den sehr gelungenen MIDI-PlugIns, allen voran der Arpeggiator. Die Prozessoranforderungen sind im direkten Vergleich zu Logic 9 trotz der neuen Funktionen nur minimal gestiegen, das neue Logic bleibt trotz aller Umbauarbeiten sehr stabil. Die neuen Instrumente sind, mal abgesehen von Drum Kit Designer und Drummer, inzwischen DAW-Standard: E-Pianos, Amps, ein paar neue Stomp-Boxes und eine Moog-Emulation als Synthesizer, die alle gut bis sehr gut klingen, dabei aber kein schlagendes Kaufargument sein dürften. Der Preis ist für Einsteiger dagegen sehr interessant: Mit 179 Euro ist Logic Pro X aktuell das günstigste DAW-Gesamtpaket für den Mac, inklusive mehr als 30 GB Content. Dass es kein dediziertes Upgrade für Logic 9-User gibt, dürfte diese ärgern, allerdings entspricht der Preis dem vorherigen Upgrade-Preis auf Logic 9.
Insgesamt ist Apple mit Logic Pro X ein Update gelungen, das an den richtigen Stellen ansetzt, um eine etwas in die Jahre gekommene DAW auf den heutigen Stand zu bringen, ohne dabei die Kompatibilität zu alten Projekten zu verlieren. Zwar gibt es hier und da Reste, die noch nicht ganz ins neue Bild passen. Aber alles in allem hat Apple eine Menge Arbeit investiert, die die Software spürbar verbessert und wieder ganz nach vorne gebracht hat.

Preis: 179 Euro

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