808, 909 und 303 im Remix

Nach gefühlten Jahrhunderten und tatsächlichen Jahrzehnten hat Roland seine größten Klassiker 909, 808 und 303 mit der AIRA-Reihe neu geremixt und damit ordentlich Staub aufgewirbelt. Nachdem Korg mit der Neuauflage des MS-20, den monotrons, der monotribe und nicht zuletzt den Volcas vorgemacht hatte, wie man mit seit langem bewährten traditionellen Konzepten und einer einfachen Bedienung für wenig Geld großen Erfolg haben kann, ist der Groschen auch bei Roland gefallen. Die vier Geräte (VT-3-Test kommt noch nach, ebenso System 1 und vielleicht auch die Sync Box, sollte sie jemals das Licht der Welt erblicken) mit froschgrünem Rand und viel buntem Light-Candy haben zwar designtechnisch leider nur wenig geerbt von ihren Ahnen, aber durchaus den richtigen Sound in der DNA.

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TR-8
Die TR-8 ist in etwa so groß wie ein 15-Zoll Laptop und mit knapp zwei Kilo relativ leicht, aber wie auch der Rest der AIRAs einfach, aber solide verarbeitet. Anschlußseitig gibts neben einem Stereoausgang noch zwei frei belegbare Einzelausgänge, einen Kopfhörerausgang und einen Stereoeingang. Dazu kommen MIDI In und Out sowie ein USB-Anschluss und der für das externe Netzteil. Über den USB-Anschluß lässt sich die TR-8 als 24 Bit/ 96 kHz Audio Interface am Rechner nutzen (mit Einzelausgängen für jedes Instrument), kann aber auch MIDI schicken und empfangen.

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Die 11 Instrumente bieten je einen Fader für die Lautstärke und vier (Bassdrum und Snaredrum) bzw zwei (alle anderen Drumsounds) Drehregler für die Klangparameter. Bei der Bassdrum sind das Tune, Attack, Decay und Comp, bei der Snaredrum Tune, Snappy, Decay und Comp. Comp sorgt bei beiden für reichlich extra Punch und Lautstärke, was aber im Zusammenspiel mit der im Verhältnis deutlich geringeren Lautstärke beim Rest der Instrumente dafür sorgt, dass man sie sehr vorsichtig lauter machen muss, wenn alles aus dem Stereoausgang kommt, weswegen es wahrscheinlich am sinnvollsten ist, die Einzelausgänge für Bassdrum und Snare zu nutzen. Der Rest der Instrumente bietet Tune und Decay. Mit Drum Select lässt sich pro Instrument wählen, ob die 808- oder die 909-Version benutzt werden soll, wobei spätestens hier angesichts der vielen leeren Steps daneben klar wird, dass Roland die TR-8 noch mit jeder Menge anderer Drum-Emulationen füllen könnte (und wohl wird, als nächstes soll die 707 dran sein, dann wahrscheinlich die CR 78). Die Bandbreite der Parameter ist zum Teil, etwa beim Tune der Hihats, etwas konservativ und könnte deutlich breiter ausfallen, klingt aber über den gesamten Bereich gut. Die Accent Funktion kommt mit einem eigenen Regler und lässt sich stepweise für alle Instrumente gemeinsam definieren.
Dazu gibts zwei Effekte: einmal ein Reverb und ein Delay. Die sind ebenfalls stepweise nutzbar und wirken immer auf das Gesamtsignal, das lässt die Anleitung zumindest zunächst vermuten. Mit ein wenig Ausprobieren geht´s dann doch auch separat: einzelne Instrumente können aus dem Kit-Modus heraus bei gedrückter Steptaste des Effekts über die Instrumenttaster dem Effekt zugeschaltet werden. Auch Panning (ebenfalls undokumentiert) ist möglich: Instrument-Taste gedrückt halten, BPM-Knob drehen.

Das Reverb kommt mit Level, Time und Gate und klingt in fast allen der acht Presets ziemlich großräumig, leider ist der Level-Regler äußerst empfindlich, verhältnismässig wenig Reverb bekommt man nur auf dem ersten Viertel, danach wirds doch, abhängig davon welches Preset gewählt ist, sehr hallig. Das gleiche gilt für das Delay, das soundtechnisch ein bisschen in Richtung Space Delay geht, gut klingt und neben Level noch Time und Feedback bietet und ebenfalls mit acht Presets kommt. Da sollte Roland nochmal feinjustieren, auch der Time-Parameter ist nur mit viel Fingerspitzengefühl einstellbar. Über den Stereoeingang lassen sich externe Signale per Sidechain bearbeiten, was nicht nur klassische Pumpeffekte, sondern ziemlich genaue Eingriffe in den Groove erlaubt, denn der Sidechain hat ebenfalls acht unterschiedliche Modi und kann stepweise gesetzt werden.

Schliesslich gibt es noch den Mangle-und Stotter-Effekt Scatter: in 10 Variationen wird das Gesamtsignal geloopt, rückwärts gespielt und neu zusammengesetzt, mit einem großen Drehregler kann die Intensität des Effekts gesteuert werden.  Scatter lässt sich in manchen Einstellungen nur schwer rhythmisch sinnvoll einsetzen und wirkt mit seiner eckigen Zerhackerei dann ein wenig deplatziert.

 

Der Sequenzer bietet ganze sechzehn Patterns mit je ein bis 32 Steps Länge (Last Step, A/B-Pattern) und die übliche stepweise Programmierung oder direktes, aber quantisiertes Einspielen über die Steptaster. Nebeneinanderliegende Pattern lassen sich chainen. Auch der 909-Shuffle bzw. etwas sehr Ähnliches hat es in die TR-8 geschafft: Über den etwas klein geratenen Shuffle-Knob lässt sich den Patterns stufenlos positiver und negativer Shuffle verpassen.

Note Repeat wird über die Steptasten gesteuert: zur Wahl stehen Achtel, Sechzehntel und zwei Variationen. Die lassen sich bei mehreren gleichzeitig gedrückten Modes kombinieren, was ziemlich funky Variationen ermöglicht. Schliesslich gibt es noch einen Mute-Taster für die einzelnen Instrumente, Solo aber nicht.

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TB-3

Die TB-3 kommt mit gerade mal fünf Drehreglern, alle anderen Funktionen werden über das Touchpad bedient.  Das Audio Interface der TB-3 ist auf zwei Ein- und Ausgänge begrenzt und ebenfalls fest auf 96 kHz eingestellt. Volume, Cutoff, Resonance, Accent und Effect haben je einen Regler, Envelope Modulation wird über das Touchpad gesteuert, das auch als Keyboard fungiert und die Buttons für die Patterns. Zwar lässt sich nicht zwischen Square und Saw umschalten, aber die erste der vier Soundbänke ist komplett für verschiedene 303-Variationen reserviert, wobei der Effect-Regler hier und da neben Effekten auch einen zusätzlichen Eingriff ins Filtergeschehen bietet.

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Der Sound der 303-Emulationen ist bei den allermeisten Presets gelungen und auch ein paar der anderen Klänge sind ziemlich überzeugend, was aber nicht unbedingt für alle fest zugeordneten Effekte gilt.

Der Sequenzer der TB-3 hat zwei Modi: einmal den Step Mode, in dem sich pro Step die Tonhöhe, Accent , Slide, Rest/Tie und Octave Up/Down definieren lassen und dazu einen Realtime Modus, in dem sich die Noten über das Keyboard quantisiert einspielen lassen. Einmal programmiert und aufgenommen können die Pattern über das Touchpad ausgewählt werden, für mehrere hintereinander wischt man einfach über die gewünschten Patterns drüber. Pro Pattern gibt es maximal 32 Steps, insgesamt stehen 64 Patterns in acht Bänken zur Verfügung. Auch hier gibts den negativen/positiven Shuffle wie bei der TR-8 und eine Randomfunktion für Patterns, die zum ziellosen Losjammen einlädt.

Leider gibt der sehr praktisch und schnell bedienbare TB-3 Sequenzer über MIDI keine Transponierung aus, denn die scheint Roland intern zu berechnen, ansonsten lässt er sich aber prima auch mit dem Touchpad für externe Geräte oder Plugins nutzen. Scatter ist in der TB-3 sinnvoller einzusetzen als in der TR-8, hat hier jedoch auch eher enge Grenzen, wenn es um tatsächliche Nutzbarkeit geht: die Funkyness einer Bassline gewinnt nicht unbedingt durch eckiges Gestotter und auch hier muss man sehr treffsicher sein, um den Effekt an einer sinnvollen Stelle zu starten.

Sound

Insgesamt klingt das Analogue Circuit Behaviour wirklich erstaunlich gut, so dass sich die eh schon reichlich zähflüssige  Analogdiskussion erübrigt, denn digitale Artefakte sind nirgends zu hören, der Sound ist immer verdammt nah dran und klingt ziemlich fett. Klar, 808, 909 und 303 klingen schon ein bisschen anders (und im Original altersbedingt staubiger), was bei einzelnen Instrumenten zu hören ist (Cowbell und Rim etwa) aber nicht so sehr, dass es groß ins Gewicht fallen oder stören würde.

Weder bei der TB-3 noch bei der TR-8 können bisher Reglerbewegungen in den Sequenzer aufgenommen werden, was natürlich ein bisschen schade ist. Das könnte sich allerdings noch ändern, denn bei beiden lassen sich alle Klangparameter auch extern über MIDI CCs steuern, was darauf hindeutet, dass die Funktion mit einem Firmware-Upgrade integriert werden könnte. Beide schicken nicht nur MIDI CCs, sondern auch die Noten der Sequenzer, allerdings mit zwei Ausnahmen: Note Repeat wird bei der TR-8 leider lediglich als lange Note ausgegeben und die TB-3 schickt die Transponierung der Sequenzen nicht über MIDI raus.

Überhaupt scheint Roland mit der AIRA-Reihe so eine Art erweitertes Public Beta zu machen: diverse Funktionen (wie die Parametrisierung bei der TR-8) wirken noch nicht ganz fertig, andere sind undokumentiert und müssen erst herausgefunden werden, an gewissen Stellen könnte man sich gut noch Erweiterungen per Update vorstellen, die wohl auch kommen werden.

Roland hat bei den AIRAs bei TR-8 und TB-3 extrem viel richtig gemacht, was bei den vorherigen Versuchen die eigene Gerätegeschichte in neue Maschinen zu integrieren zumeist gnadenlos schief lief: die Klangcharakteristik der Originale gut getroffen, aber auch die Spezialitäten ihrer Bedienung, wo sie sinnvoll sind übernommen, und mit der Audio Interface-Funktion die Gegenwart gekonnt integriert.

Weniger überzeugend sind für meinen Geschmack die Scatter-Effekte, ansonsten kann man für den Preis aber bei TB-3 und TR-8 sicher sein, dass man so günstig keinen so guten Klon bekommt, der so viel Spass beim Jammen macht und dermassen livetauglich ist. Alles, was sich mit 808, 909 und 303 machen lässt, geht auch mit TB-3 und TR-8, der Groove stimmt, der Sound auch und nicht zuletzt der Preis.
Interessant ist die Informationströpfelstrategie, die Roland bei den AIRAs verfolgt, um unsere Aufmerksamkeit konstant hoch zu halten: erst die Teaser, dann die offizielle Vorstellung und nach und nach Features, die im Manual (noch) nicht erwähnt (MIDI CCs, Einzelbelegung für die Effekte, Panning usw.) aber trotzdem vorhanden sind und als letztes noch die beiläufige Erwähnung, dass es demnächst neue Drum Models für die TR-8 geben wird: Da kommt noch was nach.

Preise:

TR-8: 499 Euro

TB-3: 299 Euro

Roland

11 Responses

  1. Peter

    Wiederspruch. Samples sind kein Vergleich. Die Tr-8 klingt super und vor allem das Jammen mit ihr macht riesig Spaß. Nachdem ich herausgefunden hatte, wie man die LEDs dimmen kann gabs kein halten mehr. Gut gemacht Roland.

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    • Franz

      Peter, wie geht das mit dem DIMMEN der LEDs? meine TR-8 ist verstellt und konstant dunkel und ich bekomm sie nicht wieder hellgestellt :(

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      • Peter

        Hi Franz,
        das Video hier zeigt eine Menge gute Features: https://www.youtube.com/watch?v=v-CNUVxSi9s#t=20

        Die LEDs stellt man im Systemmodus ein (siehe Video) – hier den Depht Button vom Scatter gedrückt halten und dann mit dem Scatter Regler zwischen 1 – 6 wählen. Man sieht das Ergebnis erst, wenn man wieder im normalen Modus ist.
        Außerdem gibt es noch ein Feature für den Sequenzer: Beim setzten des Steps den Instrumentenanwahlbutton gedrückt halten erzeugt einen leiseren Step.

        VG

  2. fromabctoxyz2014

    Ja, natürlich, die Handhabe mal aussen vorgelassen. Aber den schönen staubigen Sound (allein Variationen durch Betriebstemberatur) wirst du eben mit den Remakes nicht bekommen.

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  3. fromhell

    Zum Audiointerface: da viele ja wohl mehr als ein Aira-Gerät an der DAW betreiben wollen oder werden, stellt sich die Frage, ob der USB-Treiber mehrere Geräte gleichzeitig zulässt.. Konntet Ihr irgendwas dazu herausfinden? Vielen Dank fürs Nachchecken

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  4. thomas

    Die Dinger sehen voll geil aus das wäre sicher ein Kauf wert, aber vor kurzem bin ich über diese Website gestossen http://producerfactory.com/ ein Portal wo ghost producer Tracks gegen Bezahlung verkaufen, da mach ich mir schon gedanken ob es sich noch lohnt in so teures Gear zu investieren.

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  5. Martin

    Hat die TR-8 immer nur einen Drumkit zur Auswahl für alle 16Patterns oder kann man verschiedene Drumkits auf verschiedene Pattern irgendwie speichern/ablegen?

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