Modulare Schrankwand auf handlich geschrumpft

Je mehr Patchmöglichkeiten ein Modularsystem hat, desto größer, schwerer und unbeweglicher ist es. Diese Grundregel wollen Anyware Instruments mit ihrem Tinysizer außer Kraft setzen.

von Benjamin Weiss aus De:Bug 155

Übersicht
Der Tinysizer macht seinem Namen alle Ehre: was sich sonst gerne mal platztechnisch auf ein bis zwei Quadratmeter erstreckt, ist bei ihm im superkompakten, nichtmal 12“-großen Metallgehäuse untergebracht. Mitgeliefert wird eine Schwanenhalslampe und ein extrem praktischer Ständer, mit dem sich der Tinysizer sicher in der gewünschten Neigung aufstellen lässt.
Trotz der kleinen Oberfläche sind sämtliche 42 Drehregler und die 350 Patchpunkte bequem erreichbar und lassen sich gut bedienen. Das liegt vor allem an der ziemlich pfiffigen Idee, alle Steckverbindungen mit einfachen Lötlitzen zu realisieren. Auch wenn es zunächst eher ungewohnt und etwas unübersichtlich erscheint, lässt sich damit schnell arbeiten, bei komplexeren Patches helfen allerdings verschiedenfarbige Lötlitzen dabei, dass man die Bäume im Wald auch unterscheiden kann. Das Konzept der Lötlitzen hat einen weiteren Vorteil: alle Patchpunkte sind mindestens zwei mal abgreifbar, was zu wesentlich mehr Möglichkeiten führt, wenn es um komplexe Verschaltungen geht, die sich mit anderen modularen Synthesizern so nicht realisieren lassen.

Klangerzeugung & Modulationen
Die am Oberheim SEM angelehnte Oszillatorsektion erscheint zunächst sehr spartanisch ausgestattet: zwei Oszillatoren mit Glide und wahlweise Rechteck oder Sägezahn als Wellenform, der zweite bietet aber noch drei Suboszillatoren, dazu rosa und weisses Rauschen und einen Waveshaper sowie FM.
Die Filtersektion mit 12 db Flankensteilheit profitiert von den mehreren Patchpunkten sehr: Tiefpass, Hochpass und Bandpass lassen sich einzeln je zwei mal abgreifen und bei bedarf auch saftig anzerren. Der Klang der Filterschaltung geht von sanft bis bei aufgedrehter Resonanz relativ ruppig, tut aber nie in den Ohren weh und klingt auf verblüffende Weise irgendwie immer angenehm rund und voll. Modulationstechnisch bietet der Tinysizer neben drei LFOs von denen einer einen FM-Eingang hat und die anderen beiden auch invertiert genutzt werden können zwei ADSR-Hüllkurven und einen Ringmodulator. Schließlich gibt es noch zwei einfache, aber gut klingende DSP-Effekte, nämlich ein Delay und ein Reverb.

Steuern und extern Füttern
Für die externe Steuerung bietet der Tinysizer neben MIDI In und Thru noch vier mal CV und 6 mal Gate als Eingänge, außerdem lässt er sich auf vielfältige Weise mit Audiosignalen füttern: über die Auxiliary genannten kombinierten Ein- und Ausgänge (Tip/Ring) ergeben sich insgesamt zehn verschiedene Möglichkeiten, Sound in den Tinysizer rein und wieder rauszuleiten.

Live
Livetauglich ist der Tinysizer nur bedingt: der kompakte Formfaktor und das geringe Gewicht laden zwar geradezu zum Mitnehmen ein, das Stecksystem mit den Lötlitzen offenbart aber ein Problem: wer zufällig an die dranstösst, löst dabei kurze Störgeräusche aus.

Fazit
Alles in allem ist der Tinysizer der gelungene Versuch, einen komplexen Modularsynthesizer in einem extrem kompakten Gehäuse unterzubringen und dabei trotzdem übersichtlich und bequem bedienbar zu halten. Beim Patchen mit den Lötlitzen muss zwar wegen der recht kleinen Beschriftung genau hingesehen werden, die bakelitartigen Drehregler haben aber einen komfortablen Abstand zueinander und fassen sich sehr gut an. Der Gesamtsound ist grundsätzlich eher von der zarten Seite, richtig aggressiv klingt der Tinysizer eigentlich nie, eher ausgewogen schmatzig und falls nötig auch mit ordentlich Bassdruck. In seinen besten Momenten lässt er sich vom Sound her durchaus mit dem Cwejman S1 MK2 vergleichen, auch wenn er natürlich nicht ganz dessen klangliche Bandbreite erreicht. Alles in allem ein sehr praktischer, gut durchdachter Modularsynth mit eigenem Charakter, der extreme Patchorgien auf kleinstmöglichem Raum erlaubt.

Preis: 1290,- Euro

Anyware Instruments

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