Der perfekte Synth für unterwegs

blofeld.jpg

Von Ji-Hun Kim aus De:Bug 121

Die deutsche Firma Waldorf hat in den 1990er-Jahren Synthesizergeschichte geschrieben. Microwave, Q oder Pulse … die Schlachtschiffe standen in den Studios der Welt. Jetzt ist Waldorf zurück und bietet mit dem Blofeld den perfekten Synth für unterwegs: klein, kompakt und mit ordentlich Power.

Mit dem Blofeld meldet sich Waldorf zurück. Mit einem hochkarätigen Namenspatron, nämlich keinem Geringeren als dem ewigen 007-Gegensacher Ernst Stavro Blofeld, wird hier Großes vorgenommen. Preislich weit unter 500 Euro fürs untere Segment kalkuliert und sonst in Design und Größe näher an einem iPod als einem Patchkabelpanzerschrank. Es soll den sonst so Softwaresynth-affinen Laptopbastlern der Zugang zu “echten“ Synthesizern reizvoll gemacht werden. Aber was ist es nun? Der Anspruch auf Weltherrschaft oder doch eher der Dr.Evil-Sidekick Mini-Me?

Doch die Frage vorneweg. Das Potential des Blofeld ist eher Grand Slam als die Gerry Weber Open, die Form und die Ausgestaltung sind definitiv eher Simplicity und Minimalismus als fulminante Dr.-No-Schaltzentralen. Also eine Chimäre?! Packt man den Blofeld aus, ist zunächst nicht so ganz klar, was man da wirklich in der Hand hält. Reduziert kommt auch die äußere Ausstattung. Digitalen Output, unzählige Audioausgänge und Midi Thru/Out sucht man vergebens. Dafür ein solides Metallgehäuse in Dunkelweiß und ebenso zeitlos elegante Endlos-Edelstahl-Potis, insgesamt sieben an der Zahl für die gesamte Kontrolle. Dazu kommen ein Midi-In, ein Headphone-Out, ein Stereo-Klinkenoutput und eine USB-Schnittstelle. Das soll reichen.
Schaltet man den Waldorf-Benjamin an, begrüßt er einen auf dem einfachen, monochromen, aber durchaus lesbaren Display mit “From Germany with Love“. Überhaupt ist es vielmehr teutonisches Understatement, was hier vermittelt wird, und nicht verspieltes südostasiatisches Featuregedaddel. Zwar ist der Blofeld für den Desktopgebrauch konzipiert, kann aber auch über einen optionalen Rack-Adapter in jede 19-Zoll-Umgebung eingeschraubt werden. Gerade das Netzteil, welches eher einem schlanken Handyladegerät als einem dicken Märklin-Trafo ähnelt, macht die Windrichtung deutlich: Dieses Synthesizermodul soll auch meiner Freundin gefallen.
Es wurde hier die neueste Generation der Waldorf Analog Modeling Technologie implementiert. Man verfügt über drei wirklich schnelle Oszillatoren, insgesamt tausend komplett editierbare Sounds über acht Banks verteilt, intelligente Arpeggiatoren und eine hochwertige Effektsektion. Die hier implementierten Klangspektren bieten von warmen Pads über hochmoderne Minimal-Percussionsounds und den berühmt-bratzigen Bassklängen alles an, was man von Jean Michel Jarre (überhaupt wird hier Geschichtsbewusstsein groß geschrieben, der jungen Notebookgeneration soll ja auch gezeigt werden, was soundmäßig Sache ist) über High-End-Popproduktionen bis zu IDM kennt. Bis auf die fehlende Hardwarewucht hat man selten das Gefühl, es mit einem minderbemittelten Stiefkind der Waldorf-Familie zu tun zu haben, sondern eher mit einem kleinen Kronprinzen. Eine gute Erziehung (er verfügt nicht nur über die Sounds des Patriarchen Q+, sondern auch über eine leistungsstarke Wavetable-Engine), elegantes Auftreten und ein gutes Mundwerk (die Filter sind klasse) zeugen von wahrhaft gutem Hause und machen den Blofeld in jeder Hard- und Software-Gesellschaft zur vorzeigbaren Entourage.

Der Blofeld verhält sich auch sonst sehr unkompliziert, nur ist man wegen der (vielleicht doch zu geringen) Anzahl der Potis dazu verleitet, schnell mal den Überblick zu verlieren, was, wann und wie gerade am Sound gedreht wurde. Zwar ist klar, dass Purismus hier die Ansage ist, aber direktes Abspeichern von neugefummelten Klängen über einen SD-Slot oder ähnlichem würden gerade bei Livesets von Vorteil sein, auch funktioniert anscheinend der USB-Port nur als Slave, was ein bisschen gegen Full-Connectivity spricht.
Der Gesamteindruck des Blofeld lässt sich dennoch in keinster Form schmälern: Gerade das schlanke Design, die sehr guten Sounds und eine durchaus intuitive Bedienung könnten den neuen Waldorf zum Massenkult werden lassen. Für fast jedermann erwerbbar und für jeden Softwaresynth-konditionierten Produzenten mit Sicherheit eine kleine Offenbarung.

Waldorf

Preis: ca. 400 Euro

6 Responses

  1. Meto

    hey,

    das mit den “schnellen Oszillatoren” (spielen nur oberhalb von C4, was? hehe…) war sicher ein Versehen – schnelle Hüllkurven vielleicht?

    Meto

    Reply
  2. Impulsound

    Oder doch die schnellen LFO`s,
    davon gleich 3 pro Stimme und 4 schnelle Hüllkurven pro stimme.
    3 OSC pro Stimme und bis zu 25 Stimmen.

    Reply
  3. Dayflight

    Für unter € 400 einen Q+ plus Wavetables in 1 A Qualität…keine Frage: ein “Sollte man haben”. Insbesondere der prägnante und ausgewogene Klang setzt sich gut durch.
    Nur leider ist aktuell der Multimode noch sehr starr. So sind z.B. keine Layer von 2 und mehr Sounds möglich. Das sollte Waldorf schnell ändern.

    Reply
  4. Larsagne

    Denke das der Blofeld genug Layer hat.Wenn kein passender dabei sein sollte muss man sich halt darauf selber einen zusammenbauen.Das funzt auf dem Blofeld sehr gut.Und gerade das macht ein Synthi aus.Das nicht immer auf die Presets zurück gegriffen wird sondern das damit auch mit gearbeitet wird.Beispiel: Spitzen;cutoff,und Hüllkurven ändern.

    Reply
  5. Horst da Hustler

    Hab ihn sofort nach Release gekauft und seitdem im Einsatz. 100% glücklich bin ich damit nicht. Geiler Klang und massig Presets (wers braucht), die dann aber überwiegend 80s-Trash aus dem Q. Gute Übersicht mit dem Display, aber oft Shift-Tasten-Terror beim navigieren durch die zahlreichen Menus – erst Recht im Multimode. Der ist auch nett gemeint, aber ausreizen kann man ihn selten, da macht die DSP bei aufwändigen Sounds meist lange vor den theoretischen 16 Parts dicht. Und die Firmware läuft nach 2 (3?) Updates immer noch nicht sauber, ne Menge Bugs, Knackser beim durchzappen der Prests, Lautstärkenschwankungen… Halt kein Gerät für Verwöhnte, sondern ne Schrauberkiste mit Macken und ordentlich Knarzpotential. Aber dass der interne Speicher erst mit dem SL-Update für satte 100 (!) € frei nutzbar wird, ist absurd. Schaltet Opel bald auch nachträglich zusätzliches Kofferraumvolumen gegen Aufpreis frei?

    Reply

Leave a Reply