Rücksturz in die Neunziger

Mit dem Pulse 2 hat Waldorf einen der einflussreichsten Synthesizer der späten Neunziger reaktiviert: den Pulse bzw Pulse +, der quer durch alle Genres in etlichen Releases dieser Zeit zu hören ist.

von Benjamin Weiss aus De:Bug 178

Der Waldorf Pulse 2 sitzt im gleichen Stahl-Desktop Gehäuse wie der Blofeld, kommt mit acht massiven Drehreglern und einer Bedienungsmatrixs, über die sich übersichtlich alle Funktionen finden lassen: links einen Button drücken, und schon liegen die entsprechenden Parameter auf den sechs Endlosdrehreglern. Das wäre mit dem verfügbaren Platz auch nicht anders möglich, ist aber tatsächlich sehr schnell und übersichtlich. Das große, beleuchtete Display zeigt in gigantischen Lettern die Nummer des Presets an, darunter steht dann klein auch der Name, was etwas kurios anmutet. Die weichen bei einigen wenigen Untermenüs (mehr als zwei Ebenen tiefer geht es nie) dann den entsprechenden Parametern; navigiert wird mit zwei Pfeiltasten und einem gerasterten Drehregler.
Anschlussseitig gibt es neben MIDI In und MIDI Out (der auch sämtliche Noten des Arpeggiators und die Controllerdaten ausgeben kann) einen Stereoeingang für externe Signale zum Filtern, einen Stereoausgang und einen Kopfhörerausgang, dazu USB (mit MIDI) und Gate- und CV-Out. Die CV/Gate-Implementation ist übrigens recht umfangreich und bietet neben Volt/Okt. und Hz/Volt auch Tuning für CV und wahlweise S-Trigger oder normales Triggerverhalten für Gate. Der Pulse 2 kann sämtliche Sounds des Pulse und Pulse + laden und reproduzieren, wofür es extra den Pulse Legacy Mode gibt, der dann auch nur die Parameter des Vorbildes hat.

Oszillatoren und Filter
Der Pulse 2 bietet drei digital gesteuerte analoge Oszillatoren, die die üblichen Wellenformen plus PWM und APW (eine PWM-Variation mit alternierender Pulswelle) haben können. Der dritte Oszillator kann darüber hinaus auch mit einem externen Signal oder dem Feedback-Signal gespeist werden. Im Unison-Modus gibt es außerdem die Möglichkeit, mit bis zu acht PWM-Oszillatoren Paraphonie zu erzeugen, also acht Stimmen gleichzeitig erklingen zu lassen, die sich dann aber den Filter teilen. Die Filtersektion bietet ein Multimode-Filter, bei dem nur der Tiefpass bis zu 24 dB Flankensteilheit hat: trotzdem packt er in allen Modi kräftig und ohne große Lautstärkesprünge zu.

Modulation: LFOs und flotte Hüllkurven
Zwei LFOs gibt es, die sich zusätzlich zur Hüllkurve auf insgesamt 25 verschiedene Modulationsziele lenken lassen, was auch für die ausgefallensten Wünsche ausreichen dürfte. Die LFOs können wahlweise frei laufen oder schrittweise zum Tempo synchronisiert werden. Die Hüllkurven dürften zu den schnellsten in dieser Preisklasse gehören: zuschnappenden Zaps, knackige Bassdrums und Percussionelemente lassen sich damit problemlos erzeugen.

Sound
Der Pulse 2 hat, wie schon sein Vorgänger, einen sehr charakteristischen und vielseitigen eigenen Sound: druckvolle, trockene Bässe mit schnellen Attacks, aber auch intensive Modulationen mit schmatzigen Filterfahrten, breite ausladende Pads, Noiseorgien und Ravepianos sind möglich. Dabei ist der Sound grundsätzlich ein wenig kühl und, anders als bei einem klassischen monophonen Analogsynthesizer, immer sehr präzise und detailliert, aber trotzdem sehr lebendig und auf seine ganz eigene Art organisch.

Inoffiziell aber praktisch: Max-Editor
Auch wenn der Pulse 2 mit 500 Speicherplätzen kommt, ist ein Editor eine praktische Sache, allein schon zum Sounds basteln. Ruben Hulzebosch hat einen ziemlich nützlichen in Max gebaut: der kann nicht nur unter OS X und Windows Standalone eingesetzt werden, sondern funktioniert auch als Max4Live-Patch und ist für sechs Euro zu haben. Da sämtliche Parameter via MIDI CCs und Sysex steuerbar sind, kann man sich natürlich relativ einfach auch selbst einen basteln.

Der Pulse 2 ist eine gelungene Reinkarnation des Pulse, nur besser und bedienungsfreundlicher: Der ausgewachsene Arpeggiator erweitert seine Fähigkeiten deutlich und die Paraphonie (mehrere Oszillatoren, aber nur ein Filter) sorgt für breiteren, abwechslungsreicheren Sound. Demnächst soll wohl noch ein speziell auf den Pulse 2 ausgerichtetes Effektboard kommen, außerdem soll es in Zukunft per Firmware-Update möglich werden, den Pulse mit dem Pulse 2 zu kaskadieren, so dass man eine polyphone Version bekommt. Alle Fans der ersten Version dürften den Pulse 2 lieben. Der einzige Nachteil im Vergleich zum Vorgänger ist der fehlende CV/Gate-Eingang.

Max-Editor für den Waldorf Pulse 2
(6 Euro)

Waldorf Pulse 2 Editor für Windows als Standalone und VST (10 Euro)

Preis: 500 Euro

Waldorf

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